Ein Missionar, der versagt hat
(Im vorletzten Heft begannen wir eine Serie von „Briefen von Missionaren, die nie abgeschickt wurden“ aus dem Buch von Fred Kossin, das bei CLV erscheinen wird. Der Titel des Originals ist „Letters Missionaries Never Write.“ Diese Briefe sollen uns Einblick in das Leben und die Probleme der Missionare geben und uns zum Gebet für sie anregen.)
Liebe Freunde!
Ich war Missionar und bin gescheitert. Ich zog aus um Gott zu dienen, und jetzt bin ich wieder zurück und auf der Suche nach Arbeit. Mein Ruf in die Mission war eindringlich und deutlich. Mit meiner Familie verließ ich meine Eltern um dem Herrn zu dienen. Ich wollte mich für Menschen aufopfern, die materiell fast nichts hatten, und geistlich gar nichts. Jetzt bin ich über die Missionsarbeit desillusioniert und entmutigt und von mir selbst enttäuscht. Wie konnte uns das passieren? Wir hatten so viel zu geben! Wir haben so viel geopfert! Wir haben so viel verloren! Wir verstehen das nicht!
Zuerst will ich meine Erlebnisse in der Mission zusammenfassen. Als junger Mann war ich bei einem Missionstag, an dem zur Mission aufgerufen wurde. Ich wusste, dass der Herr mich rief, als Missionar in ein weit entferntes Land zu gehen, an einen Ort, wo kaum Missionare waren und wo es die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten der Vereinigten Staaten nicht gab. Ich dachte, medizinische Hilfe sei das Beste, womit ich den Menschen dort dienen könnte. Also beschloss ich Arzt zu werden. Ich träumte davon, die Menschen zu behandeln und ihnen dabei vom Evangelium zu erzählen. Ich studierte Medizin und es war nicht leicht, aber die Vision eine Klinik zu eröffnen und als Arzt zu arbeiten, motivierte mich sehr. Ich konnte nur ab und zu eine Gemeinde besuchen, weil mein Medizinstudium mich so beanspruchte. Zu der Zeit brachte der Herr Betsy in mein Leben. Ich erzählte ihr von meinem Ziel, in einen abgelegenen Teil der Erde zu ziehen und dort medizinisch zu arbeiten. Betsy war Krankenschwester und hatte die gleiche Vision. So dachten wir, der Herr möchte, dass wir ihm als Team dienen. Wir heirateten kurz bevor ich die Universität abgeschlossen hatte und wir freuten uns riesig darauf, die Vereinigten Staaten zu verlassen und dahin zu gehen, wo die Not am Größten war.
Nach meinem Praktikum arbeitete ich in einer privaten Praxis um Erfahrungen zu sammeln, die ich für die Mission brauchen würde. Wir hatten inzwischen drei Kinder und ich hatte den Studienkredit schon fast beglichen. Wir begannen zu beten und den Herrn zu fragen, wo wir ihm mit unseren medizinischen Fähigkeiten dienen sollten. Wir trafen Missionare, schrieben ihnen, redeten mit Missionsgesellschaften und uns wurde klar, wie wir als Missionare helfen können. Der Herr führte uns in ein ganz unterentwickeltes Land. Freunde, Familie und Berichte über die große medizinische Not dort ermutigten uns. Die Missionare in diesem Land freuten sich sehr, dass wir kommen wollten.
Wir machten uns mit unseren Kindern auf die Reise und hatten unsere einfachen Habseligkeiten, unsere Fähigkeiten und das Bewusstsein des großen Opfers, das wir brachten um dem Herrn zu dienen. Auf der Reise wurden wir immer wieder von der großen Freude überwältigt, dass wir dem Herrn im Ausland dienen würden. Manchmal überkam uns die Begeisterung und wir staunten darüber, wie der Herr uns geführt, versorgt und auf dem ganzen Weg ermutigt hatte. Die Vorfreude über unseren Empfang half uns, nicht darüber traurig zu sein, was wir alles verlassen hatten.
Die Missionare begrüßten uns freudig. Sie hatten jahrelang dafür gebetet, dass der Herr einen Arzt senden würde. Nun waren wir da. Nach ein paar Tagen, in denen wir uns an die Zeitumstellung und die neue Lebensweise gewöhnten, flogen wir mit all unseren Sachen in einem kleinen Flugzeug in das Landesinnere. Neben der Landebahn sahen wir Hunderte von Menschen, die bereits auf uns warteten. Sie schienen sich enorm zu freuen. Wir luden unser Gepäck aus und viele fröhliche Menschen halfen uns, es in den kleinen Laster zu laden, der dafür bereitstand. Die Menge löste sich auf und wir begannen unsere langsame, holprige Fahrt. Der Laster und alles darin wurden wild herumgeschleudert. Am Abend kamen wir zu einer kleinen Hütte, die für die nächsten Jahre unser Zuhause sein sollte. Wir luden unser Gepäck aus und der alte Laster fuhr langsam weg. Wir waren angekommen.
