Gemeinde & Mission

Fruchtbare Evangelisation und Gemeindeleben gehören zusammen!

von Prock Helmut

Von Helmut Prock

Das Telefon läutet. Ein Ältester einer oberösterreichischen Gemeinde meldet sich. Nach dem Erkunden des gegenseitigen Befindens kommt der Grund des Anrufes: „Möchtest du auf unserer Gemeindefreizeit über persönliche Evangelisation reden? Das ist das Thema, das sich die Geschwister gewünscht haben.“ Fast hätte ich sofort Nein gesagt, und zwar ganz entschieden. So sagte ich aber, dass ich da nicht gleich zusagen oder absagen kann, sondern noch darüber nachdenken muss.

Warum fast eine sofortige Absage? Weil ich nicht behaupten kann, dass ich wirklich persönlich evangelisiere oder hier in den letzten 10 Jahren Bekehrungen vorzuweisen habe. Alles hat sich verschoben: Der Pionierdienst mit Evangelisation, Jüngerschaftsbeziehungen und Gemeindebau hat sich verschoben in einen übergemeindlichen Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden und in einen (gemeindlichen und übergemeindlichen) Unterstützungs- und Seelsorgedienst. Das hat sich so entwickelt. Von vielleicht fifty-fifty meiner Zeit für Noch-nicht-Bekehrte und für Gläubige in den Gemeinden zu etwa 90 – 95 % Investition meiner Energie für Gläubige.

Ja, das mit der Energie, das ist so ein Thema. Im Laufe der Jahre lässt sie nach, aber die Verantwortlichkeiten in Familie, Beruf und Gemeinde lassen nicht nach. Und so kommt es, dass irgendwas hinten bleiben muss. Da die Anforderungen aus den Gemeinden im Laufe der Jahre durch die Zahl der Gemeinden und auch durch die Probleme, die nicht weniger werden wollen, oft sehr dringlich sind, kommt es eben dazu, dass die Evangelisation, die in der ersten Phase so eine große Rolle spielte, auf einmal in den Hintergrund gerät. Eine systematische persönliche Evangelisation samt evangelistischen Bibelkreisen etc. war mir in der früheren Form nicht mehr möglich. Es ist nicht nur mir persönlich so ergangen, sondern das ist oft die Entwicklung von Gemeinden, wenn sie „in die Jahre kommen“.

Der Anruf hat aber in mir etwas ausgelöst. Ich habe neu über das Thema nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich doch zusagen will. Mir wurde nämlich klar, dass man das Thema Evangelisation vom Thema Gemeindeleben und Gesamtwirkung der Geistesgaben in der Gemeinschaft der Gläubigen gar nicht trennen kann und trennen soll. Dazu habe ich als Gemeindemann nun doch etwas zu sagen. Das sind Themen, die mir sehr am Herzen liegen. Und außerdem kann mich – so waren meine Gedanken – der Herr durch die Vorbereitung ganz neu ansprechen, sodass ich auch mein Leben umorganisieren und mit Gottes Hilfe wieder vermehrt Außenstehenden ein Zeugnis für das Evangelium werden kann. (Nichtsdestotrotz wurde die Freizeit zweimal wegen Corona abgesagt, aber die persönliche Veränderung hat das Virus nicht stoppen können!)

Ich möchte euch das Thema in 3 Punkten aufschlüsseln:

1) Fruchtbare Evangelisation braucht ein liebevolles Miteinander in der Gemeinde

2) Fruchtbare Evangelisation entspringt dem geistlichen Dienst der Geschwister aneinander

3) Wir sind bei weitem nicht alle ausgeprägte Evangelisten, aber wir können alle treue Zeugen für Jesus sein – konkrete Tipps für unseren Alltag

  1. Fruchtbare Evangelisation braucht ein liebevolles Miteinander in der Gemeinde

Ich sage es gleich ganz direkt: Das größte Hindernis für das Erreichen der Außenstehenden sind die Gemeinden selber! Im Laufe der Jahre haben wir so viel mit uns selbst zu tun, dass nur mehr wenig für unseren großen Auftrag überbleibt, nämlich Menschen für Jesus zu gewinnen!

