Ein neuer Missionar
Liebe Freunde!
Ich bin ein neuer Missionar. Ich habe den Ruf in die Mission gehört und war sehr bewegt von der Not in der Welt. Ich habe die Weltlage studiert. Der Mangel an Missionaren drängte mich, und auch der Gedanke an die Millionen, die ohne Christus sterben und an die vielen, die noch nie von Jesus Christus gehört haben. Ich habe meine Familie, meinen Job und mein Zuhause hinter mir gelassen um den Missionsauftrag zu erfüllen.
Ich bin als eine heilige, reine Frau aufs Missionsfeld gekommen. Ich trage weder Make-up noch Schmuck, meine Kleider sind langärmelig, ich trage keine Hosen und meine Röcke gehen mir über die Knie. Jeden Tag mache ich meine Stille Zeit, aber ich habe in mir ein schmutziges Herz entdeckt.
Seit dem Tag, an dem ich auf die Missionsstation kam, kämpfe ich mit dem Begriff „Mission“. Ich habe mich wiederholt gefragt: „Was ist Missionsarbeit?“ Einer der erfahrenen Missionare sagte mir: „Du sollst den Bettlern nichts geben. Wenn es unbedingt sein muss, dann gib nicht mehr als einen Cent“. Ein paar Tage später kam ich vom Markt und ein dünner Junge mit großen braunen Augen streckte seine kleine schmutzige Hand aus. Sein Schwesterchen folgte ihm in einem zerlumpten dreckigen Kleid. Ich schaute mich um. Niemand sah mich. Ich gab ihm ein paar Münzen. Er ging lächelnd davon. Jetzt haben wir jeden Tag von früh bis spät eine Schlange von Bettlern vor unserer Tür. Die anderen Missionare können sich nicht erklären, warum auf einmal so viele kommen. Ich habe ihnen nicht gesagt, dass ich einem Jungen am Markt Geld gegeben habe. Ich wage es auch nicht an die Tür zu gehen – aus Angst, dass sie mich erkennen.
Meine Familie und Freunde schicken mir Pakete mit Kleidung für die Armen. Nachdem ich begonnen hatte, die Kleidung an Bettler im Dorf zu verteilen, versammelten sich eine Reihe von Leuten vor meiner Hütte um auf Kleidung zu warten. Mir wurde gesagt, dass ich keine Kleidung verschenken soll. „Verwende die Sachen um einen Gärtner oder ein Hausmädchen zu bezahlen.“ Aber die Sachen wurden mir zum Verschenken gegeben, nicht um sie zu verkaufen oder als Bezahlung für die Arbeiter zu verwenden. Ich bin aufs Missionsfeld gekommen um zu geben, nicht um zu verdienen und zu verkaufen, was mich selbst nichts gekostet hat.
Ich habe meinen Beruf aufgegeben, meine Familie und mein Zuhause verlassen um die „Gute Nachricht“ zu Menschen zu bringen, die sie noch nie gehört haben. Ich bin gekommen um diese Menschen zu lieben, zu sitzen, wo sie sitzen, zu essen, was sie essen, zu sprechen, wie sie sprechen, um ihre Krankheiten zu heilen, mit ihren Kindern zu spielen, ihre hungrigen Körper zu füttern, sie zu umarmen, ihnen die Bibel zu erklären und mich selbst für sie zu geben. Ich bin gekommen um mein Leben für sie auszuschütten, so wie der Herr es für mich getan hat.
Eine schwache Frau kam an unsere Tür. Sie blickte uns verzweifelt an und ihre Augen flehten uns an ihr sehr krankes Baby zu behandeln. Sie wickelte das kleine Bündel in ihren dürren Armen aus den stinkenden Fetzen. Ich konnte die Rippen zählen. Ich wollte sie hereinbitten und sie lieben und ihr zeigen, dass sich jemand um das fiebernde Baby kümmert. Der leitende Missionar sagte: „Die Öffnungszeit der Klinik ist vorbei. Sie müssen morgen wieder kommen.“ Aber am nächsten Tag kam sie nicht wieder. Später erfuhr ich, dass sie nicht mehr kam, weil sie das Baby verloren hatte. Ich weinte im Stillen, damit die anderen Missionare es nicht merkten.
