Die Unterredungen des Herrn mit Frauen
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Der moderne Leser mag über Johannes‘ Kommentar „Seine Jünger … wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach…“ (Joh 4,27) verwirrt sein. Was ist so besonderes daran, in der Öffentlichkeit mit einer Frau zu reden? Doch man muss bedenken, dass die Konventionen zur Zeit Jesu in dieser Sache konträr zu den heutigen standen.1 Der Herr Jesus weigerte sich, sich als Geisel der damaligen Zeiten nehmen zu lassen! Johannes scheint die Aufmerksamkeit seiner Leser auf ein spezielles Thema hin fokussieren zu wollen, das sich durch sein gesamtes Evangelium zieht: die Gespräche des Herrn mit Frauen.
Johannes berichtet von sechs Unterredungen mit Frauen, wobei fünf davon sich nur bei ihm finden. Markus erwähnt die Begegnung mit Maria Magdalena am Grab (Mk 16,-11), ebenso Matthäus (Mt 28,1-10), aber Johannes ist es, der Einzelheiten dazu aufzeichnet. Das Thema jedes Austausches ist höchst theologisch und erklärt einige Aspekte unserer Beziehung zu Gott oder zueinander als Kinder Gottes 2.
Das Gespräch des Herrn mit Seiner Mutter Maria (Joh 2,1-11)
Anlass dieser Begebenheit war eine Hochzeit, die Feier des Beginns einer neuen Beziehung zwischen zwei Menschen. Während des Festes trat ein Problem auf. Der Wein war ausgegangen! Viele Ausleger weisen darauf hin, dass der Wein in Zusammenhang mit der Freude steht (Jud 9,13; Ps 104,15). Wenn das so ist, findet diese Situation heute ihre Entsprechung in vielen Ehen, ist Thema unzähliger Lieder und der Grund für noch mehr Scheidungen. Wie kann in eine Beziehung wieder Freude einkehren, wenn sie ausgegangen ist? Sünde in ihren verschiedenen Formen schädigt menschliche Beziehungen. Daher ist es sehr aufschlussreich, dass Jesus das Wasser der Reinigung in den Wein der Freude verwandelt!
Auf der wörtlichen Ebene erzählt uns Johannes allerdings von dem Beginn einer anderen Beziehungsänderung. Jesus hatte sich bis dahin seinen Eltern untergeordnet (Lk 2,51). Nun war der Zeitpunkt für den Beginn seines öffentlichen Dienstes gekommen (Joh 2,11). Offenbar wies ihn Maria darauf hin, da sie meinte, ihr Sohn müsse etwas wegen des ausgegangenen Weines unternehmen. Seine höfliche 3, doch verblüffende Antwort „Frau, was geht es dich an, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ kündigt eine neue Ordnung der Dinge an, ein neues Verhältnis zwischen Jesus und seiner Mutter. Der Vater hatte seine Stunde bestimmt. Dieses öffentliche Wunder sollte „der Beginn der Zeichen“ (2,11) sein, die eine Lawine von Ereignissen auslösen würden, die zu seiner Kreuzigung führen sollten. Wie konnte es seine Mutter wagen, sich in seine Beziehung zu Gott einzumischen?
Auf einer weiteren Ebene deutet diese Geschichte auf das Herz des Johannes-Evangliums hin: Wie beginnt die neue Beziehung mit Gott? Marias Rat an die Diener damals muss auch heute befolgt werden: „Was Er zu euch sagt, tut es“ (2,5) 4. Die Diener taten wie geheißen und füllten die Wasserkrüge bis zum Rand mit einigen hundert Litern Wasser. Dann kam die wirkliche Herausforderung für ihren Glauben. Jesus gebot ihnen, einiges Wasser herauszuschöpfen und es einem geachteten Gast, dem Zeremonienmeister 5 zu bringen! Der arme Diener mag aus Angst die Hälfte des Wassers auf dem Weg verschüttet haben! Was würde der ehrenwerte Zeremonienmeister auf die Bitte des Dieners sagen, ein Glas Wasser zu kosten, das den Hochzeitsgästen serviert werden sollte? Diese Handlung erforderte einfachen und persönlichen Glauben an den Herrn Jesus und an sein geoffenbartes Wort. Solch ein Akt des Glaubens öffnet die Tür zur neuen Beziehung mit Gott.
