Finanziell eigenständige Gemeinden – wie erreicht man das? – Teil 2
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“, mit Genehmigung des Autors)
Mein Freund hat 14 Jahre lang in Kasachstan als Missionar gearbeitet.
Als er 1993 dort ankam, gab es nur ein paar Gläubige in der ganzen Region. Innerhalb von zehn Jahren schwoll diese Zahl auf 15.000 an. In den letzten Jahren ist jedoch die Zahl der Bekehrten nicht mehr gewachsen. Mein Freund meint, dass es sogar weniger geworden sind.
Das war eine Enttäuschung für mich. Ich fragte ihn: „Dave, woher kommt das?“ Ich war schockiert, wie schnell er antwortete: „Es springt finanziell nichts mehr dabei raus, wenn man Christ wird. Deswegen hat die Gemeinde aufgehört zu wachsen.“
Das Wachstum der Gemeinde verhindern
Wie kann das sein? Was sprang denn am Anfang finanziell dabei raus, wenn man Christ wurde? Kann die Art, wie wir die Mission unterstützen, wirklich das Wachstum der Gemeinde verhindern? Dave erklärte mir das so:
Nach dem Fall der Kommunismus stand Kasachstan nach Jahrzehnten wieder für Missionare aus dem Westen offen. Missionare strömten herein. Die erste und einzige Berührung mit dem Christentum, die die Kasachen hatten, war durch Leute, die dafür bezahlt wurden, vollzeitliche Christen zu sein. Sofort verbreitete sich die Annahme, dass man dafür bezahlt wird, wenn man Christ wird – auch wenn niemand darüber sprach.
Diese Annahme wurde durch das bestärkt, was als Nächstes in der Entstehung der kasachischen Gemeinde geschah. Als die ersten Kasachen zum Glauben an Christus kamen, wurden sie fast sofort damit belohnt, dass sie vollzeitig angestellt wurden. Die Missionare konnten den Gedanken einfach nicht ertragen, dass die eifrigen jungen Gläubigen sich in der Arbeitswelt verlieren, wo sie doch ihr Leben in die vollzeitliche christliche Arbeit einbringen könnten. Das ist eine westliche Vorstellung, dass vollzeitliche Missionsarbeit viel besser ist als in Verbindung mit einem Beruf. Unter einem „Christen“ stellte man sich oft jemand vor, der dafür bezahlt wird.
Es entstand ein großer Druck, dass ein Missionar seine ersten Bekehrten anstellt. Warum? Naja, wenn er das nicht macht, werden sie von einem anderen Missionar angestellt, der ein paar hundert Meter weiter wohnt. Diese ersten Gläubigen konnten meist Englisch und dadurch kannten sie die Ausländer in der Gegend. Sie hatten sich mit ihnen unterhalten, um ihr Englisch zu üben. Hans war überzeugt, dass man neue Gläubige nicht vollzeitlich anstellen sollte. Er hat zwar Ahmed zu Christus geführt, aber Ahmed hatte auch schon Josef kennen gelernt. Josef wollte unbedingt einen Einheimischen anstellen, der vollzeitlich das Evangelium verkündigt. Natürlich können Einheimische diese Arbeit viel billiger machen, sie sprechen schon die Sprache und die Geschwister im Westen, die die Mission unterstützen, wollen natürlich, dass ihre Gaben möglichst wirksam eingesetzt werden. Sie würden sehr gerne geben, damit Ahmed ein vollzeitlicher Evangelist wird.
Hans war bei dem Gedanken entsetzt, dass er sein eigenes geistliches Kind an einen anderen Missionar verlieren würde, der ihn anstellt. Aber Ahmed brauchte Arbeit und es war schwer, eine Stelle zu bekommen. So konnte er entweder gegen seine Überzeugung handeln und Ahmed selbst anstellen, oder er konnte zulassen, dass eine Mission Ahmed anstellt, die andere Überzeugungen hat. Die dritte Möglichkeit wäre, Ahmed zu überzeugen, dass er nicht vollzeitlich als Evangelist arbeiten soll – aber ob er das machen würde? Was wäre schlecht dabei, dem Herrn Jesus vollzeitlich zu dienen und gut dafür bezahlt zu werden? Warum denn nicht?
Wenn Gemeinden auf diese Weise begonnen werden, was hält sie dann auf, auf diese Weise weiterzugehen? Diese Maschine wurde durch Geld aus dem Westen in Gang gebracht. Inzwischen ist dieser Fluss versiegt. Das Fundament wurde sehr schnell gelegt, mit der Vorstellung: Je schneller sich das Evangelium verbreitet, desto besser. Das Fundament wurde mit Geld aus dem Ausland gebaut und als das Geld ausblieb, hörte die Gemeinde auf zu wachsen.