Jede Woche gebe ich meine leeren Dosen den Frauen, die an meine Tür kommen, um Gemüse zu verkaufen. Jetzt kommen die meisten Frauen, die auf dem Gelände der Mission Gemüse verkaufen zuerst zu meinem Haus. Das verstand ich nicht. Noch vor der Morgendämmerung waren ein Dutzend Frauen auf meiner Veranda um ihr Gemüse zu verkaufen. Ein altgedienter Missionar sagte mir: „Du musst deine Dosen verkaufen, wie alle anderen Missionare.“ Aber ich kann an die ärmsten Menschen, die ich kenne, keine leeren Dosen verkaufen. Wie kann ich etwas verkaufen, das ich zuhause wegwerfe? Ich bin gekommen um zu geben, nicht um zu verkaufen.
Ich spüre die Hitze und sehe wie der Schweiß meine Arme runterläuft. Ich versuche meinen Schreibtisch von Sand und Dreck sauber zu halten. Am Abend ist es schwer zu lesen, weil die Motten sich wegen des Lichts auf den Seiten sammeln. Diese Dinge stören mich nicht. Aber es stört mich sehr wohl, wenn meine Missionskollegen nicht essen können was ich koche. „Was ist das?“, fragen sie mit Verachtung. Sie fragen das, weil ich aus Nordamerika komme und noch nicht gelernt habe, dass Missionare aus anderen Ländern es nicht mögen, wenn man kalte mit warmen Speisen serviert, und süße mit pikanten. Meine Einstellung zu den Missionaren wird täglich hart geprüft!
Letzte Woche habe ich ein kleines Paket bekommen. Ich war so begeistert, dass mir jemand etwas geschickt hat. Der führende Missionar sagte mir, dass ich gar keine Pakete erhalten soll, weil es sehr teuer ist sie zur Missionsstation zu bringen. Ich öffnete es, die Schokoladenriegel waren zerschmolzen, Kekse und Käse waren voll Ameisen und wegen einer duftenden Seife schmeckte die Schokolade komisch. Ich musste lachen. Ich lache nicht mehr oft, aber ich lachte. Ich dachte daran wie nett und liebevoll es war, dass jemand mir ein Päckchen geschickt hatte. Es hatte Monate gedauert bis es ankam, die Mäuse haben nur ein paar Telefonkarten übrig gelassen, aber es war großartig eine Schachtel zu erhalten, gefüllt mit Liebe und Fürsorge.
Ich schrieb vor einigen Monaten an eine der Gemeinden, die mich unterstützt. Sie haben mir $ 25.00 pro Monat geschickt. In meinem Brief erzählte ich aus meinem Leben, über meinen Dienst und über die Gewohnheiten, die wir hier lernen. Ich habe ihnen auch erzählt, dass ich einige Monate zuvor frische Erdbeeren zum Mittagessen gegessen hatte. Wir haben ein paar Erdbeerpflanzen im Garten. Sie brauchen keine Pflege und bringen hier in den Bergen ergiebig Frucht. Gestern erhielt ich einen Brief von der Gemeinde. Sie werden mich nicht mehr unterstützen. Sie schrieben: „Wenn du dir im Winter frische Erdbeeren leisten kannst, brauchst du unsere Unterstützung nicht.“ Ich setzte mich hin und weinte. Was soll ich ihnen antworten? Ich habe ihnen noch nicht geschrieben. Ich bin zu tief verletzt.
Jetzt ist es möglich, all die hingegebenen Missionare kennen zu lernen, von denen ich in den Missionszeitschriften gelesen habe und für die ich schon seit Jahren bete. James ist ein sehr geistlicher Mann, aber er flirtet gerne. Herr Thompson wurde letzte Woche auf den Mechaniker der Mission total wütend. Frau Smith und Frau Anderson haben letzten Freitag vor der Schule wegen ein paar Stiften gestritten. Jetzt schäme ich mich ihnen von der Kraft Christi zu erzählen, die uns verändern kann und uns zu neuen Geschöpfen macht. Aber ich vergesse auch nicht das schwarze Herz, das in mir ist.