Wir fingen damit an, die Hütte bewohnbar zu machen. Wir fanden heraus, dass es keinen Strom gab, kein fließendes Wasser und keine Toilette. Am ersten Tag kamen Leute mit Geschenken wie Bananen, Zucchini, Bohnen und vielen anderen Dingen, die ihre Freude über unsere Ankunft ausdrückten. Wir wurden ständig beobachtet. Sie schauten durch das Fenster herein, setzten sich neben dem Haus hin, standen neben unserem Plumpsklo und starrten uns an, wenn wir uns auf der kleinen Missionsstation bewegten. Sie folgten uns zum Markt, fragten ob sie etwas für uns tragen konnten und bettelten uns an. Betsy ist gern für sich allein und für sie war das sehr unangenehm. Die Kinder aus dem Dorf waren vor unserem Haus, wenn wir aufwachten und wenn wir am Abend die Laternen ausbliesen. Wir hatten keine Privatsphäre. Nachdem wir ein paar Worte gelernt hatten, versuchten wir zu vermitteln, dass wir gerne in Ruhe gelassen werden wollten. In uns begann ein Kampf. Wir waren gekommen um zu dienen, nicht um in einem Schaufenster zu wohnen. Wir hatten kein eigenes Leben. Das Mädchen, das bei uns im Haushalt half, musste dem ganzen Dorf alles über unser Leben berichtet haben, über unseren Besitz und unsere Gewohnheiten.
Als die Sprechstunde um 8.00 Uhr morgens begann, warteten bereits 75 Leute auf medizinische Behandlung. Wenn ich um 6.30 Uhr hinging, waren 25 da, und um 7.30 Uhr mindestens 50. Ich dachte darüber nach, ob ich schon um 7.00 Uhr anfangen sollte, damit ich um 8.00 Uhr nicht so viele Patienten hatte. Ich wollte jedem einzeln das Evangelium sagen. Die Assistenzkrankenschwester übersetzte die Verse. Aber wenn ich mir für jeden ein paar Minuten Zeit nahm, hatte ich zu Mittag erst 25-30 Patienten behandelt, und nach dem Mittagessen warteten dann noch 175. Am Ende des Tages hatte ich dann nur die Hälfte der Leute behandelt, die gekommen waren. Dann müssten sie 6-7 Kilometer zu Fuß zurückgehen, und sich am nächsten Tag vor der Morgendämmerung wieder auf den Weg machen, damit ich sie behandeln konnte. Wenn ich mir keine Zeit für die Evangelisation nahm, dann reichte die Zeit, alle Patienten an dem entsprechenden Tag zu behandeln. Je mehr ich mich bemühte, desto verwirrender wurde es. Ich hatte mich über zehn Jahre lang darauf vorbereitet, und jetzt konnte ich mit vielen nicht über das Evangelium reden.
Damit ich die vielen Patienten behandeln konnte, begann ich die Sprechstunde früher, machte eine kürzere Mittagspause und arbeitete, bis ich den letzten Patienten versorgt hatte. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass jemand mehr als 7 Kilometer gegangen war, und ich ihn dann einfach zurückschickte, ohne ihm geholfen zu haben. Ich musste mir für alle Zeit nehmen. Wenn ich aufstand, sah ich bereits die Leute, die an der Tür der Klinik warteten. Ich gewöhnte mir an, nicht zu frühstücken um früher anfangen zu können. Ich begann sogar, meine Stille Zeit ausfallen zu lassen, um früher in der Klinik zu sein.
Die Situation im Krankenhaus verschlechterte sich auch. Ich fing damit an, Operationen ohne die notwendige Erfahrung durchzuführen. Ich wurde mit den unglaublichsten medizinischen Fällen konfrontiert. Für viele davon hatte ich keine ausreichende Erfahrung. Manche der Patienten starben und ich fragte mich: „Warum? Ich bin doch von so weit hergekommen, und ich kann ihr Leben trotzdem nicht retten.“ Wir hatten nicht die nötige Ausrüstung um den Schwerkranken helfen zu können. „Wenn wir nur … hätten“ sagte ich oft. Wir hatten einen Generator, aber wir verwendeten ihn nur für eine Stunde am Abend. Auch wenn wir mehr Geräte hätten, könnten wir es uns nicht leisten, den Generator immer laufen zu lassen.