Viele Pastoren in Kasachstan wollen keine Gemeinden mehr leiten, weil die Gemeinden vor Ort sie nicht in der gewohnten Höhe bezahlen können. Außerdem hat die Gemeinde gar nicht gelernt zu geben und Mitarbeiter zu unterstützen, weil alles Geld aus dem Ausland kam.
Es stimmt, das Gebäude ist schnell gewachsen, aber es konnte nur durch Geld aus dem Ausland so schnell so groß werden. Es ist sehr schwer, solche Gewohnheiten zu ändern, wenn sie erstmal eingeprägt sind.
Richtig beginnen wie Paulus
Deswegen wäre es gut, gleich von Anfang an auf das richtige Fundament zu bauen. Genau das hat Paulus getan. Lernen wir von ihm. Schaut sein Leben an, es ging ihm immer um das Fundament. Er wollte gleich richtig anfangen. Hört seine Worte:
„Denn ihr selbst wisst, wie ihr uns nachahmen sollt; denn wir haben nicht unordentlich unter euch gelebt, noch haben wir von jemand Brot umsonst gegessen, sondern wir haben mit Mühe und Beschwerde Nacht und Tag gearbeitet, um nicht jemand von euch beschwerlich zu fallen. Nicht, dass wir nicht das Recht dazu haben, sondern damit wir uns selbst euch zum Vorbild gäben, damit ihr uns nachahmt.“ (2. Thess 3,7-9).
Paulus war von Anfang an ein Vorbild. Er war wirklich ein echter Missionar – und er war ein Vorbild in harter Arbeit. Die Neubekehrten wurden nicht sofort als Evangelisten angestellt. Sie haben weiter gearbeitet und sie haben dem Herrn in ihrer Arbeit und in ihrer Freizeit gedient. Die Gemeindeglieder mussten alle lernen zu geben und mitzuarbeiten. Es gab keinen großen Bruder aus dem Westen, der alles zahlte. Zuerst haben sie gegeben, um für Witwen und Waisen zu sorgen, und später haben sie für die Ältesten gegeben, die viel Zeit beim Lehren verbrachten. Vielleicht haben sie später auch für Gebäude gegeben.
Arbeit als „Zeltmacher“ ist kein notwendiges Übel. Paulus hat das nicht gemacht, weil er nicht genug Geld hatte. Er wollte ein Vorbild sein, „damit ihr uns nachahmt“.
Wenn die ersten Missionare auf einem Missionsfeld alle vollzeitliche, bezahlte Evangelisten sind, wird das ein Vorbild für die Gläubigen sein. Der erste Eindruck prägt sich ein. Aber diese Arbeitsweise ist abhängig von Geld aus dem Ausland. Wenn die ersten Christen, die auf ein Missionsfeld kommen, jedoch das Wort lehren und hart arbeiten zum Wohle der Gesellschaft, wenn sie mit allen ihren Bekannten über das Evangelium reden und in ihrer Wohnung Bibelstunden halten, dann ist von Anfang an eine Arbeitsweise eingeprägt, die nicht von Geld aus dem Ausland abhängig ist. Die Einheimischen können das alles nachahmen und das werden sie auch.
In einer Kultur, wo es keine vollzeitlichen Mitarbeiter gab, trat Paulus so auf wie die Leute, die er erreichen wollte – als Arbeiter. Er erreichte sie, indem er einer von ihnen war. Sie konnten ihn sofort nachahmen ohne auf Geld aus dem Ausland zu warten. Die Gemeinde wuchs und es zeigte sich bald, wer ein Leiter oder ein Lehrer war. Dann sagte Paulus, dass es Älteste gibt, die lehren und predigen und dass sie doppelter Ehre würdig sind. Danach entschied die örtliche Gemeinde: „Unterstützen wir ihn, damit er mehr Zeit dafür hat.“ Diese Arbeiter wurden nicht von außen bezahlt, sondern von ihren eigenen Leuten. Sie waren ihnen gegenüber verantwortlich.
Einheimische Pastoren unterstützen?
Nun will ich von dem bestmöglichen Fall berichten, den ich kenne. Alexei war ein Lehrer an einer höheren Schule in Russland, als er zu Christus fand. Sein Leben wurde total verändert und er konnte nicht anders als mit seinen Kollegen über Christus zu reden. Einige von ihnen kamen zum Glauben und auch viele der Schüler. Schnell entstand eine Gemeinde. Alan war der Missionar, der Alexei zum Herrn geführt hatte. Er sah den Eifer und die Fähigkeiten in Alexei und beschloss ihn auszubilden, damit er die neue Gemeinde gut leiten kann. Alan war Amerikaner und wusste, dass es am besten ist, wenn er so wenig wie möglich in Erscheinung tritt. Er saß im Gottesdienst still ganz hinten und hörte zu, wie Alexei lehrte und predigte und mit den Leuten umging. In der Woche darauf half Alan Alexei, sich noch besser vorzubereiten und beriet ihn in der Arbeit.
