Gemeinde & Mission

Ein altgedienter Missionar

von Kosin Fred

Liebe Gefährten!

Vor vielen Jahren sind wir aufs Missionsfeld gezogen. Wir hatten so eine Hingabe für den Herrn und das Evangelium, dass ich meine Familie, mein Zuhause, meine Arbeit, meine Erfolgsaussichten und den Wohlstand in meiner Heimat verlassen habe. Meine Frau und ich ließen unsere Eltern zurück und wir nahmen eine sechswöchige Reise auf uns, zuerst per Schiff, dann per Boot, dann mit einem Einbaumkanu, dann zu Fuß bis tief in das Innere des Landes, in das der Herr uns gerufen hatte. Unterwegs mussten wir solche Härten durchmachen, dass viele Schwächere gleich umgekehrt wären. Aber wir waren gekommen um unser Leben zu geben, nicht nur zwei Jahre davon. Wir kamen um eine Sprache zu lernen, die noch nie ein Missionar vor uns gelernt hatte. Vor unserer Ausreise haben wir keinen Freundeskreis aufgebaut. Wir waren überzeugt, dass wir einen Ruf von Gott hatten und dass Er uns versorgen wird. Wir hatten keine Firma damit beauftragt, dass sie unsere Gebetsbriefe verschickt. Wir waren auf keiner Bibelschule, keinem Missionarsvorbereitungsseminar und keinem Einführungsprogramm. Wir dachten, dass die Vorbereitung durch den Herrn für uns reichen wird. Wir gingen hinaus wie Abraham, nicht wissend wohin wir gingen, aber mit der Gewissheit, dass der Herr uns gerufen hatte.

Als wir unsere Heimat verließen, nahmen wir nur das mit, was wir in unseren fünf Koffern tragen konnten. Wir bauten eine Lehmhütte und kochten am offenen Feuer. Mit den wenigen Samen, die wir mitgebracht hatten, pflanzten wir einen Garten. Wir lernten mit Insekten, Schlangen und wilden Tieren zu leben. Alle unsere Einkäufe machten wir im Dorf und lernten dabei Schritt für Schritt die Kultur und die Sprache. Wir haben nicht ein Jahr lang ein Haus gebaut oder Monate damit verbracht, fließendes Wasser, Elektrizität oder Sonnenkollektoren zu installieren. Unsere Schreibmaschine war die modernste Erfindung, die wir besaßen.

Wir hatten nicht vor, es einfach „auszuprobieren“ oder erst mal als Kurzzeitmissionare „zu sehen, ob es uns gefällt“. Unsere Verpflichtung dem Evangelium gegenüber war, ein Leben lang zu dienen, egal wie viel es kosten wird. Wir haben schon viele beobachtet, die es ausprobiert haben und denen es nicht gefallen hat. Manche sind wieder heimgegangen, weil es zu hart war. Andere sind in ein anderes Gebiet gegangen um eine neue Arbeit zu beginnen. Es ist interessant: Wenn neue Missionare kommen, wollen sie zuerst alles wissen, aber bald wissen sie bereits alles besser. Sie finden unsere Methoden altmodisch. Sie sagen, dass wir nur wenige erreichen, wo wir doch mit neuen Methoden die Massen erreichen könnten.

Warum ist es für uns heute nicht mehr gut genug, es so zu machen wie die Apostel? Sie gingen hin und predigten das Evangelium und der Herr hat Tag für Tag für sie gesorgt. Sie lernten Verzicht, anstatt die Hälfte ihres weltlichen Besitzes mitzubringen. Hat der Herr sie nicht ausgesandt und ihnen gesagt, dass sie nicht so viel mitnehmen, aber erwarten sollten, dass der Arbeiter seinen Lohn wert ist? Der Herr hat sich um eine Generation von Missionaren gekümmert, die eine Pionierarbeit vollbracht haben, die bis zur Wiederkunft des Herrn unvergleichlich sein wird.

Wir dienten in den Tagen als es noch keinen Funk, kein Telefon, Fax oder E-Mail gab. Die normale Post war so langsam, dass wir oft monatelang nichts von zu Hause hörten. Viele der Menschen, für die wir gekommen sind, hatten noch nie zuvor einen Weißen gesehen. Den ganzen Tag lang wurden wir angestarrt, als ob wir eine furchtbare Krankheit hätten. Leute kamen Tag und Nacht zu unserem Haus. Es war, als ob der ganze Tag eine Reihe von Unterbrechungen war. Aber dafür sind wir gekommen.

