Die vollkommene Ernte – ein Gleichnis über das Erntedankfest (1)
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“ von Jonathan Martin, mit Genehmigung des Autors, Fortsetzung aus dem letzten Heft. )
„Schaffe dir einen Überblick, wie viel Gott dir gegeben hat. Nimm davon, was du brauchst. Der Rest wird von anderen gebraucht.“ (Augustinus)
„Denn nicht damit andere Erleichterung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern nach der Gleichheit: In der jetzigen Zeit diene euer Überfluss für deren Mangel, damit auch deren Überfluss für euren Mangel diene, damit Gleichheit werde; wie geschrieben steht: „Wer viel sammelte, hatte keinen Überfluss, und wer wenig sammelte, hatte keinen Mangel.“ (2. Kor 8,13-15).
„Die segnende Seele wird reichlich gesättigt und der Tränkende wird auch selbst getränkt.“ (Sprüche 11,25).
Während meiner ersten Reise nach Uganda ist mir diese Geschichte eingefallen. Es hatte wochenlang nicht geregnet. Die lebensnotwendige Ernte verwelkte in der brennenden Sonne. Ich dachte an den Supermarkt zu Hause. Ich konnte es fast nicht aushalten. Warum hat Gott so eine Ungleichheit zugelassen?
Als Neunjähriger träumte ich von Disneyland. Aber das war nicht so einfach: Disneyland war in Kalifornien und ich lebte auf einer Farm in Nebraska. Es war zu weit weg, und wir konnten uns die Reise einfach nicht leisten. Vielleicht wird es dieses Jahr geschehen? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht. Wenn das Wetter total mitspielt, könnte es gehen. Vielleicht.
Disneyland wurde 1956 mit großem Rummel eröffnet. Damals war ich vier. Zu meinem neunten Geburtstag bat ich meinen Vater wie jedes Jahr: „Können wir dieses Jahr hinfahren?“ Er sagte immer: „Wenn der Regen genau passt und wenn wir genug ernten können.“ So betete ich, dass in diesem Jahr, 1961, der Regen „genau passen“ würde. „Herr, gib uns eine Ernte wie nie zuvor. Eine perfekte Ernte.“
Wir hatten einige tausend Hektar etwas westlich des Breitengradbaches. Auf der anderen Seite des Baches wohnten unsere Nachbarn, die Ostmanns. Sie hatten genauso eine Farm wie wir. Wir hatten dieselben Pflanzen angebaut und hatten dieselben Tiere. Sie hatten vier Kinder, die so alt waren wie die Kinder in unserer Familie. (Es gab ein Problem: Das Kind in meinem Alter war ein Mädchen, Jennifer. Alle meine Geschwister hatten jemand Passenden zum Spielen, nur ich nicht. Naja.). Die Ostmanns hatten auch die Hoffnung, dass die Ernte perfekt wird und dass dann beide Familien zusammen nach Disneyland reisen könnten.
Ich betete, dass das Wetter passt und so war es zuerst auch. Mein Vater meinte, es sei ein perfekter Winter und ein perfekter Frühling und so war der Boden genau richtig zum Säen. Der Same sprosste sofort. Mein Vater war ermutigt. Noch nie war er so gut und reichlich angewachsen. Ich konnte auf die andere Seite des Breitengradbaches schauen und drüben bei Ostmanns sprosste und grünte es genauso wie bei uns.
Später, als es heiß wurde, regnete es zwei Wochen nicht. Wir hatten damals keine Bewässerung und mein Vater meinte, dass wir dringend Regen brauchen, wenn wir eine gute Ernte haben wollen. Ich wurde nervös. Es bestand die Gefahr, dass ich wieder nicht nach Disneyland kommen würde. Ich betete wie verrückt. Und als ich mit dem Beten fertig war, hörte ich den Donner. Es war großartig.
