Du bist ein Gott, der Wunder tut (Teil 2)
Wenn wir einen Bogen über die ganze Bibel spannen, dann sehen wir, dass Wunder vermehrt dann vorkommen, wenn Gott etwas Neues beginnt oder es Ihm gefällt, in einer wichtigen Situation ganz besonders einzugreifen. Das war bei Mose der Fall, dann – nach Jahrhunderten – bei Elia und Elisa, dann wieder als Jesus Seinen Dienst für uns tat und erneut, als die Apostel ihren Dienst begannen. Der Schreiber des Hebräerbriefes fasst das so zusammen:
„Diese wurde ja zuerst durch den Herrn verkündigt und ist uns dann von denen, die ihn gehört haben, bestätigt worden, wobei Gott sein Zeugnis dazu gab mit Zeichen und Wundern und mancherlei Kraftwirkungen und Austeilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen.“ (Hebräer 2,3–4; Schlachter 2000)
In Vers 4 sehen wir das Wort „Zeichen“. Zeichen bedeuten Wunder, die in besonderen Phasen einer neuen Offenbarung durch Gott etwas Besonderes zeigen sollen. Zum Beispiel zeigt uns die Brotvermehrung in Johannes 6, dass Jesus das Brot des Lebens ist. Da die neue Offenbarung Gottes durch den Herrn Jesus Christus und durch die Apostel abgeschlossen ist, neige ich zu der Annahme, dass Zeichen in diesem Sinne heute nicht mehr vorkommen.
Die Vergangenheitsform bedeutet aber keineswegs, dass es jetzt keine Wunder und direkten Eingriffe Gottes in Raum und Zeit mehr gibt oder dass in den Jahrhunderten, in denen in der Bibel nichts von Wundern berichtet wird, es auch keine gegeben hätte. Das „gab“ zeigt nur die Absicht Gottes auf: Er stellte sich zum Dienst des Herrn Jesus und Seiner Apostel, um durch offensichtliche Zeichen und Wunder zu bezeugen, dass ihr Dienst Sein Wille war und von Ihm ausging.
Das Erschütternde dabei ist, dass solche besonderen Zeichen Gottes nicht automatisch und dauerhaft den Glauben ausmachen oder bestärken. Die Generation, die Mose in die Wüste geführt hatte, ist in der Wüste umgekommen und hat das Land nicht gesehen. Die meisten Zeitgenossen Jesu, die Seinen Dienst direkt beobachtet hatten, sind trotzdem in ihrem Unglauben und in Traditionen geblieben. Dieselben Menschen, die die wunderbare Brotvermehrung miterlebt hatten, forderten kurz darauf wieder ein Zeichen, damit ihr Glaube einen neuerlichen „Kick“ bekommen sollte (Joh 6, 30).
Wie ist das überhaupt möglich, dass solche Gnadenerweise Gottes nicht zu einem sofortigen und lebenslangen Vertrauen auf Christus geführt haben und führen? Der Grund ist meiner Meinung nach der: Wenn wir unseren Glauben hauptsächlich auf ein übernatürliches Eingreifen Gottes in Raum und Zeit aufbauen, dann brauchen wir immer wieder solche Ereignisse, um im Glauben zu bleiben. Wunderglaube braucht immer wieder neue Wunder, weil er sonst keinen Bestand hat! Gott schenkt uns aber manchmal solche Gnadenerweise zur Stärkung unseres Glaubens. Wir sollen Ernst machen mit Seiner Realität, auch dann, wenn wir Ihn nicht sehen oder hören können. Wir dürfen Ihm vertrauen und gehorchen, auch dann, wenn uns nicht danach ist oder wir Sein Handeln und Zulassen nicht verstehen können. Glauben bedeutet Ausharren unter der Last der Umstände, auch dann, wenn wir es als fast unerträglich empfinden.
„Es ist aber der Glaube ein Beharren auf dem, was man hofft, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht. Durch diesen haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten.“ (Hebräer 11,1–2)
Was aber ist die Grundlage unseres Beharrens und unserer geistlichen Überzeugungen? Es ist Gottes Wort, auf das wir aufbauen, das uns nährt und das unsere Herzen und Glaubenserwartungen prägen soll.