Wir finden es schwierig zu verstehen, warum neue Missionare alles brauchen, was sie zu Hause auch hatten. Wir sind total verblüfft, wenn ein oder zwei Container mit dem ganzen Haushalt unserer neuen Mitarbeiter ankommen. Unter den Dingen, die wir dann ausladen befinden sich alle Küchengeräte, eine Bibliothek, eine Werkstatt mit elektrischen Werkzeugen, ein Kühlschrank und ein Gefrierschrank, eine Waschmaschine, ein Trockner, und genügend Kleidung für den Rest des Lebens. Sie haben Telefone, Faxgeräte, Mikrowelle, Radios, Fernseher, Videogeräte und sogar elektrische Garagentoröffner.

Ja, wir sind gekommen um ein Leben lang zu bleiben und dachten, dass man nach fünf Jahren einen Heimaturlaub macht. Es scheint fast unmöglich zu sein etwas zu erreichen, wenn neue Missionare alle zwei Jahre für sechs Monate in Heimaturlaub gehen. Sobald sie zurück sind planen sie schon die nächste Reise nach Hause. Sie scheinen so oft in ihr Heimatland zu fahren, wie wir in die nächste große Stadt fuhren um Vorräte einzukaufen. Was ist mit den Versen passiert in denen es heißt, dass wir „alles zurücklassen“ sollen um dem Herrn zu folgen?

Was ist daran falsch, die Kinder aufs Internat zu schicken, so wie wir es gemacht haben? Sie verbringen so viel Zeit mit Hausunterricht; in dieser Zeit könnten sie eigentlich Missionsarbeit tun.

Wir sind in dieses Land gekommen um Menschen zu dienen. Wir wollten nichts Anspruchsvolles, sondern wir wollten uns den Einheimischen anpassen. Die neuen Missionare verbringen die meiste Zeit damit einfach nur hier zu leben. Sie haben immer etwas zu reparieren, zu ersetzen, zu installieren und instand zu halten mit all den modernen Annehmlichkeiten, die sie haben. Sie bestellen ständig von zu Hause irgendwelche Teile für ihren Geländewagen, ihren Traktor, ihr Motorrad, ihren Computer, ihren Generator, etc. Wenn sie es in der großen Stadt besorgen können, sind sie oft tagelang weg um die Sachen einzukaufen. Ich frage mich, wann sie Zeit haben Missionsarbeit zu machen. Zu Hause arbeiten sie sicher acht Stunden am Tag. Manchmal denke ich, dass sie nicht gekommen sind um Missionsarbeit zu machen, sondern um hier zu leben.

Die neuen Missionare, die gerade gekommen sind, sind für mich die schwierigste Umstellung in den vergangenen 40 Jahren. Ich war dazu entschlossen, sie willkommen zu heißen und sie im Namen des Herrn aufzunehmen. Aber sobald sie ankamen, begannen sie alles zu ändern, was wir gemacht hatten. Er ist Absolvent einer Missionsschule. Sie haben einen Kurs über Sprachstudium gemacht. Sie haben auch andere Studienabschlüsse. Sie haben mehr Besitz, als in mein Haus passen würde. Sie widersprechen dem, was ich gelehrt habe. Sie sind dagegen, wie ich die Dinge bisher gemacht habe. Es ist wahr, dass sie aus einem anderen Land und aus einer anderen Kultur kommen, aber ich denke nicht, dass dies das Problem ist. Wir haben uns noch nie getroffen, bevor sie aufs Missionsfeld kamen, aber ich hatte gehofft, dass wir zusammenarbeiten könnten. Sie sollten ja von derselben christlichen Gruppe sein wie wir, aber sie sind ganz anders.

Wir beten schon lange dafür, dass der Herr ein Ehepaar in unser Gebiet sendet um die Arbeit fortzuführen, die der Herr in den letzten 40 Jahren gesegnet hat. Ich hatte gehofft, dass diese Familie die Antwort auf unsere Gebete war. Wir hatten geplant, nach Hause zu gehen und die Arbeit in guten Händen zu lassen. Aber ich könnte sie nicht diesen Leuten überlassen. Wie könnte ich mit dem Wissen heimgehen, dass sie allem widersprechen, was ich gelehrt habe? Alle Methoden, die ich angewendet hatte, würden verworfen werden. Alle Lieder, die ich übersetzt hatte, würden nicht verwendet. Es geht uns wirklich schlecht.