Das Ergebnis? Die Reaktion des Bankettsvorsitzenden macht es deutlich, dass es sich bei dem Inhalt des Bechers nicht um Wasser, nicht um durchschnittlichen Wein, aber auch nicht um Traubensaft handelte, wie einige moderne Leute es vorausgesetzt haben! Er war überrascht von der Qualität des Weines und schalt den Bräutigam. Seine Worte über die Bankettetikette sagen viel über den Unterschied zwischen dem Leben in der Welt und dem ewigen Leben (Beziehung zu Gott) aus: „Jedermann bringt zuerst den guten Wein, und wenn die Männer freimütig getrunken haben (lit: betrunken geworden sind), dann den schlechteren. Ihr habt den guten Wein bis jetzt aufbewahrt.“ (2,10). Das Leben in dieser gottlosen Welt verspricht mehr, als es gibt, denn das Vergnügen der Sünde ist flüchtig (Heb 11,25b). Die Qualität des Lebensweines, der der Beziehung mit Gott beraubt wurde, wird schlechter und schlechter, aber das Leben, das Jesus uns anbietet, wird besser und besser.
Die Unterredung des Herrn mit Maria Magdalena (Joh 20,11-18)
Dieses Gespräch ähnelt in einem wichtigen Punkt dem ersten. Auch hier wird die Ankündigung einer neuen Beziehung thematisiert.
Als Petrus und Johannes das leere Grab gesehen hatten, heißt es, dass sie glaubten und heimgingen. Sie nahmen offensichtlich an, dass sie alles gesehen hatten, was es an diesem Morgen zu sehen gab (20,5-10). Maria blieb draußen und weinte. Gab es wirklich nichts weiter zu sehen? Für den Anfang zunächst einmal zwei Engel. Aber sie war nicht zufrieden mit einem leeren Grab, und selbst Engelsgestalten waren ihr nur ein geringer Trost. Nichts außer dem Herrn selbst konnte sie trösten, und Er war hinfort genommen worden (20,13). Durch ihre Tränen sah sie einen Mann, aber erkannte ihn nicht, bis sie ihn ihren Namen rufen hörte, „Maria“ (20,16).
Der Herr Jesus hatte zwischen ihr und ihrer schrecklichen Vergangenheit gestanden. Maria fürchtete, dass er von ihr wieder weggenommen werden würde. So klammerte sie sich verzweifelt an ihn (20,16-17). An diesem Punkt kündigte der wieder auferstandene Herr unsere neue Beziehung zu Gott an. „Haltet nicht länger an mir fest, denn ich muss zu dem Vater auffahren und zu meinen Brüdern gehen und zu ihnen sagen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, meinem Gott und eurem Gott“ (20,17) . Eine tief greifendere theologische Offenbarung war nie zuvor gemacht worden!
Der Herr sprach zu dieser Frau klar von seinem Aufsteigen in den Himmel und von der neuen Beziehung, an der sich Gläubige fortan mit Gott erfreuen dürfen. Er schickte sie zu seinen Jüngern, die er „meine Brüder“6 nennt und machte klar, dass sein Aufsteigen zum Vater für Gläubige etwas Besonderes bedeuten würde. Er sagte nicht „unser Vater“, denn er genießt stets eine einzigartige Beziehung mit Gott. Doch sein Vater ist unserer geworden! Sein Gott ist nun unserer! Diese einzigartige Beziehung, die es zwischen dem Vater und seinem ewigen Sohn gab, zwischen Gott und seinem Christus, wurde die Basis unserer neuen Beziehung mit Gott: „…der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus hat uns gesegnet mit allem geistlichen Segen…in Christus.“ Wir sind erwählt in Christus, bestimmt zur Sohnschaft durch Christus. Wir haben Erlösung in ihm…“ (Eph 1,3-4). Die Segnungen, die aus der neuen Beziehung „in Christus“ fließen, setzen sich ständig fort!