„Demnach kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort.“ (Römer 10,17)
Im Beharren auf tiefen und geistlichen Überzeugungen – unabhängig von der Anzahl der erlebten Wunder – zeigt sich die Reife und Belastbarkeit unseres Glaubens. Wir wissen uns getragen von Ihm, wir werden ermutigt durch Sein Wort und Seinen Geist. Das ist ein Lern- und Wachstumsprozess, der mit der Bekehrung beginnt und ein ganzes Leben durch immer wieder neue Situationen erprobt und trainiert wird. Kindischer, unreifer Glaube will immer Schokolade und Süßigkeiten essen, kindlicher, reifer Glaube nimmt dankbar entgegen, was uns vom himmlischen Vater gereicht wird, der genau weiß, was für uns gut ist.
„Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die in diesem Buch nicht geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.“ (Johannes 20,30–31)
Und vergessen wir nicht:
- Der Herr Jesus tritt in allen Situationen für uns ein und betet dafür, dass unser Glaube nicht aufhört (Lukas 22,31)
- Der Weg zum Thron der Gnade ist immer offen, in jeder Situation:
„Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis! Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem versucht worden ist in ähnlicher Weise wie wir, doch ohne Sünde. So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!“ (Hebräer 4,14–16)
Was ist jetzt unsere Verantwortung?
Alles beginnt mit einer neuerlichen und täglichen Hingabe an den Herrn mit allem, was wir sind und haben:
„Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber darbringt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: das sei euer vernünftiger Gottesdienst! Und passt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern lasst euch in eurem Wesen verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.“ (Römer 12,1–2)
Wenn auch unsere Gebete manchmal schwach sind, so können wir uns doch täglich Gott ausliefern und allein dadurch schon Gott dienen und Sein Herz erfreuen. Diese Hingabe an den Herrn drückt sich darin aus, dass wir nicht mit der Welt mitlaufen, sondern bereit sind, auch da gegen den Strom zu schwimmen, wo es weh tut. So wie in Nehemia 10 alle den festen Herzensentschluss fassten, ab jetzt Gott in zentralen Bereichen wie Ehe und Sexualität oder im Wirtschaftsleben zu dienen, so sollten wir den festen Entschluss fassen, Gott eine Blankounterschrift für Seinen Willen zu geben, was immer Er dann oben hineinschreibt. Seien wir bereit, aus unserer Wohlstandsgesellschaft auszubrechen und wirklich Jünger Jesu im Alltag zu werden, was immer das bedeuten mag. Alles, was wir scheinbar besitzen, gehört Ihm allein. Wir sind nur Verwalter. Leben wir auch danach! Liefern wir Ihm unsere Erwartungen, Träume, aber auch unsere Enttäuschungen und Nöte aus. Nur so können wir die unsichtbare Welt, die uns umgibt, vermehrt „schmecken“ und erleben. Nur so finden wir Frieden und Freude im Heiligen Geist.
Rechnen wir ganz fest mit dem Heiligen Geist:
„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ (Galater 5,22–26)
„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Zucht (Selbstbeherrschung).“ (2. Timotheus 1,7)
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit Frieden im Glauben, dass ihr überströmt in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes!“ (Römer 15,13)
Der Herr Jesus hat uns nicht alleine zurückgelassen, sondern uns einen Beistand geschickt, mit dem wir in einer feindlichen, gottlosen Welt Ihn bezeugen und für Ihn leben können. Durch diesen Geist sind wir befähigt und ausgestattet, gerade in den Bereichen, wo der natürliche Mensch, der nach dem Fleisch denkt und trachtet, sehr begrenzt ist. Wir können Liebe ausleben, wo es normalerweise nicht möglich ist, wir können Kraft empfangen, wo wir uns schwach fühlen. Wir können Freude und Frieden bekommen, wo es menschlich gesehen nicht möglich ist. Wir können überwinden, wo wir die größten Charakterschwächen haben. Entscheidend ist, dass wir mit dem Heiligen Geist und Seinen Möglichkeiten rechnen und uns dafür entscheiden, z. B. Liebe und Vergebung zu leben und nicht Rache und Bitterkeit.