Uneinigkeit und Streitigkeiten, Alltagssorgen, fehlende Einsatzbereitschaft und abflachendes geistliches Leben, Überforderung durch die Anforderungen des Lebens usw. usw. – all das hindert uns daran, uns auf Menschen einzulassen, ihnen Zeit und Energie zu schenken. Manche, die selber ein großes Zeugnis für Gottes Gnade in ihrer Bekehrungsgeschichte sind, haben schlichtweg den Draht zur normalen Welt und zu den normalen Weltmenschen verloren. Sie haben keine ungläubigen Freunde mehr, sie können sich nicht mehr in ein Sünderherz hineinfühlen. Oder ein falsches Absonderungsdenken hindert sie daran, natürliche Kontakte zu pflegen. Es gibt ja ohnehin genug zu tun mit unseren Lehrdifferenzen, mit unseren Auffassungsunterschieden, mit unseren theologischen Steckenpferden! Unser Gehirn weiß nicht mehr, wie es all das Wissen verarbeiten soll, das da in unserem Kopf landet. Hier noch ein Zusatzdetail, dort noch ein Pinselstrich, damit alles schön zusammenpasst und unser frommes Herz zufrieden ist.

Ja, die Zeiten sind für uns schwerer geworden. Wenn es schon vor 30 Jahren christliche Strategien zur Überwindung des allumfassenden Säkularismus in unserer Gesellschaft gab, wie viel mehr brauchen wir sie jetzt! Aber die beste Strategie müssen wir nicht neu erfinden, sondern sie nennt sich Einigkeit und Liebe. Wir können unseren Einsatz für Ungläubige nicht von unserem Verwurzelt-Sein in einer Gemeinde trennen, in der Einigkeit, Liebe und Gottesnähe spürbar und erlebbar sind. Die Menschen interessieren sich heute noch viel weniger für absolute Wahrheit oder religiöse Lebenskonzepte mit dem Anspruch, für alle wahr zu sein. Aber sie respektieren Menschen, die sich für sie interessieren, die ihnen helfen, die für sie da sein wollen. Und sie interessieren sich eventuell für eine Gemeinschaft, in der Menschen sich gegenseitig so behandeln.

Joh 17,20-21: „Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden,

auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast…“

Joh 13,34-35: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet; dass, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Einheit und Liebe unter Christen und in den Gemeinden sind also nicht nur Voraussetzung, sondern ein Werkzeug für die Evangelisation.

Ja, wir müssen uns in der Gemeinde oftmals in Liebe ertragen, zu viele verschiedene Menschen aus verschiedenen Hintergründen sind an ein und demselben Platz, als dass das ohne Schwierigkeiten abgehen könnte. Aber wie in einer Ehe müssen wir um eine liebevolle Beziehung zueinander kämpfen, dazu bereit sein und uns selbst an die zweite Stelle setzen.

Wenn es Streit und Konflikte unter uns gibt, dann ist nur eines richtig: Dass irgendetwas grundlegend falsch läuft! Wenn wir uns auf das Wesentliche unseres Glaubens konzentrieren, wenn wir anfangen die Geschwister so zu sehen, wie Gott sie sieht, wenn wir bereit sind, auf unser Recht zu verzichten, dann können wir auch Missstimmungen unter uns überwinden. Hierzu gehört auch die Verantwortung der Leiter, Unbelehrbare und Streitverursacher abzuweisen und nicht weiter in der Gemeinde wirken zu lassen. Denn eine streitende Gemeinde ist für die Mitglieder selbst und für Außenstehende immens gehandicapt und völlig unattraktiv. Extremismus, Überbetonung zweitrangiger oder drittrangiger Fragen, das Beharren auf nicht entscheidenden Gemeindeorganisationsfragen etc. sind extrem kontraproduktiv und nehmen uns die Kraft für die Front. Wenn Außenstehende unsere Probleme mitbekommen, dann kann das für ihren vielleicht gerade entstehenden Glauben zerstörende Auswirkungen haben.