Diese Beziehung ist überaus persönlich. Maria Magdalena erkannte den Herrn, als sie ihn ihren Namen rufen hörte! Die persönliche Erkenntnis Gottes ist entscheidend für das ewige Leben (Joh 17,3), das weit mehr ist, als Leben nach dem Tod oder goldene Himmelsgassen. Ewiges Leben ist eine Beziehung, die zwischen Personen entsteht (Joh 10,14-15,27-28). Der Herr ruft seine Schafe mit Namen (Joh 10,3) und eines Tages wird jedes einen weißen Stein aus der Hand des Herrn erhalten, mit „einem neuen Namen geschrieben auf dem Stein, den niemand kennt als nur der, der ihn empfängt“ (Off 2,17). Stellt euch das vor, ein neuer Name, den niemand kennt, ein persönliches Geheimnis zwischen jedem Gläubigen und seinem Herrn!
Die Unterredung des Herrn mit der Samariterin (Joh 4,1-42)
Auf dem Weg von Judäa nach Galiläa „musste der Herr (notwendigerweise) Samaria“ durchqueren (4,3ff). Eigentlich hätte er das Gebiet umgehen können, wie Juden es oft taten, aber er musste „den Willen dessen tun, der ihn gesandt hat“ (4,34). Gott war auf der Suche nach einer verlorenen Frau.
Diese Frau von Sychar hatte keine wahre Beziehung zu einem Mann (4,16-18) und war deshalb eine passende Vertreterin für ein Volk ohne eine echte Beziehung zu Gott. Die Samariter lehnten die historischen Bücher des Alten Testaments ebenso ab, wie die Schriften der Propheten. Barrett fügt hinzu „Die Samariter wendeten das Gesetz des einen Heiligtums aus dem 5. Buch Mose nicht auf Jerusalem, sondern auf den Berg Gerizim an, zu dessen Gunsten sie auch andere Passagen aus dem Alten Testament lasen.“ 7 Dort beteten sie einen Gott an, den sie nicht wirklich kannten (4,22). Sie hatten keine echte Beziehung zu ihm.
Doch weil Gott Anbeter sucht, sandte er den Messias, um mit dieser Samariterin zu sprechen. Das Thema Durst bildete eine gemeinsame Basis mit der Frau, und seine unkonventionelle Bereitschaft, mit ihr zu reden, stachelte ihre Neugier an (4,7-9). Seine geheimnisvolle Antwort auf ihre erste Frage (4,9) weckte in ihr eine noch größere Neugier an seiner Person (4,10). Vor ihren Augen saß ein faszinierender Mensch, ein Mann, wie sie noch niemals einen zuvor gekannt hatte, einer der geben wollte, nicht nehmen. Wer war er?
Der Galiläer bot der durstigen Frau „lebendiges Wasser“ an. Es wurde schnell offensichtlich, dass er nicht über H2O im buchstäblichen Sinne sprach. Er beschrieb ewiges Leben als ein Geschenk von Gott, Wasser von Gott, das Durst dauerhaft stillt, Wasser, das zu einem Springbrunnen Richtung Gott aufschießt, zu der Quelle, von der es kam (4,10-14). Ewiges Leben – so deutete Jesus der Frau an – würde ein zufrieden stellender Kreislauf aus Geben und Nehmen sein – eine Beziehung. Die Frau von Sychar hatte schon lange Zeit nach einer befriedigenden Beziehung gedürstet, nur um wieder und wieder zu trinken und immer noch durstig wegzugehen. Sie wollte dieses lebendige Wasser.
Jesus schockierte die Frau mit seiner Erkundigung nach ihrem Ehemann und durchschaute ihre sorgfältig überlegte Antwort (4,16-18). Bis zu diesem Punkt war ihre Meinung über ihn beständig gestiegen (4,9.10.12), aber nun wurde ihr klar, dass sie sich in Gegenwart von jemandem befand, der sie kannte, der den Grund ihrer Verteidigungen durchschaute, wie es nur ein wahrer Prophet konnte (4,19).