Es schüttete lange, und alles wurde durchweicht. Das dachte ich zumindest. Am nächsten Morgen wachte ich auf, und rannte raus um die Felder anzuschauen. Sie schauten wunderbar aus. Mein Vater stand neben mir und sagte die ersehnten Worte: „Ein perfekter Regen.“
Dann schaute ich zum Bach, der die Grenze zwischen unserem Land und dem Land der Ostmanns war. Mein Vater hatte auf einmal einen seltsamen Gesichtsausdruck und eilte den Hügel hinunter. Ich folgte aus Neugier. Als wir näher an den Breitengradbach kamen, sah ich, was ihn so beunruhigte. Der Boden auf der anderen Seite des Baches war trocken. Der Guss war auf unser Land niedergegangen, aber das Land der Nachbarn war unberührt geblieben. Seltsam. Vater sagte: „Der Regen ist bei uns runtergegangen, aber nichts bei den Ostmanns. Sie brauchen dringend Regen.“
Wegen diesem einen Regen wuchsen unsere Pflanzen schneller als bei Ostmanns. Ich war glücklich, denn Disneyland war für mich in Sicht. Allerdings wurde mir klar, dass die Ostmanns uns wohl nicht begleiten konnten.
Fünf Tage später regnete es wieder. Helle Blitze. Unglaublicher Donner. Ich genoss das Prasseln der riesigen Tropfen auf unser Dach. Sie brachten Leben, nicht nur für unsere Pflanzen, sondern auch für uns. Alles war durchweicht. „Perfekt“, sagte mein Vater wieder. Ich war glücklich, weil ich hoffte, die Ostmanns hatten endlich auch Regen und ihre Pflanzen würden zumindest nicht absterben. Ich trat hinaus in die kühle Luft nach dem Gewitter und rannte runter zum Bach. Ich erschrak. Es war wieder so: Ihr Boden war fast trocken. Die Feuchtigkeit würde nicht mal die obersten Wurzeln erreichen. Aber der Regen auf unserer Seite war total perfekt.
Ich sah Herrn Ostmann auf seinen Feldern den Boden untersuchen. Sein Gesicht war voller Enttäuschung. Als unsere Augen sich trafen, kam er herüber und begrüßte mich. Dann lud er mich und die ganze Familie zum Abendessen ein, am nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst. Was für ein freundlicher Mann! Es ging ihnen schlecht, aber sie waren trotzdem großzügig.
Wir wussten: Wenn sie nicht in den nächsten drei Tagen Regen bekommen, ist es mit ihrer Ernte aus.
Drei Tage später hatten wir wieder einen perfekten Regen. Aber nicht ganz perfekt. Denn die Ostmanns standen total im Trockenen. Ich kann nicht erklären, wie das möglich war. Die ganze Familie schöpfte im Bach und sie wässerten mit Eimern den Gemüsegarten, den sie am Bach aufrechterhalten wollten. Davon konnten sie essen, aber es wäre nie genug für die Tiere oder für eine gute Ernte, um die Rechnungen zu bezahlen.
Unsere Ernte wuchs heran, so gut wie nie zuvor. Aber ich musste zusehen, wie die Pflanzen auf der anderen Seite des Baches vertrockneten und abstarben.
Warum? Warum dieses komische Wetter? Warum wurden wir gesegnet und sie schienen verflucht zu sein?
Hatten sie irgendwie gesündigt? Diese Frage kam in mir auf. Das wäre eine Erklärung. Aber die Ostmanns waren vorbildliche Leute. Sie waren Mitarbeiter in unserer Gemeinde. Sie waren alle freundlich. Auch Jennifer war nett, sogar wenn ich zu ihr gemein war. Sünde war nicht der Grund.
Waren sie faul? Wenn sie faul waren, bekamen sie, was sie verdient hatten. Aber sie arbeiteten fünfmal so hart wie wir und bekamen nur den zehnten Teil des Ertrages. Sie waren nicht faul.
Egal wie ich die Fragen stellte, ich fand keine passende Antwort.