Wir alle bedauern oft die Verflachung des geistigen Lebens in der Gesellschaft und des geistlichen Lebens in der Gemeinde. Aber ist das nicht auch eine Chance dafür, dass wir uns gerade jetzt auf das Wesentliche konzentrieren müssen? Und ist unsere Lähmung in Bezug auf die Evangelisation nicht auch ein Hinweis dafür, dass wir gut im Reden und Argumentieren sind, aber Schwächen darin haben, Licht und Salz zu sein, wenn es darum geht, Menschen anzusprechen, die gar nicht an Worten interessiert sind, für die es keine Wahrheit gibt, sondern nur Lebenskonzepte, die bei jedem anders ausschauen können. Wie viel bleibt denn übrig für die Ewigkeit von dem, was uns so wichtig ist und wofür wir unsere Zeit einsetzen? – Nur das, was in Liebe und aus der Gemeinschaft mit dem Herrn heraus gewirkt wurde! Sehr viele Christen aus der ersten Zeit konnten weder schreiben noch lesen, waren völlig ungebildet, Ausgestoßene, Sklaven, Verachtete. Und trotzdem ging das Evangelium voran. Sind unsere Gemeinden nicht oft eine Parallelwelt, die den Anschluss zu den Außenstehenden verloren hat? Beherrschen wir das kleine „1 x 1“ wirklich so gut, dass das große „1 x 1“ so großen Raum in unseren Gemeinden einnehmen darf? Manche „einfachen“ Geschwister, die schon jahrelang dabei sind, wissen oft nicht einmal, um was es in den Diskussionen der „erkenntnismäßig Fortgeschrittenen“ genau geht. Wenn hingegen die frohe Botschaft und die gesunde Lehre im Mittelpunkt stehen und klar, einfach und mit viel Bezug zum Alltagsleben gepredigt wird, dann fühlen sich alle auferbaut, das Miteinander wächst und die geistliche, liebende Gemeinschaft untereinander wird spürbar erlebt. Aus dem heraus fällt es dann der Gemeinde als Ganzes und dem einzelnen Gläubigen viel leichter, Brücken zu den Außenstehenden zu schlagen und Menschen zu erreichen.

Wenn der Herr in Johannes 17 dreimal um Einheit der Gläubigen bittet, wenn die Apostel dieses Prinzip immer wieder betonen, wenn durchgehend in den Briefen darauf hingewiesen wird, dass eine praktische, spürbare Liebe unter uns vorhanden sein muss, dann ist es doch klar, was zuallererst in unserem Fokus sein muss: Ein liebevolles Miteinander der Gemeinde, gesunde, ermutigende Lehre, mit der alle etwas anfangen können, ein Ausgerichtet-Sein auf die Erbauung des anderen. Wir müssen uns darum bemühen und die Leiter müssen darüber reden und unter der Führung Gottes einen Plan machen, wie das in der Gemeinde gefördert werden kann. Das ist ein Muss, alles andere kommt danach!

Zum Abschluss des ersten Teils möchte ich auf ein wunderbares Werkzeug für dieses Anliegen hinweisen: Es ist der Rigatiokurs „Miteinander“. In 6 Lektionen wird das „1 x 1“ des Gemeindelebens, wie es in der Bibel gedacht ist, vorgestellt. Ich habe den Kurs schon mit einer Gruppe durchgemacht, mit großen Auswirkungen auf mein persönliches Leben und hoffentlich auch auf das Leben der Teilnehmer. Warum sollen wir nicht wieder einmal als ganze Gemeinde so einen Kurs machen und am Sonntag in der Predigt zusammenfassend noch einmal das Thema der jeweiligen Lektion behandeln?

Die Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe