Gemeinde & Mission

Die Weisheit ruft die Schutzlosen (Sprüche 1,20-33)

von Mac Donald William

Aus: Das Buch der Sprüche

Kommentar von William MacDonald

Titel des englischen Originals: «Proverbs, a Devotional Commentary»

Ein Tipp: Lies doch die Erklärungen am besten zusammen mit dem Bibeltext. Sie sollen helfen, den Text zu verstehen. Ohne den Bibeltext hängen sie in der Luft.

Sprüche 1,20. In den Versen 20-33 wird die Weisheit als eindringliche Stimme beschrieben. An jedem Ort ist sie zu hören und ruft ihre wichtige Botschaft in die Welt hinaus.

v. 21 Da sie ihre Wahrheiten öffentlich verkündet, kann sich niemand herausreden. Kein Mensch kann behaupten, er habe nichts gewusst. Die Erkenntnisse der Weisheit sind für jeden einzelnen Menschen zugänglich.

v. 22 Sie weist die Einfältigen, die Spötter und die Toren zurecht, die es verabscheuen, belehrt zu werden (vgl. v. 29), obwohl sie weiß, dass das sinnlos ist. Diese wollen sich nicht belehren lassen.

v. 23 Zeigten sie Einsicht, so würde sie ihnen eine neue Gesinnung schenken und ihnen den rechten Weg weisen.

v. 24 Ganz offensichtlich ist dies nicht der erste Versuch, die Uneinsichtigen zu erreichen. Die Weisheit hat schon öfter nach ihnen gerufen und ihnen die Hand hingestreckt. Sie hat nicht gewartet, bis sie nach ihrem Rat gefragt wurde, sondern sie hat die Initiative ergriffen und gebeten, man möge ihr zuhören.

v. 25 Doch sie ignorierten ihren Rat und wiesen ihre Ermahnung von sich.

v. 26 Deshalb wird die Weisheit über das Unglück der Unbelehrbaren lachen und sie verspotten, wenn Schrecken über sie kommt. Es erscheint uns seltsam, dass die Weisheit so handeln soll. Wäre ein solches Verhalten nicht rachsüchtig und boshaft?

Eine Erklärung für diese Aussage könnte lauten: Lachen und spotten werden hier im übertragenen Sinn benutzt, um der Weisheit menschliche Wesenszüge und Gefühle zuzuschreiben. Es bedeutet nicht, dass tatsächlich gelacht und gespottet wird. Wenn wir zum Beispiel sagen: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“, meinen wir auch nicht, dass irgendjemand wirklich gelacht hat. Diese Redewendung bedeutet lediglich, dass man sich nicht zu früh freuen und immer erst das Ende einer Sache abwarten sollte.

Eine andere Erklärung lautet, dass Gottes Lachen niemals sündig, sondern immer gerecht ist. Betrachte in diesem Zusammenhang auch Psalm 2,4, wo der Herr lacht und über die Ungerechten spottet. Spurgeon legte dies als die göttliche Reaktion auf den absurden, unvernünftigen und sinnlosen Versuch des Menschen aus, sich von der Herrschaft Gottes befreien zu wollen.

In diesem Sinn ist Vers 26 auch zu verstehen. Wenn von der Weisheit gesagt wird, dass sie lacht und spottet, so bedeutet dies, dass sie an das Unheil denkt, das über diejenigen kommen wird, die ihren Rat missachten. Durch Gehorsam wären die Qualen und das Elend vermeidbar gewesen. Welche Bedeutung diese Worte auch immer haben mögen – eines ist sicher: Sie bedeuten nicht, dass Gott boshaft oder grausam über das Unheil der Toren lacht. Diese Worte dienen lediglich dazu, klarzumachen, wie sehr die Weisheit die Uneinsichtigkeit der Narren bedauert. Sie sind ein sprachliches Mittel, durch das menschliche Eigenschaften auf Gott übertragen werden. Dies gilt auch für Psalm 2,4. Es wäre unseres Herrn unwürdig, im menschlichen Verderben einen humoristischen Aspekt zu finden.

George Williams erklärt:

„Vers 26 bedeutet nicht, dass sich die Weisheit tatsächlich über die Unbelehrbaren lustig macht. Es handelt sich hier um ein sprachliches Mittel. Die Unbelehrbaren lachten und spotteten über die Weisheit, und als dann – wie von der Weisheit vorhergesagt – Unheil über sie kam, fielen ihr Gelächter und ihr Spott auf sie zurück. Deshalb kann man sagen, dass die Weisheit ihr Unglück verspottet.“[1]

Mit ähnlichen Worten beschreibt Psalm 2,4 die Reaktion Gottes auf den sinnlosen Trotz der Menschen und sein gerechtes Wohlgefallen an seiner endgültigen Rechtfertigung.

v. 27 Der Niedergang der Toren wird wie ein Unwetter hereinbrechen und so zerstörerisch sein wie ein Tornado. Es wird eine Zeit der Verzweiflung und des Leidens sein.

v. 28 Die Hilferufe werden nicht gehört werden und die Suche nach Wahrheit wird erfolglos sein. Es ist zu spät (vgl. Jer 11,11).