Wir reden nicht mal mehr miteinander. Sie leben in einem der alten Häuser auf der Station, aber sie planen ein neues, großes Haus zu bauen. Sie scheinen genügend Geld zu haben. Ich ertappe mich dabei, sie zu beobachten, und wahrscheinlich beobachten sie uns auch. Ich frage mich, was sie tun. Ich stelle mir vor, dass sie versuchen Wege zu finden, wie sie alles ändern können, was wir gemacht haben. Ich bin verwirrt und mein Herz ist betrübt, wenn ich an die Arbeit denke. Ich ertappe mich dabei, dass ich überlege, wie ich die Arbeit vor diesen Leuten schützen kann. Ich schäme mich für meine Einstellung und mein Denken und weiß, dass es dem Herrn zuwider ist, was gerade passiert. Aber was kann ich tun? Ich kann nicht zu ihnen gehen. Sie werden das nicht verstehen. Wofür kann ich mich entschuldigen um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen? Ich denke, sie sollten zu mir kommen, aber sie wollen sich nicht ändern. Wir sind in einem Machtkampf festgefahren und es geht um die Zukunft der Arbeit. Die Schrift spricht deutlich zu mir über das ganze Durcheinander. Jedes Mal, wenn ich mich hinsetze um zu lesen höre ich den Herrn sagen: „Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.“

Soll ich einfach heimgehen und alles aufgeben? Aber es sind meine Kinder im Herrn! Ich habe sie mit meinen Händen auf die Welt gebracht und geistlich gesehen habe ich sie in das Reich Gottes gebracht. Ich habe sie getauft und sie als Älteste eingesetzt. Ich habe sie getraut und viele ihrer Familienmitglieder beerdigt. Wir haben ihre Kinder unterrichtet. Ich habe ihnen die Schrift erklärt, sie in der Jüngerschaft gelehrt, sie unterstützt, ihre Häuser gebaut, ihre Gärten gepflanzt, ihre Kranken geheilt und ihnen Singen beigebracht. Sie sind mein. Mein ganzes Leben habe ich in sie investiert. Was sollen wir nur tun? Unsere neuen Kollegen scheinen zu verachten, was wir seit 40 Jahren zu lehren versuchen. Wo ist die Botschaft von Aufopferung und Hingabe? Jetzt scheint es so zu sein, dass man nur glauben und errettet werden muss. Warum ist die Taufe nicht mehr wichtig? Was ist mit der Rolle der Frau in der Gemeinde passiert? Warum sind die Lieder von zu Hause, die ich vor Jahren übersetzt habe, nicht mehr gut? Warum müssen bei den Gottesdiensten Instrumente benutzt werden?

Wenn ich die neuen Missionare reden höre, fühle ich mich manchmal, als ob ich nichts getan hätte. Ich muss zugeben, dass ich oft entmutigt bin, wenn ich unser Leben und unseren Dienst mit ihrem vergleiche. Deshalb schreibe ich. Nicht damit ihr neue Missionare verurteilt oder Mitleid mit den altgedienten Missionaren habt, sondern damit ihr wisst, dass wir Menschen mit Gefühlen sind und dass wir eure Gebete brauchen.

Euer Diener im Herrn, der bald wiederkommt,

PS: Es tut mir leid, dass ich all dies geschrieben habe. Aber danke fürs Zuhören. Ich habe niemanden hier mit dem ich reden kann. Ich weiß nicht, was ich tun soll!

(Im letzten Heft begannen wir eine Serie von „Briefen von Missionaren, die nie abgeschickt wurden“ aus dem Buch von Fred Kossin, das bei CLV erscheinen wird. Der Titel des Originals ist „Letters Missionaries Never Write.“ Diese Briefe sollen uns Einblick in das Leben und die Probleme der Missionare geben, und uns zum Gebet für sie anregen. Unterwww.gemeindeundmission.de findet ihr andere Artikel von Fred Kossin, worin es um die Vorbereitung zur Mission geht. A. Lindner)