Stützen oder verkrüppeln?
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“, mit Genehmigung des Autors)
„Wenn du Geld für dich reden lässt, übertönt das alles andere, was du sagen wolltest.“ (Mignon McLaughlin)
„Ja“, erwiderte der König, „aber denen, die einen Gewinn vorweisen können, wird noch mehr gegeben werden.“ (Lk 19,26; NEÜ)
Wenn man jemand mit Geld überschüttet, wird man seine Initiative bremsen, außer vielleicht seine Initiative zum Einkaufen zu gehen. Wenn jemand im Lotto gewinnt, verliert er oft jeden Wunsch fleißig zu arbeiten. Meistens wird die Initiative ruiniert und das Leben wird zerstört, nur selten hilft jemandem so ein Gewinn.
Wir sehen dieses Problem in den Indianerreservaten in den USA. Viele von ihnen haben den Willen zum Arbeiten verloren. Wenn wir in ein Gebiet kommen, mit Geld um uns werfen und die Leute großzügig versorgen, untergraben wir oft die lokale Initiative, die es dort vielleicht schon gibt.
Man sollte nie versuchen Geld zu benutzen, um Initiativen zu starten. Man sollte es benutzen, um die zu unterstützen, die schon die Initiative ergriffen haben. Wenn wir mit jemand zusammenarbeiten, der schon in Bewegung ist, kann unser Geld dazu dienen, ein Werk zu unterstützen, das schon läuft.
„Mit ihnen“ oder „statt ihnen“?
Mein Freund Shel Arensen ist Missionar in Kenia. Er hat miterlebt, wie Geld hilft oder hindert, stützt oder verkrüppelt. Als er anfing einen unerreichten Stamm in den Bergen zu missionieren, war er entschlossen, sein Geld und seine Mittel weise einzusetzen. Er wollte Gemeinden bauen, die nicht auf Geld aus dem Westen warten würden, bevor sie irgendetwas unternehmen. Sie sollten lernen Dinge selbst zu beginnen.
Wie setzte er seine Entscheidung um? Viele kamen zum Glauben. Ein Gemeindehaus wurde gebraucht. Mein Freund weigerte sich das Gemeindehaus für sie zu bauen. Er würde ihnen aber helfen, wenn sie selbst zu bauen anfingen. Nachdem sie die Wände aufgerichtet hatten, besorgte Shel das Blech für das Dach (dadurch wurde auch der Wald geschont, der dort schon zu sehr abgeholzt wurde). Die örtliche Initiative wurde durch sein Verhalten angeregt und nicht erstickt.
Leider kommt es zu oft vor, dass wir wohlmeinenden Amerikaner die Initiative der Gläubigen vor Ort ersticken. Das passiert durch so einfache Sachen wie durch den Bau eines Gemeindehauses. Folgender Unterschied erscheint gering, aber er macht viel aus: Die eine Art zu helfen ist „mit ihnen“, die andere ist „statt ihnen“. Als Shel das Blech zahlte und beim Dach half, war das „mit ihnen“. Aber der vollständige Bau eines Gemeindehauses ist „statt ihnen.“ Die eine Art des Gebens hilft und stärkt, die andere hindert und verkrüppelt, obwohl man beide Male vorhat großzügig zu geben und zu unterstützen.
Eine neue Gemeinde in den Bergen
Wir fuhren vom Naivasha See hinauf in die Berge, wo die Dorobo leben. Ich saß auf dem Beifahrersitz, und der Geländewagen hüpfte und sprang die „Straße“ bergan. Dieser Stamm ist total selbstständig, sie sind ganz auf sich allein gestellt. Sie sind einer der wenigen Stämme auf der Erde, die noch ganz als Jäger und Sammler leben. Aber diese Lebensweise werden sie nicht mehr lange fortsetzen können, weil das Waldgebiet, worin sie leben, immer weiter kahl geschlagen wird. Einer der Stammesältesten sagte: „Unsere Nahrung bestand aus Büffelfleisch und wildem Honig.“ Heute wird das durch Kartoffeln ersetzt, die sie auf den abgeholzten Flächen anbauen müssen, um zu überleben.
Ich war sehr gespannt auf einen Gottesdienst bei diesem Stamm, der zehn Jahre vorher noch völlig unerreicht war. Meine Frau und ich begleiteten Shel und wir fuhren vier Stunden bis in das Herz des Stammesgebietes, um eine neugegründete Gemeinde zu besuchen. Shel hatte zwar die Arbeit unter den Dorobos begonnen, aber diese Gemeinde hatte er noch nie besucht. So freute er sich auch darauf, sie kennen zu lernen. Die Dorobo hatten diese Gemeinde selbst gegründet. Sie hatten das Evangelium in dem Gebiet verbreitet, dann haben sie die Jünger gefestigt und sogar ein Gemeindehaus gebaut – ohne die Hilfe des weißen Mannes und ohne Gelder von außen.
