Gemeinde & Mission

„Ich bin so dankbar für meine Schwiegermutter!“

von Eisl Susanne

Dieser Satz, den eine liebe Freundin aus ganzem Herzen ausspricht, wirkt auf mich wie ein kräftiger Hieb in die Magengegend.
Noch nie habe ich so etwas gehört, geschweige denn selbst gedacht oder sogar ausgesprochen.
Ich muss erstmal schlucken und betroffen frage ich mich: „Warum bin ich nicht ebenso dankbar für meine Schwiegermutter?“
In den darauffolgenden Wochen nehme ich mir Zeit, über mein Verhältnis zu meiner Schwiegermutter nachzudenken. Ich beginne, meine Einstellung zu hinterfragen, mich zu prüfen und in Gottes Wort zu diesem Thema zu forschen.
Mein Mann und ich leben mit unseren fünf Kindern Tür an Tür mit unseren Schwiegereltern. Meine Schwiegermutter kennt die Botschaft des Evangeliums, doch hat sie bis jetzt noch nicht ihr ganzes Vertrauen auf den Herrn Jesus gesetzt. Wohl überlegt und gut beraten durch unsere Ältesten, entschieden wir vor fast 10 Jahren aus einer Stadtwohnung in das Haus umzuziehen, in dem mein Mann aufgewachsen ist. Wir steckten gleich zu Beginn im Einvernehmen mit meinen Schwiegereltern die Grenzen ab, die wir zuvor sorgfältig und unter Gebet zum Schutz unserer Ehe und Familie gezogen hatten. Naturgemäß kam es in den ersten Jahren manchmal zu Auseinandersetzungen. Mittlerweile leben wir überwiegend in einer friedlichen und einander wertschätzenden Nachbarschaftsbeziehung.
Und dennoch: Der eingangs zitierte Satz meiner Freundin machte mir bewusst, dass ich in meiner Beziehung zu meiner Schwiegermutter noch längst nicht da angelangt bin, wo Gott mich haben möchte.
Von früher Kindheit an schien mir das Verhältnis zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter eines der kompliziertesten und am meisten herausfordernden menschlichen Verhältnisse zu sein. Schon bald lernte ich die vielen Reibungspunkte zwischen meiner Mutter und ihrer Schwiegermutter im gemeinsamen Haushalt kennen und ich litt unter den häufigen Gehässigkeiten und den vielen intriganten Bemerkungen.
Als ich später als junge Frau „die Gnade und Menschenliebe unseres Retter-Gottes“ kennenlernen durfte, war ich sicher, auch für diese schwierige Beziehung Hilfestellung im Wort Gottes zu finden. Das wunderschöne Vorbild einer gelungenen, liebevollen Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter in der Bibel kennen wir alle aus dem Buch Rut. Die Art und Weise, wie Rut ihre Schwiegermutter Noomi liebt, fordert mich heraus und motiviert mich. Rut war Heidin, als sie ihre Schwiegermutter kennenlernte. Vermutlich war Noomi zu dieser Zeit in ihrem Glaubensleben erschüttert und vielleicht zweifelte sie an der Güte und Macht ihres Gottes. Als ihr Mann und ihre beiden Söhne starben, verbitterte sie zunehmend, wie wir aus ihrem eigenen Mund wissen. Dass Rut durch dieses Leid und auch das Versagen ihrer Schwiegermutter hindurch, trotzdem Gott als gnädigen, liebenden Retter erkennen konnte, begeistert mich. Ihre Verbundenheit zu dem Gott ihrer Schwiegermutter geht so weit, dass sie ihr ganzes Vertrauen auf Ihn setzt und entgegen aller menschlichen, berechnenden Vernunft, ihrer Schwiegermutter in Liebe treu bleibt.
So hoffe und bete ich, dass meine Schwiegermutter trotz meines Versagens das Licht des Evangeliums leuchten sieht und sich schon bald dem Gott ergibt, der sein Allerliebstes für sie hingegeben hat. Mir ist bewusst, dass ich aus eigener Kraft nicht so leben kann, dass mein Leben ein Zeugnis für die Liebe unseres Herrn Jesus ist, deshalb bete ich immer wieder mit den Worten von Amy Carmichael: „Lieb´ du durch mich, oh Gottes Liebe, ich schaff´ es nicht allein. Nur deine Lieb´, oh Gott, kann völlig, ewig brennend sein!“

In meinem Bestreben, dankbar für meine Schwiegermutter zu werden, habe ich fünf Gründe entdeckt, die mir allen Anlass zur Dankbarkeit geben:
1. „Sagt in allem Dank! Denn dies ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ (1. Thess 5,18)
Es ist ausdrücklich Gottes Wille, dass ich für meine Schwiegermutter dankbar bin.
2. „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind.“ (Röm 8, 28)
Ich möchte Gott dankbar sein für meine Schwiegermutter, denn sie ist ein auserwähltes Werkzeug in Gottes Hand, mit dem er mich zu seiner Ehre in sein Bild umgestalten möchte! Wie sollte ich in einer völlig reibungslosen, einfachen Beziehung lernen, bedingungslos zu lieben, geduldig zu sein und zu vergeben? (Manchmal bezeichne ich meine Schwiegermutter in Gedanken liebevoll als „meinen persönlichen Schleifstein“…?)
3. Ich habe Grund, Gott dankbar zu sein für meine Schwiegermutter, denn sie ist ein Mensch mit einer unendlich kostbaren, ewigen Seele, für die der Herr Jesus sein Blut vergossen hat und für die ich – hier und jetzt – ein sichtbarer Ausdruck dieser Retter-Liebe sein darf!

4. Ich habe Grund, Gott dankbar zu sein für meine Schwiegermutter, denn sie führt mir jeden Tag vor Augen, wie sehr ich auf die Liebe und Vergebung unseres Herrn Jesus und auf sein Erbarmen, das jeden Morgen neu ist, angewiesen bin. Vergehen mehrere Tage ohne innige Gemeinschaft mit meinem Heiland und versäume ich es, für meine Schwiegermutter zu beten, bemerke ich schnell, wie lieblos und selbstsüchtig ich bin. Dann wird jede Bemerkung meiner Schwiegermutter als Beleidigung verstanden, jedem Blick werden unlautere Motive unterstellt. So ernüchtert, werde ich erneut völlig auf die Gnade unseres Herrn Jesus geworfen, und darf solche Situationen als Aufforderung dazu sehen, mein Ich in den Tod zu geben: „Und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, und zwar im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ (Gal 2, 20)

5. Ich habe Grund, Gott dankbar zu sein für meine Schwiegermutter, denn durch sie wächst meine Vorfreude auf den Himmel.
Die vielen Missverständnisse, schwierigen Alltagssituationen und oft so herausfordernden Kleinigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang lassen mich mit Sehnsucht den Tag erwarten, wo alle Hintergedanken und zweifelhaften Absichten endgültig der Vergangenheit angehören.
Wie schön wird es sein, wenn all das, was unsere Beziehungen auf Erden so oft erschwert, endlich abgelegt und verherrlicht sein wird und wir Denjenigen von Angesicht zu Angesicht sehen, der für all unser Versagen, unsere fehlende Liebe und unsere fehlende Dankbarkeit bezahlt hat!