v. 29 Sie haben sich bewusst gegen die Erkenntnis und gegen die Furcht Gottes entschieden. Nun müssen sie dafür bezahlen.

v. 30 Sie haben starrköpfig die Ratschläge und die Ermahnungen der Weisheit ignoriert, sodass sie jetzt in einer hoffnungslosen Situation sind.

v. 31 Sie müssen nun die Konsequenzen tragen. Das von ihnen gesäte Unrecht müssen sie jetzt ernten, weil sie sich entschieden haben, ihre eigenen Wege zu gehen.

v. 32 Ihr Schicksal ist das unausweichliche Ergebnis ihrer Gleichgültigkeit und ihrer Verstocktheit.

v. 33 Hätten sie auf die Weisheit gehört, so würden sie nun ein Leben in Frieden und Sicherheit führen.

Es gibt eine auffällige Parallele zwischen dieser Textpassage über die Botschaft der Weisheit (Verse 20-33) und dem Heilsangebot Jesu Christi an die verlorene Menschheit. Beachte Folgendes:

Christus ist überall. Die Welt kann seine Botschaft auf vielerlei Arten hören: durch Missionare, durch die Bibel, im Radio, im Fernsehen und im Internet. In fast jedem Supermarkt kann man eine Bibel kaufen und man findet sie sogar in vielen Hotelzimmern.

An vielen Orten ist der Name des Herrn unerwünscht. Es gilt als politisch nicht korrekt, von ihm zu sprechen. In der Schule werden keine christlichen Weihnachtslieder mehr gesungen und auch das Morgengebet ist fast überall abgeschafft. Nach und nach wird der Name Gottes aus Treueeiden und von Münzen gestrichen.

Doch man kann Christus nicht ausweichen. Wenn man am wenigsten damit rechnet, hört man plötzlich, wie ein berühmter Zeitgenosse von ihm als seinem Retter spricht; wie ein Sportler öffentlich seinen Glauben bekennt; wie ein Politiker von seiner Errettung durch den Herrn berichtet; wie ein Sänger eines der alten Glaubenslieder interpretiert oder wie eine Menschenmenge einstimmig „Amazing Grace“ singt. Der Herr benutzt gern einfache Menschen, um die Skeptiker mit ein paar gut ausgewählten Versen aus der Bibel zu verblüffen. Jesus Christus kann nicht verborgen bleiben.

Er richtet seine Botschaft an alle Menschen. Manche sind von schlichtem Gemüt; andere verhöhnen ihn und wieder andere sind einfältig. Doch sie sind allesamt Sünder, die einen Retter brauchen.

Der Herr mahnt alle zur Umkehr, das heißt er ruft jeden einzelnen Menschen zur Buße auf und verspricht, seinen Heiligen Geist auf jeden reumütigen Sünder auszugießen. Anders formuliert bedeutet dies, dass er ihnen ihre Sünden vergibt und sie nach seinen Vorstellungen und zu seiner Ehre verwandelt, damit sie für den Himmel geeignet sind. Dann wird er sie die großen Wahrheiten über den christlichen Glauben lehren.

Schon seit sehr langer Zeit ruft Christus die Menschen. Geduldig wartet er darauf, eingelassen zu werden. Paulus zitiert ihn in Römer 10,21: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu einem ungehorsamen und widersprechenden Volk.“

Seine Einladung wird von den meisten nicht angenommen. Die Menschen lehnen das Evangelium ab, obwohl es ewiges Heil als Geschenk anbietet. Damit verschmähen sie Gott, ihren Schöpfer.

Wer das Evangelium ablehnt wird Unheil, Schrecken, Zerstörung, Not und Qualen erleiden. Und der Herr wird darüber lachen und spotten – jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern in gerechter Entrüstung, Enttäuschung und Trauer darüber, was diese Menschen versäumt haben. „Von allen traurigen Worten, die je gesprochen oder geschrieben wurden, sind diese die traurigsten: ,Es hätte sein können.’“ (John Greenleaf Whittier)

Christus wird uns nicht ewig die Hand reichen. Die Zeit der Gnade wird enden, und dann wird es zu spät sein für die rettende Umkehr. Er wird dann die reumütigen Worte der Sünder nicht mehr hören und sich ihnen nicht mehr als Retter offenbaren.

Ihr Verderben ist ihre eigene Schuld. Sie hassten Gott, lehnten es ab, ihn zu fürchten, schlugen seine Ratschläge in den Wind und ignorierten seine Ermahnungen (siehe 2. Thess 2,10-12). Nun ernten sie die schrecklichen Früchte ihres Unglaubens. Weil sie Christus abgelehnt haben, werden sie in Ewigkeit verdammt sein. Ihre Selbstgefälligkeit und ihre Selbstzufriedenheit besiegeln ihr Schicksal. Nur diejenigen, die an den Herrn Jesus Christus glauben, werden Sicherheit und Geborgenheit finden.


[1]The Student’s Commentary on the Holy Scriptures, Grand Rapids, MI, Kregel Publications, 1926, S.417