Alan war sehr darauf bedacht sich im Hintergrund zu halten, damit das eine russische Gemeinde wird und keine amerikanische. Die meisten in der Gemeinde hatten keine Ahnung, welch wichtige Rolle Alan spielte, indem er Alexei als Mentor begleitete. Aber genau das wollte Alan auch so. Diese Gemeinde in Russland wuchs sehr schnell und wurde bald eine sehr gesunde und vorbildliche Gemeinde für die ganze Gegend. Viele nahmen stundenlange Wege auf sich, um zum Gottesdienst zu kommen.
Irgendwann kam die Zeit für Alan, in die USA zurückzukehren. Sowohl Alexei als auch sein Schwager Ivan waren zu wirksamen Leitern in dieser vorbildlichen und einflussreichen Gemeinde geworden. Alan machte sich Gedanken, wie es sein würde, wenn er sich vom Missionsdienst zur Ruhe setzte. Da kam ihm ein Gedanke: „Eigentlich brauche ich jetzt keine finanzielle Unterstützung mehr. Das was ich monatlich bekommen habe, wird reichen, damit Alexei und Ivan vollzeitliche Pastoren werden.“ Bis dahin hatten Alexei und Ivan immer noch an der öffentlichen Schule gelehrt und sie und ihre Familien hatten davon gelebt.
Alan schrieb also an seine Unterstützer und fast alle waren begeistert von der Idee, diese beiden Männer zu unterstützen, damit sie vollzeitliche Pastoren dieser Gemeinde würden. Bis heute ist diese Gemeinde wahrscheinlich die gesündeste Gemeinde im ganzen Gebiet. Die Geschwister haben sogar genug gegeben um ihr eigenes Gebäude zu finanzieren. Erstaunlicherweise hat diese Unterstützung aus dem Westen diese beiden guten Männer nicht verdorben. Sie sind demütig, lieben den Herrn, ihre Familien und ihre Gemeinden.
Schlechte Auswirkungen
Aber diese Unterstützung aus dem Ausland hat doch drei schlechte Auswirkungen, die ich beobachtet habe:
1. Diese beiden Pastoren müssen sehr viel Werbung machen, um ihre amerikanischen Unterstützer weiter einzubeziehen und zum Geben zu motivieren. Ich beobachte sie die ganze Zeit auf Facebook aktiv. Beide haben die USA bereist, um die Unterstützer an Bord zu halten. Sie scheinen zwischen zwei Welten hin und her gerissen zu sein.
2. Es kommen weniger Schüler und Lehrer zum Glauben, weil die beiden nicht mehr an der öffentlichen Schule arbeiten.
3. Vielleicht ist die traurigste Folge für mich, dass die Gemeinde sich nicht mehr eigenständig vermehren kann. Dieses Model ist unfruchtbar, keine weiteren Gemeinden können entstehen. Von überall reisen Leute an, um den Gottesdienst zu besuchen. Aber wenn in einer anderen Stadt eine Gemeinde gegründet werden soll, braucht man einen freundlichen Missionar, der in den Ruhestand geht und seine Unterstützung dem einheimischen Pastor überlässt. Nur so kann der Pastor an das Geld aus dem Westen kommen.
Ich bin davon überzeugt, dass diese Gemeinde sich selbst vermehrt hätte und dass überall in Russland Gemeinden entstanden wären, wenn Alan der gutgemeinten Absicht widerstanden hätte, die beiden Männer vollzeitlich zu unterstützen. Aber so ist es nicht. Die Gemeinde existiert als einzelne Gemeinde, sie ist zehn Jahre alt, biblisch und gesund. Sie ist in der Stadt bekannt und wird von allen die „amerikanische Gemeinde“ genannt. Die Leute wissen alle, dass Geld aus Amerika kommt, um das zu ermöglichen. Das wäre wohl die vierte schlechte Auswirkung: Die Gemeinde wird nicht als russische Gemeinde gesehen, sondern eben als etwas Fremdes, das aus Amerika kommt.
Sogar im günstigsten Fall von allem, was ich erlebt und gehört habe, gibt es doch vier lähmende Gründe, wegen denen ich überzeugt bin, dass die Unterstützung lieber woanders hätte verwendet werden sollen.