Auf den ersten Blick mag die Reaktion der Frau wie ein Ablenkungsmanöver erscheinen. In Wirklichkeit stellte sie eine ehrliche theologische Frage (4,20). „Ein jüdischer Prophet? Aber…aber hier gibt es eine schwerwiegende theologische Unstimmigkeit!“ An diesem Punkt sprach der Prophet zu der Samariterin von dem wirklichen Wesen Gottes und offenbarte ihr das bevorstehende Kommen des Zeitalters des Geistes (4,20-24). Die Samariter hatten in Unkenntnis angebetet, und die Juden hatten die ganze Zeit Recht gehabt. Jerusalem war die für Gott bestimmte Tempelstätte gewesen, aber nun war ein neuer Tag angebrochen. Bald würde wahre Anbetung die Geographie überschreiten. Gottes Wesen ist Geist und deshalb ungebunden an geographische Überlegungen. Die Voraussetzungen für zukünftige Anbetung würden nur zwei an der Zahl sein. Erstens müssen wahre Anbeter „im Geist“ vom Geist erfüllt sein (Rö 8,9). Sie müssen „im Geist anbeten“, nicht auf Grund geistlicher Errungenschaften oder ethnischer oder religiöser Herkunft (Phil 3,3-6). Zweitens kann wahre Anbetung nur auf der von Gott geoffenbarten Wahrheit fußen – dem Evangelium.
Den 11 Jüngern sollte Jesus einige dieser Dinge erst viel später offenbaren, am Vorabend seines Todes (Joh 14-16). Sie sollten erst nach seiner Himmelfahrt und der darauf folgenden Ausschüttung des Heiligen Geistes beginnen, das Ganze zu verstehen (Apg 8,4-17; 10-1-11,18; 15-6-11). Eine Samariterin war die erste, die in diesen tiefen Dingen eigeweiht wurde.
Jesus bestätigte, was die Frau zu spüren schien. Er war tatsächlich der lange erwartete Messias (4,25f). Ihr Durst war gestillt. Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen und kehrte zur Stadt zurück, um das Interesse an ihrem neu entdeckten Retter zu schüren (4,28-30). Sie überzeugte andere mit Erfolg, indem sie das hervorhob, was auch sie überzeugt hatte. Der Prophet hatte ihre Träume verstanden und seine Botschaft von Gott darauf bezogen (4,10-15). Er hatte ihre von Herzen kommende theologische Frage beantwortet (4,20-22). Er kannte sie, wusste um ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart. Trotzdem wollte der Messias sie (4,16-19,29). Gott hatte nach ihr – der verachteten Frau von Sychar – gesucht! (4,23)
Ihr Retter teilte ihre Zufriedenheit! Die Jünger waren verblüfft, ihren Meister zufrieden gestellt vorzufinden (4,31). Seine Antwort auf ihre Frage erhebt Evangelisation in Schwindel erregende Höhen. Sie könnte locker umformuliert werden in: „Wie könnt ihr jetzt über Essen reden? Ich habe sie gefunden! Ich habe sie gefunden! Gezwungenermaßen, wegen dieser Frau, reise ich durch Samarien (4,4). Der Vater hat sie gesucht, und ich musste sie nur finden! Oh, es gibt eine Quelle der Zufriedenheit, die euch nur wenig bekannt ist. Was mein Herz ernährt, meine müden Knochen stärkt und mich mit Energie speißt, ist, den Willen Gottes zu tun und sein Werk zu vollbringen“ (4,34). Der Retter wollte unbedingt eine Frau, die kein anderer wollte.
Die Unterredung des Herrn mit der jüdischen Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11)8
Die Frau aus Samarien hatte keine echte Beziehung zu einem Mann (4,16-19), aber die Situation dieser jüdischen Frau war viel schlimmer. Sie war dem rechtmäßigen Ehebund mit ihrem Mann untreu geworden. So dient ihr Beispiel als passendes Muster für die Beziehung ihres Volkes zu Gott und seinem Bund.