Gott hat mich gerufen und deshalb bin ich noch immer hier. Er hat versprochen mich an der Hand zu halten. Das tut Er wirklich! Das ist der Grund warum ich letzten Monat nicht heimgefahren bin. Deshalb lasse ich mich jetzt auch nicht entmutigen. Deshalb stärke ich meine Hingabe, indem ich über Jesus lese, der umherging und Gutes tat und sagte: „Es ist seliger zu geben als zu nehmen.“
Jetzt weiß ich, was ich beten soll: „Herr, lehre Bruder Thompson Geduld mit anderen Männern, trotz seiner vielen Arbeit und dem Sand, der ständig in der Luft weht. Hilf James zu erkennen, dass sein Verhalten nicht dazu beiträgt, dass wir Frauen uns wohl fühlen.“
„Fülle das Herz von Frau Jones mit Liebe für die Menschen. Sie ist schon so lange hier, dass sie schon immun ist gegen die Bitten von gebrechlichen Frauen mit kranken Babys in ihren Armen. Lehre Bruder Anderson, dass Menschen wichtiger sind als Dinge. Bring uns bei, dass wir hier sind um Dir unser Leben zu opfern, nicht um uns selbst zu erfüllen. Wir müssen lernen, dass alles, was wir tun, ein Spiegelbild von Dir ist, egal ob wir predigen oder ob wir durch die Station laufen. Wir müssen begreifen, dass wir ständig beobachtet werden. Und bitte Herr, hilf mir, die Sachen mit Humor zu sehen.“
Da ich neu am Missionsfeld bin kann ich sagen, dass meine Vorbereitungen dafür nicht ausreichend waren. Ich kann mich daran erinnern, dass die Ältesten meiner Gemeinde gesagt haben, dass alles gut gehen würde, weil der Herr mit mir ist und dass ich als Person viel zu geben hätte. Es gab so viele Dinge, die mich überrascht haben, als ich hier ankam, dass ich nicht einmal anfangen kann sie zu erzählen. Manches werde ich niemals erzählen. Es wäre sehr hilfreich gewesen mehr Input oder Orientierung von Missionaren zu bekommen, die schon auf dem Missionsfeld waren, auf das ich gehen sollte. Ich wünsche mir, dass einige ehrlich genug gewesen wären um zu sagen, wie es wirklich ist. Es gab Leute, die Missionare besucht haben. Die hätten uns helfen können, aber die Ältesten haben einfach gedacht, dass es schon glatt gehen würde. Sie scheinen die Realität des Missionsfeldes und der Missionare nicht zu kennen. Manche Missionare sind schon weggegangen, weil sie vorher nicht wussten, was auf sie zukommt. Einige der einfachsten Dinge hätten mir gesagt werden können, wenn jemand die Voraussicht gehabt hätte, mir diese Dinge mitzuteilen. Obwohl ich erst so kurz da bin, würde ich neuen Missionaren Dinge sagen, über die ich nie nachgedacht hatte, bis es zu spät war.
Ich bete auch, „Herr, ich will meine Augen auf Dich gerichtet lassen, und weg von den vielen Fehlern der anderen. Ich will nicht mutlos und matt werden, weil das Missionsfeld nicht das ist, was ich erwartet habe. Ich will Deinem Ruf treu sein, auch wenn die Aufgabe anders ist als ich erwartet habe. Ich will sein wie Du, auch wenn es bedeutet anders zu sein als alle anderen um mich herum.“
Ja, ich bin ein Anfänger in der Mission.
Dem Herrn zuliebe,
Eure Schwester vom Missionsfeld
(Mit diesem Artikel beginnen wir eine Serie von „Briefen von Missionaren, die nie abgeschickt wurden“ aus dem Buch von Fred Kossin, das bei CLV erscheinen wird. Der Titel des Originals ist: „Letters Missionaries Never Write.“ Diese Briefe sollen uns Einblick in das Leben und die Probleme der Missionare geben, und uns zum Gebet für sie anregen. Aufwww.gemeindeundmission.de findet ihr andere Artikel von Fred Kossin, worin es um die Vorbereitung zur Mission geht. A. Lindner)