Die Ernte kam. „Perfekt“, sagte Vater. Es war die Traumernte, auf die wir immer gewartet hatten. Es war doppelt so viel wie sonst. Unser Ertrag war so groß, dass Vater den neuen Traktor kaufen konnte, den er wollte und dass wir nach Disneyland fahren konnten. Alles ging in Erfüllung, wofür ich gebetet und wovon ich geträumt hatte.
Mit einer klaren Ausnahme.
Wenn ich über den Breitengradbach schaute, sah ich keinen erfüllten Traum sondern einen Alptraum. Eine Familie wie wir, aber ohne Lebensgrundlage. Ich saß auf dem Hügel und schaute auf ihr Unglück. Ich wollte mich über unseren Erfolg freuen und das mit unserer Familie feiern, aber mir wurde klar, dass wir das eigentlich gar nicht verdient hatten. Es war der Regen. Ich blickte über die vertrockneten Felder der Ostmanns. Ich weinte.
Vater rief die Familie zusammen. „Kinder, wir haben eine Ernte wie nie zuvor. Wir müssen entscheiden, was wir damit machen. Ich habe euch versprochen, dass wir nach Disneyland fahren. Gut, in der Winterpause brechen wir auf nach Kalifornien!“
Auf diese Worte hatte ich mein Leben lang gewartet. Auf diese Worte hätten wir mit Gekreische und Jubel reagieren sollen, vor lauter Begeisterung. Aber es herrschte eine Totenstille.
„Ich dachte, ihr Kinder würdet euch freuen. Unser Traum hat sich erfüllt. Was ist los?“
Natürlich wusste Vater genau, warum wir so still waren, aber er stellte die Frage trotzdem.
„Papa, die Ostmanns“, sagte ich. „Was ist mit ihnen?“, fragte mein Vater.
„Papa, sie haben nichts. Warum hat Gott das gemacht? Warum hat er uns doppelt so viel gegeben, wie wir brauchen und sie haben fast nichts?“
„Ich weiß nicht, mein Sohn. Was meinst du?“
Meine Frage war schon beantwortet. Doppelt so viel, wie wir brauchten, doppelt so viel!
Dann sprudelte es einfach aus mir heraus: „Gott gab uns doppelt so viel, damit wir ihnen die Hälfte geben.“
Ich konnte nicht glauben, dass ich das gesagt hatte. Noch weniger konnte ich glauben, wie meine Geschwister jetzt reagierten. „Ja! Super Idee! So machen wir´s!“ Die Luft schwirrte vor Begeisterung. Der Gedanke, mit unseren Nachbarn zu teilen, begeisterte uns so sehr wie vorher die Idee nach Disneyland zu reisen.
Kurz vor dem Erntedankfest kletterten wir Kinder auf eine riesige Wagenladung Getreide. Das war die erste von vielen an diesem Tag, die wir über den Bach und hinauf zu den leeren Silos der Ostmanns brachten….
Bei jedem Erntedankfest und jedes Mal, wenn ich das Wort Disneyland höre, erinnere ich mich an Herrn Ostmann, wie er still vor dem Haus stand. Eine einsame Träne rollte aus seinem Auge und bahnte sich ihren Weg durch den Staub auf seiner Wange. Ich erinnere mich auch an das Lächeln von Jennifer, die seine Hand hielt.
Es war eine vollkommene Ernte.
Warum also so komisches Wetter? Warum solche Ungleichheit?
Endlich verstand ich es. Wenn es auf beiden Seiten des Baches geregnet hätte, hätten wir niemals die große Freude gekannt, die man hat, wenn man denen gibt, die wirklich etwas brauchen. Und sie hätten nicht die Freude erlebt von Gott versorgt zu werden – durch ihre Nachbarn auf der anderen Seite des Baches. Solche Ungleichheit bringt wirklich das Schönste und Wertvollste hervor, das das Leben bieten kann. Es ist nicht Disneyland. Es ist Liebe.