Die Ehebrecherin fand sich – um in der Sprache der Schachspieler zu sprechen – in der Rolle eines Bauern wieder. Die religiös Etablierten suchten nach Gründen, um Klage gegen Jesus zu erheben. Sie schleppten die Ehebrecherin zum Hof des Tempels und stellten sie in die Mitte der Zuhörer Jesu. Unter Berufung auf die Forderung des Gesetzes nach der Todesstrafe baten sie den Rabbi um sein Urteil in dieser Angelegenheit (8,2-6a). Es gab keinen augenscheinlichen Weg, um sich aus dieser cleveren Falle zu winden. Sollte der Lehrer auf Gnade plädieren, würde er gegen das Gesetz Gottes sprechen und so als Gesetzesbrecher ausgeschlossen werden. Sollte er auf der vom Gesetz vorgeschriebenen Strafe bestehen, hätten sie Grund, Ihn vor dem römischen Statthalter anzuklagen 9. Die aufs Gesetz Pochenden hatten Jesus scheinbar zwischen zwei sich widersprechenden Rechtssprechungen gefangen.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer glaubten einen „luftdichten“ (oder unangreifbaren) Fall vorgeführt zu haben. Es gab keine Frage, was die Schuld der Frau anging. Sie war auf frischer Tat ertappt worden. Und das Gesetz war auf ihrer Seite – oder? Gemäß dem Gesetz war Ehebruch zwar mit dem Tod zu bestrafen, aber das galt gleichermaßen für Mann und Frau (3. Mo 20,10; 5. Mo 22,22-24). War sie tatsächlich auf frischer Tat ertappt worden, hatten die Ankläger den Mann aus der Verantwortung genommen. Diese Männer zitierten Gottes gerechtes Gesetz, während sie es zu ihren Gunsten und zum Nachteil der Frau manipulierten. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die verdrehte Auffassung von Gerechtigkeit in einer „Männerwelt“.
Was würde der junge Lehrer sagen? Nichts! Er bückte sich nieder, begann etwas mit seinen Fingern auf den Boden zu schreiben und gab den versammelten Selbstgerechten Zeit zum Nachdenken. Die Männer bedrängten ihn, bis ER sich mit einer prüfenden Frage erhob, die sie zum Schweigen brachte und die finstere Ungerechtigkeit ihrer Herzen bloßstellte. Der Herr rief die Ankläger auf, ihr moralisches Urteilsvermögen zu nutzen, um ihr eigenes Verhalten zu beurteilen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Warum erhoben sie sich nicht gegen den jungen Lehrer? Unter dem strahlenden Schein des „Lichts der Welt“ (8,12) hatten sie unangenehme Dinge gesehen, die moralische und geistliche Dunkelheit in ihrem Leben. Irgendwie müssen sie gespürt haben, dass er sie und ihre Schuld kannte. Ein Ankläger nach dem anderen verließ den Ort, getrieben von der Angst, dass Jesus sie öffentlich bloßstellen würde (8,6b-9). Vieles hätte er über sie zu reden und zu richten gehabt (8,26). Als die Streitführer anfingen zu gehen, beugte sich der Herr nieder und schrieb ein zweites Mal.
In 2. Mo lesen wir auch von einer Szene, in der etwas zweimal mit dem Finger Gottes geschrieben wurde. Gott selbst hatte sich zum Sinai niedergebeugt, um das Gesetz mit seinen eigenen Fingern zu schreiben (2. Mo 31,18). Doch Israel brach die ersten beiden der 10 Gebote so schnell, wie Gott sie schreiben konnte (32,1-8). Das Volk machte sich zur Götzen dienenden Hure (34,16) und setzte sich so Gottes gerechtem Urteil aus (32,9-10). Moses reagierte darauf, indem er die Tafeln zerschmetterte, als er am Fuß des Berges ankam. Er unterstrich die Bedeutung seiner Handlung, indem er den Leuten klarmachte: „Die Schrift war Gottes Schrift“ (32,16). Später, als Gott sich ein zweites Mal „nieder bückte“ (34,5; 19,18), auf dem Berg Sinai stand und zum zweiten Mal das Gesetz schrieb, verkündete er: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue…“ (34,1-9). In unfassbarer Gnade führte Gott nicht die gerechte Strafe des Gesetzes aus und gab so seinem Volk eine weitere Chance. Es war, als würde er mit seinem zweiten Schreiben sagen „Ich bestehe nicht darauf, die Strafe des Gesetzes anzuwenden. Mein Volk, geh hin und sündige nicht mehr!“