Schließlich fuhren wir auf den „Parkplatz“ in ca. 2700 m Höhe. Es war nur für ein Auto Platz. Wir waren die ersten Weißen, die diese Gemeinde besuchten.
Ein frisch bekehrter Mann, der in der Nähe wohnte, hatte das Grundstück zur Verfügung gestellt. Das Baumaterial wurde in der Umgebung gesammelt und die Geschwister bauten das kleine Haus gemeinsam. Sie haben nicht nur die Wände gebaut, sie haben auch nicht auf Shel gewartet, dass er Blech für das Dach bringt, mit Geld aus dem Ausland.
Wir feierten dort einen wunderbaren Gottesdienst.
Eigene Initiative fördern
Diese Art von Initiative der Christen vor Ort ist ganz erstaunlich für mich. Ich bin gerade aus einem Nachbarland zurückgekommen. Ein einheimischer Mitarbeiter war ganz frustriert, weil die Initiative der einheimischen Gemeinden zerstört wurde – durch „christliche Sozialhilfe.“ Die Einstellung war: „Warten wir mal, bis die Ausländer was geben.“
Ich fragte Shel was er unternommen hatte, um die Christen dazu zu bringen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Er antwortete: „Das war gar nicht so leicht. Vor einigen Jahren half ich mit dem Dach für ein neues Gebäude. Die Dorfältesten baten mich dann, ob ich nicht auch mit einer Toilette für das neue Gebäude helfen könnte. Ich antwortete ihnen, dass sie die ganze Zeit selbst Toiletten bauen und dass sie das selber machen sollten. Sie hatten aber davon gehört, dass die Ausländer überall in Kenia alles geben, worum man sie bittet. Deswegen beschwerten sie sich bei mir: `Wir haben erwartet, dass du uns wirklich mehr hilfst.´ Sie ärgerten sich. Es ging nicht darum, dass ich das Geld nicht auftreiben konnte oder keine Bauarbeiter fand. Es ging um das Prinzip, dass sie selber das tun sollten, was sie tun konnten. Ich wollte nicht die Vorstellung nähren, dass sie auf den „reichen Mann“ angewiesen sind. Ich fühlte mich furchtbar, weil die Dorfältesten sich wirklich darüber aufregten, dass ich nicht bereit war, bei dieser kleinen Arbeit finanziell zu helfen. Sie verließen mich voller Zorn, sie verließen die Gemeinde und kehrten zu ihrem sündigen Leben in Alkohol und anderen Bosheiten zurück. Ich war am Boden. Habe ich diese Männer zu Fall gebracht? Hätte ich ihnen die kleine Summe geben sollen, um die sie mich gebeten hatten? Wären sie dem Herrn weiter gefolgt, wenn ich das gemacht hätte? Diese Fragen nagten an mir. Die Christen am Ort übernahmen das dann, sie bauten die Toilette selbst und die Gemeinde bestand weiter. Und die verärgerten Dorfältesten? Nach ein paar Jahren gaben sie ihre Sünden auf, in die sie zurückgefallen waren und bekehrten sich zum Herrn. Jetzt sehe ich dieses Gemeindehaus, das die Leute ganz alleine gebaut haben, ohne Hilfe von außen. Ich freue mich sehr und ich weiß, dass meine Entscheidung damals richtig war.“
Unterstützung bei der Evangelisation
„Ein anderes Mal bat mich eine Gruppe von Dorobo-Evangelisten, dass ich ihnen bei ihrer nächsten Reise helfen sollte. Sie fragten, ob ich sie zu dem Dorf fahren würde, wo sie evangelisieren wollten. Dabei sah ich ein Problem: Wenn ich sie hinfahren würde, könnte leicht der Eindruck entstehen: Zum Evangelisieren brauchen wir ein Auto. Ich verwendete ein Auto, um in das Gebiet der Dorobo zu kommen, denn unser Haus lag viele Stunden entfernt. Ihr Alltag ist aber nicht von Autos abhängig. Warum sollte ihr Dienst für den Herrn von Autos abhängig werden? Ich fragte, wo sie evangelisieren wollten und bot meine Hilfe an. Wir trafen uns in ihrem Dorf und wanderten gemeinsam dorthin, ungefähr 23 km weit. Im neuen Gebiet half ich das Evangelium zu verbreiten. Wenn ich sie bei diesem ersten Mal hingefahren hätte, hätten sie wahrscheinlich eine falsche Lektion gelernt. Wenn ich sie jetzt, nach Jahren, ab und zu mal irgendwohin fahre, bremst das ihre Initiative nicht. Sie haben das Evangelium schon verbreitet und weitere Gemeinden gebaut und immer ohne ein Auto!“
Wenn weniger wirklich mehr ist
Stellt euch vor, die Überschrift in der Tageszeitung wäre: „Bill Gates wird religiös. Er kündigt an sich einer Gemeinde anzuschließen.“ Was würden die Gemeinden denken, wenn er in eurer Stadt leben und diese Ankündigung machen würde? Worauf würden sie hoffen?