Die Probleme wirkten sich auf verschiedene Weise aus. Ich sah meine Kinder immer weniger. Meine Einstellung veränderte sich. Ich begann, mich über die Patienten zu ärgern. Ich explodierte öfter. Wir hatten nicht genügend Medikamente. Ich verlor mein Anliegen das Evangelium zu erzählen, sogar wenn ich Zeit dafür hatte. Ich schrieb nur sehr wenig Briefe. Ich hatte keine Zeit mit der Familie zusammen die Bibel zu lesen oder mit meiner Frau zu beten. Ich versagte beim Hauptpunkt meiner Vision. Betsy war total beschäftigt mit Haushalt, Ausbildung der Kinder, Frauentreffen und vielen anderen Dingen, die von einer Missionarsfrau erwartet wurden. Sie war darüber frustriert, dass sie ihre Ausbildung als Krankenschwester gar nicht auf dem Missionsfeld verwenden konnte. War ihre Ausbildung umsonst? Waren ihre Kinder die einzigen, die davon profitierten?
Betsy war enttäuscht über unser Leben und unseren Dienst als Missionare. Niemand hatte ihr gesagt, wie es sein würde. Sie fühlte sich von der Missionsgesellschaft verraten, die sie rekrutiert hatte. Ihre Träume von Mission gingen nicht in Erfüllung. Wir hatten kaum Zeit über unsere Gefühle zu reden.
Die Leiter der Gemeinde erwarteten langsam mehr von mir als Missionar. Je mehr ich versuchte, medizinisch zu helfen, desto mehr erwarteten sie in der Gemeinde von mir. Ich konnte die enorme Last, die auf meinen Schultern lag, nicht tragen. Je mehr die Gemeinde und die Ältesten wollten, desto weniger konnte ich tun. Sie schienen das Opfer nicht zu verstehen, das ich gebracht hatte um in ihrem Dorf Missionsarzt zu sein. Sie hatten keine Ahnung davon, wie viel Geld ich zu Hause unter den guten Umständen dort verdienen könnte. Ich war ein Arzt auf dem Missionsfeld und es gab wenige davon. Fast jeder konnte predigen, lehren oder junge Christen fördern. „Ich kann nicht alles machen!“, beschwerte ich mich.
Nach zwei Jahren begann ich mich so ausgelaugt und müde zu fühlen, dass ich mich fragte, ob ich krank war. Es gab so eine große Not. Die Kranken schienen zahllos zu sein. Sicher würde der Herr mir Gesundheit schenken. Ich konnte nicht aufhören den Kranken zu helfen, die so weit gelaufen waren. So viele hatten uns ermutigt zu kommen und so viele beteten für uns und unterstützten uns finanziell, damit wir dort arbeiten konnten. Dann konnte ich nicht mehr so früh aufstehen wie vorher. Ich brauchte mehr Schlaf. Warum funktionierte es nicht? Was sollte ich tun? Ich war komplett ausgelaugt – körperlich, emotional und geistlich.
Nach drei Jahren wurde mir klar, dass ich nicht mehr weitermachen konnte. Die Argumente schwirrten in meinem Kopf und dröhnten laut. Auch wenn ich bleiben würde, könnte ich nicht wirklich sagen, dass ich geistlich ein Segen war. Wie würde es den Menschen gesundheitlich gehen, wenn ich gehen würde? Wo würde sich ein anderer Arzt finden? Wenn ich nach Hause ginge, wäre ich ein Versager. Ich hatte zuvor noch nie versagt. Wie könnte ich meinen Unterstützern, meiner Gemeinde, meinen Eltern und meiner Familie begegnen? Mein ganzes Leben schien um mich herum zusammenzubrechen. Da war ich, ich wollte ein Missionsarzt sein und hielt es nicht mehr als drei Jahre aus. Wie machten das andere? War ich ein Schwächling? Ich dachte: „Wenn ich jetzt nicht irgendwas mache, wird meine Ehe und Familie zerbrechen.“
Ich bin zu Hause! Ich kam zurück und die Leute fragten sich, warum ich versagt hatte. Sie fragten mich, wann ich wieder zurückgehen würde. „Niemals“, wollte ich antworten, aber das konnte ich nicht sagen. Die Fragen waren peinlich. Die Leute stellten so viele persönliche Fragen. All das Geld und die vielen Gebete unserer Unterstützer verfolgten mich in Gedanken. Ich bin durch diese Erfahrung schwer enttäuscht. Ich hoffe, dass ich eine Arbeitsstelle als Arzt finden kann. Ich will mit meiner Familie ein normales Leben in diesem Land führen.
Liebe Grüße,
PS: Danke fürs Zuhören. Ich schreibe nicht um Illusionen zu zerstören, sondern damit ihr versteht, dass Missionare ganz normale Menschen sind. Wir haben Probleme und Schwierigkeiten wie alle anderen auch. Ich finde es erfrischend, dass ich seit vielen Monaten zum ersten Mal ehrlich schreiben kann.