Indem er auch in der hier behandelten Stelle zweimal auf den Boden schrieb10, war es, als würde Jesus das Gesetz noch einmal geben. Die Möchtegern-Ankläger fanden sich plötzlich in Gegenwart des Gesetzgebers selbst wieder, und es begann ihnen klar zu werden, dass er sie öffentlich bloßstellen könnte. Nur er besaß den moralischen Wert, den ersten Stein zu werfen. Nachdem er sich von seinem zweiten Schriftzug erhoben hatte, zeigte Jesus die gleiche Gnade gegenüber der Ehebrecherin, die Gott einst gegenüber Israel nach der zweiten Niederschrift des Gesetzes hatte walten lassen: „Ich verwerfe euch nicht.“ Im gleichen Atemzug hielt Jesus die gerechte Forderung des Gesetzes aufrecht, „geh und sündige nicht mehr!“ (8,10-11)
Die Unterredung des Herrn mit Martha am Grab des Lazarus (Joh 11,1-44)
Zwischen dem Herrn und der Familie in Bethanien gab es eine ganz spezielle freundschaftliche Verbundenheit. Mit Sicherheit erwarteten Martha und Maria, dass Jesus schnell kommen würde, nachdem ihr Diener ihm die Nachricht von der schweren Krankheit ihres Bruders Lazarus, seines geliebten Freundes, verkündet haben würde. Sowohl die Jünger als auch die Schwestern konnten sich Jesu Verspätung nicht erklären. Ihr Bruder starb wegen des Herrn unbegreiflichen Zögerns. Die kryptische Bemerkung des Herrn Jesus (er sprach vom Tod als „Schlaf“ etc.) war zu diesem Zeitpunkt kein Trost (11,1-16). Wie konnten sie die Liebe des Herrn für Lazarus (11,3.35-36) in Einklang bringen mit seinem zu spät kommen? Es war ein Rätsel für sie.
Als die Schwestern vom Kommen des Herrn erfuhren, gingen sie hinaus, um ihn zu begrüßen. Marthas erste Worte an ihn bei seiner Ankunft wiederholten sich bald darauf bei Maria, als hätten die beiden Schwestern sie zusammen einstudiert. Sie machen ihre Betroffenheit deutlich: „Herr, wäret ihr hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ (11,21.32) Diese Worte sprechen sowohl in die damalige Situation, als auch in unsere heute hinein. Seit damals haben Generationen von Christen gelebt und sind gestorben. Sie beteten für das Kommen des Königreichs und erwarteten den kommenden König, aber er zog es vor abzuwarten. Wenn er nicht bald kommt, werden auch der hiesige Schreiber und seine Leser „schlafen!“.
Was ist also des Herrn Botschaft an uns, wenn die Freunde des Herrn, unsere geliebten Familienangehörigen, krank werden und sterben, während sie auf das Kommen des Herrn warten? Martha war es, die die Antwort darauf das erste Mal hörte! „Ich bin die Auferstehung und das Leben…“ Für die, die wartend sterben, ist er „die Auferstehung“: „Wer an mich glaubt, soll leben, selbst wenn er stirbt.“ Für die, die am Leben bleiben und das Kommen des Herrn erleben, ist er „das Leben“: „…und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben…“ (11,23-26).
Eines Tages wird der Herr selbst wegen seiner geliebten Freunde zurückkehren. Er wird vom Himmel herabsteigen und sie zu sich rufen mit „einer lauten Stimme“, die an seinen Befehl erinnert „Lazarus, komm heraus!“ Diejenigen, „die bis zum Kommen des Herrn bleiben“, werden hinausgehen, um ihn zu begrüßen, genauso wie damals Martha und Maria (11,20.31). Und „die, die in Jesus entschlafen sind“ (Joh 11,11), werden nicht zurückgelassen werden. Das ist die tröstliche Antwort des Herrn auf menschliche Tragödien. Der Herr überließ es Paulus, die Einzelheiten dieses Mysteriums viel später zu umreißen (1.Thess 4,13-18), aber Martha war wirklich die erste, die es hörte.
Des Herrn Unterredung mit Maria im Schatten des Kreuzes (Joh 19,25-27)
Johannes beschreibt eine zweite Begebenheit, die die tragische Trennung von irdischen Familienbeziehungen zum Thema hat – den unzeitigen Tod von Marias Sohn. Gottes zweite Antwort auf diese menschliche Tragödie ist die Beziehung zwischen Mitgliedern der Familie Gottes.
Jesus war als ältester Sohn dafür verantwortlich, für Josephs Witwe zu sorgen. Kurz vor Seinem Tod gab er diese heilige Verantwortung ab. Wen würde er auswählen für diese Aufgabe, die auch finanzielle Anforderungen, und das womöglich für Jahrzehnte, mit sich brachte? Der Herr wandte sich an „den Jünger, den er liebte“.