Als ich vor ca. einem Jahr aufgrund eines Herzinfarktes mit Blaulicht und Notarzt in die Klinik gefahren wurde, überkam mich ein Friede, den man gar nicht beschreiben kann. Nach der Operation war ich der glücklichste Mensch auf Erden und lag völlig in Gott geborgen auf der Intensivstation. Meine Frau kämpfte mit den Tränen, aber ich war einfach nur glücklich. Solche Wunder erlebt man nicht alle Tage, aber Gott zeigte mir auf diese Weise, dass Er mit mir ist! Trotzdem enthebt mich das nicht der Verantwortung manche Dinge zu ändern.
Akzeptieren wir das Leben in dieser gefallenen Welt und schauen wir nach vorne auf die himmlische Welt
Wir Christen sind oft genauso frustriert wie die Menschen der Welt, die Gott nicht kennen. Warum? Weil wir – unter anderem – Erwartungen an das Leben stellen, zu denen uns Gott so nie ermutigt hat! Erwartungen in Bezug auf Beziehungen, in Bezug auf materielle Dinge, in Bezug auf geistliche Entwicklungen usw. erfüllen sich selten so, wie wir es erhoffen. Das führt dann zu Frust und Enttäuschung. Desillusionierungen, Fehler im Leben, die man nicht mehr rückgängig machen kann, eine unbefriedigende Lebenssituation oder eine lang gehegte und noch nicht eingetroffene Sehnsucht tragen das ihre dazu bei, dass ein graues Lebensgefühl uns begleitet oder uns immer wieder zu schaffen macht.
Am leichtesten ist noch der Umgang mit den materiellen Wünschen. Hier sagt uns Gottes Wort im Hebräerbrief:
„Euer Lebenswandel sei frei von Geldliebe! Begnügt euch mit dem, was vorhanden ist; denn er selbst hat gesagt: »Ich will dich nicht aufgeben und dich niemals verlassen!«“ (Hebräer 13,5)
Treten wir aus diesem Teufelskreis des Begehrens aus, und seien wir bewusst zufrieden mit dem, was wir haben! Wenn nicht einmal Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft zufrieden sind, wer bitte dann? Ob wir hier arm oder reich sind, es gibt mehr als Hunderte von Millionen, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen oder die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. Geldliebe und Liebe zu materiellen Dingen dämpft den Heiligen Geist und hindert uns, Gott mehr zu erleben. Freude, Friede und Dankbarkeit gehören untrennbar zusammen. Wir können nicht erwarten, einerseits die Welt lieben zu können und andererseits Gott ständig in Führungen und Gebetserhörungen erleben zu dürfen.
Es kann auch sein, dass geistliche Ziele und Erwartungen nicht eintreffen, oder dass wir traurig über unseren eigenen Zustand sind. Eigentlich ist das gut, aber wir sollen zuallererst auf den Herrn und auf Sein Blut schauen, das uns von aller Schuld reinigt. Von dieser Basis aus und mit der Inanspruchnahme der Hilfe des Heiligen Geistes ist es viel leichter uns zu verändern, als durch das Drehen um uns selbst. Wie Elia sollen wir in Bezug auf geistliche Dinge lernen, dass unser geistliches Lebenswerk eigentlich Gottes Werk ist, und wir nur kleine Rädchen darin sind. Paulus zeigt es uns im 2. Timotheusbrief vor: Trotz mancher trauriger Tatsachen sehen wir vorwiegend seine persönliche Beziehung zu Gott in Glauben, Hoffnung und Liebe und seine tiefe Zuversicht, dass Gott das Werk und die gesunde Lehre erhalten wird. Unser Leben dem Werk Gottes ganz auszuliefern ist für Gott überaus wertvoll, aber es ist eben Sein Werk und nicht unseres. Tränen der Buße mögen angesagt sein, aber dem weinenden Volk in Nehemia 8 wurde mehrmals gesagt, dass sie nicht nur traurig sein sollten, „denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (V. 10). Die Glückseligpreisungen in Matthäus 5, die die innersten Sehnsüchte von geistlichen Menschen ausdrücken, weisen allesamt in die Zukunft!