Sie denken wahrscheinlich: „Super! Wenn er gehorsam den Zehnten gibt, hätten wir in unserer Gemeinde 50 Millionen Dollar im Jahr zur Verfügung. Stellt euch vor, was wir alles mit dem Geld machen könnten. Wir könnten das Bauprojekt fertig stellen, das schon lange ansteht. Und wir bräuchten nicht mehr zusätzlich für unsere Missionsprojekte zu sammeln.“ Wir würden beten, dass er zu uns in die Gemeinde kommt.
Aber in Wirklichkeit wäre das eine große Gefahr für unsere Gemeinde. Es würde unsere Gemeinde wahrscheinlich zerstören, wenn er sich uns anschließt und beginnt den Zehnten zu geben.
Vor kurzem hatten wir eine kleine Finanzkrise in unserer Gemeinde und mussten unsere Ausgaben einschränken. Es sah wie eine Krise aus, aber es war eigentlich ein großer Segen. Wir hatten uns angewöhnt, dass wir sofort jemand einstellten und bezahlten, sobald sich eine Aufgabe stellte. Es war einfach immer genug Geld dafür da. Aber jetzt waren die finanziellen Mittel weniger geworden und wir mussten die Aufgaben anders bewältigen, durch unsere Geschwister. Wir brauchten Freiwillige und so versuchten wir alles, um Leute zu motivieren und auszubilden. Jetzt arbeiten mehr Geschwister in unserer Gemeinde mit als jemals zuvor. Warum? Weil wir kein Geld hatten jemand anzustellen. Die Leute, die gewohnt waren zu geben, gaben jetzt noch auf eine andere Weise: Sie opferten ihre Kraft und ihre Zeit wie nie zuvor. Aber wie würde es sich auf uns auswirken, wenn Bill Gates hierher kommen würde und anfinge den Zehnten zu geben?
Die Auswirkungen
Vor kurzem fragte ich einige großzügige Christen: „Was würde passieren, wenn Bill Gates in eure Gemeinde kommen und den Zehnten geben würde?“
Hier sind die Antworten:
• Die Geschwister würden aufhören für die Gemeinde zu geben.
• Die Leute würden sich fragen: „Wozu brauchen sie noch meine 300 Dollar im Monat, wenn schon 5 Millionen gegeben werden?“
• Die Gemeindeglieder würden die Gemeinde nicht mehr als „ihre“ Gemeinde sehen.
• Die Leute würden sich andere Projekte suchen, wo sie geben können.
• Es würde die Gemeinde zerstören.
Wie ich schon sagte, könnte das der Anfang von einem sehr schnellen Ende sein, wenn die Gemeinde nicht extrem stabil ist.
Sollen die Leute aufhören zu geben, nur weil Bill Gates am Sonntag kommt? Natürlich nicht. Aber die Realität ist: Viele würden aufhören.
Wenn also so etwas in einer Gemeinde passiert, wo bereits eine Gewohnheit des Gebens verbreitet ist, was würde erst passieren unter Christen, die noch nicht die Gewohnheit haben überhaupt zu geben, die das Geben noch nicht gelernt haben?
Es wäre so ähnlich wie bei den Leuten, die in der Lotterie gewinnen. Sie haben gehofft, dass sie gewinnen, damit ihre Probleme endlich aufhören. Aber wenn sie gewinnen, zerstört das Geld alles, was sie vorher hatten.
Wenn wir Amerikaner in einem armen Land auftauchen, werden wir so betrachtet wie wenn Bill Gates bei uns auftaucht: „Der reiche Mann ist da um uns zu retten.“ Oft ist die Idee verbreitet, dass wir alle unsere Probleme lösen könnten, wenn der Reiche seine Brieftasche öffnet. Dieser Gedanke ist bestenfalls ein schöner Traum.
Eigenständige Weiterführung
Der Apostel Paulus hat vorgemacht, wie man Gemeinden auf eine Weise beginnt, dass sie eigenständig weitermachen können. Wir haben sein Vorbild seit 2000 Jahren. Wenn wir das Vorbild von Paulus missachten und das tun, was uns gut erscheint, oder was im Moment gut funktioniert, zerstören wir letztlich die Gemeinde. Das sollten wir nicht tun, denn sie ist die Braut Christi!
Wir müssen uns den harten Fragen stellen: „Wird dieses Projekt weitergehen, wenn morgen das Geld ausgeht? Werden die Einheimischen die Fackel weitertragen? Oder ist es eine goldene Fackel aus dem Westen, die für sie zu schwer zu tragen ist? Untergräbt das, was ich jetzt tue, die Zukunft der einheimischen Gemeinde?“
Lasst uns auf eine Weise geben, dass die Gemeinden auf eigenen Füßen stabil stehen!