Maria und Johannes standen zusammen im Schatten des Kreuzes Christi. Jesus sprach zu seiner Mutter „Frau, siehe, dein Sohn!“ und zu seinem geliebten Jünger „Siehe, deine Mutter!“ Johannes reagierte darauf und übernahm die Verantwortung für Jesu Mutter: „Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“
Im Schatten des Kreuzes zu stehen, zu wissen, dass wir mit der Opferliebe Christi geliebt sind, verändert, wie wir über andere und uns selbst denken. Paulus‘ Zeugnis von der Kraft, die von der Kreuzesliebe ausgeht, könnte umschrieben werden mit: „Wissend, dass wir geliebt sind durch die Opferliebe Christi, müssen wir somit die Wirklichkeit in einem neuen Licht wahrnehmen, im Schatten Seines Kreuzes. Sobald wir begreifen, dass dieser Schatten auf uns gefallen ist, und zwar auf alle, denn er starb für alle, ändert sich unsere gesamte Lebensperspektive. Wir leben nicht länger aus unserer eigenen Ichbezogenheit heraus, sondern für ihn, der für uns gestorben und auferstanden ist! Unsere ganze Denkweise erfährt dann noch in einem anderen Aspekt eine radikale Veränderung. Wenn tatsächlich der Schatten des Kreuzes auf uns alle gefallen ist, können wir andere nicht oberflächlich anschauen. Ihre Hautfarbe, Beziehungen, sozialer Stand und Besitztümer verblassen im Licht von neuen, wunderbaren Wirklichkeiten! Seht ihr nicht, wenn jemand mit Christus verbunden ist, ist er oder sie eine neue Kreatur. Das Alte (einschließlich der alten Wahrnehmung von Menschen) ist vergangen, ersetzt durch Neues, einschließlich einer ganz neuen Identität in Christus!“ (2 Kor 5,14-17).
Paulus fuhr auf die gleiche Weise fort, als er Timotheus anwies, einen älteren Christen wie seinen eigenen Vater zu behandeln, die jüngeren Männer wie Brüder, die älteren Frauen wie Mütter und die jüngeren Frauen wie Schwestern, mit allem Anstand (1. Tim 5,1-2). Es war, als hätte der Herr selbst gesaget: „Timotheus, siehe, deine Mutter!“ Paulus ging dann dazu über, dem jungen Mann Anweisungen bezüglich liebender Fürsorge und Versorgung von Witwen in der Familie Gottes zu geben (1.Tim 5,3-16).
Das Leben ist voller Tragödien. Welch wunderbarer Trost kann die Familie Gottes sein!
Die Haltung des Herrn gegenüber Frauen
Frühe Leser von Johannes‘ Darstellung seines Lehrers müssen zuerst einmal einen Schock erlitten haben, da des Herrn Gewohnheit, mit Frauen zu sprechen, den Konventionen seiner Zeit zuwider lief (Joh 4,27). Nicht nur, dass er sich mit Frauen privat und öffentlich unterhielt, er verwickelte sie zudem in Diskussionen über die Tiefen Gottes, die seine zwölf engsten Nachfolger erst viel später vollständig verstehen würden.
Diese Gespräche in Johannes‘ Evangelium offenbaren etwas Wichtiges über die Haltung des Herrn gegenüber Frauen. Die Tatsache, dass er überhaupt mit ihnen sprach, macht deutlich, dass er kein Traditionalist war. Den Ungerechtigkeiten, denen Frauen in einer „Männerwelt“ ausgesetzt waren, begegnete er mit Empörung. Auch zeigte Seine Herangehensweise an ihre Probleme und Bedürfnisse ungewöhnliches Feingefühl und Verständnis. Jesus hatte ein offenes Ohr für die theologischen Fragen der Frauen. Die Tiefe seines geistlichen Austauschs mit ihnen beweist seinen Respekt vor ihren intellektuellen Fähigkeiten, die es erlaubten, fortgeschrittene geistliche Konzepte zu verstehen und anzuwenden. In Jesu Augen waren Frauen in jedem Fall geistlich und intellektuell gleichberechtigt ihren männlichen Pendants gegenüberzustellen. Zu seiner Zeit war dies ein revolutionärer Standpunkt.