Alle Folgen des Sündenfalls sind noch nicht weggenommen. Das Leiden daran ist kein Leiden für den Glauben, sondern alle Menschen haben dasselbe Los. Unsere Aufgabe ist es, in diesem gemeinsamen Leiden an der alten Schöpfung für andere „Licht und Salz“ zu sein, das Leben anders zu bewältigen, Krankheit und Tod anders zu ertragen, weil wir eine himmlische Hoffnung haben. Damit möchte ich schwierige Umstände, Schmerzen und Krankheit nicht verharmlosen. Aber ein Herz, das eng mit Gott verbunden ist, kann trotzdem voller Hoffnung sein. Manche Situationen wie z.B. Bettlägerigkeit oder den Verlust meiner Frau kann ich mir momentan nicht vorstellen und ich habe auch Angst davor. Aber ich bin überzeugt, dass Gott in solchen Situationen und dann, wenn wir es brauchen, uns eine Extraportion Kraft gibt; das habe ich auch schon erlebt. Die Angst vor etwas, das noch gar nicht da ist und vielleicht nie da sein wird, nennt die Bibel „Sorgen“. Wir sollen uns nicht sorgen und dieser negativen Lebenshaltung nicht erlauben, uns im Alltag zu bestimmen. Da sollen wir umdrehen und es dem Herrn hinlegen, so lange bis Gott unser Herz verändern wird.
Und zu guter Letzt: Erwarten wir alles von Gott, aber schreiben wir Ihm nicht vor, was Er zu tun hat.
Wir haben viele Bibelstellen, die uns zum Gebet ermutigen. Eine davon lautet:
„Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan! Denn jeder, der bittet, empfängt; und wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan. Oder ist unter euch ein Mensch, der, wenn sein Sohn ihn um Brot bittet, ihm einen Stein gibt, und, wenn er um einen Fisch bittet, ihm eine Schlange gibt? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben versteht, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten!“ (Matthäus 7,7–11)
Gott weiß doch, wie es uns geht. Er weiß, was wir brauchen. Deshalb wird auch jedes Gebet beantwortet! Manchmal mit Ja, manchmal heißt es warten, manchmal erhört Gott ganz anders, und manchmal antwortet Er mit Nein, weil Er es besser weiß. Manche Gebete können gar nicht erhört werden, weil sie am Eigenwillen des Menschen scheitern. Trotzdem sollen wir weiter um Bekehrung für Ungläubige und Herzensveränderung oder Änderung schwieriger Umstände für Gläubige beten.
Denken wir an Joni Eareckson, die seit einem Badeunfall im Rollstuhl sitzt: Hätte Gott ihr Gebet erhört und ihre Sehnsucht nach Gesundheit, Ehe und Mutterschaft an erste Stelle gesetzt, dann wären hunderttausende Menschen durch ihren Dienst nie so gesegnet worden! Aber auf diese Weise hat Gott ihr Herz verändert und sie auf unglaubliche Weise verwenden können. Im Kleinen gilt das für uns alle: Wir dürfen Gott um alles bitten, was uns gut und recht vorkommt (Heilung, Änderung der Umstände usw.), aber wir sollen nicht enttäuscht sein, wenn es anders kommt. Der Herr weiß es besser! Er hat einen vollkommenen Plan. Er weiß alles im Voraus. Mit so einer Perspektive lebt es sich ganz anders als wenn wir einfach so dahinleben.
Bitten wir, suchen wir, klopfen wir an! Geben wir uns nicht zufrieden mit einem lauen Leben, das uns letztlich vor dem Richterstuhl Christi beschämen wird. Blicken wir nach vorne auf die himmlischen Wohnungen und investieren wir nicht in ein Abbruchhaus, das bald abgerissen wird. Rechnen wir in allem – bis in die kleinsten Einzelheiten des Alltags hinein – mit Gott, breiten wir alles vor Ihm aus in dem Wissen, dass Er ein Gott ist, der große und kleine Wunder tut! Und dann werden wir mit Paulus einstimmen:
„Dem aber, der weit über die Maßen mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Ehre in der Gemeinde in Christus Jesus, auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.“ (Epheser 3,20–21)