Gemeinde & Mission

Gemeinden gründen

von Mac Donald William

Den Artikel als PDF herunterladen

Im Vorgarten eines Hotels in Honolulu sah ich zum ersten Mal einen Banyanbaum. Wenn sich die Zweige dieses Baumes sich ausbreiten, wachsen daran Triebe, die bis zum Boden reichen, Wurzeln schlagen und zu neuen Bäumen werden. Ich hatte immer das Gefühl, dass dieser Baum ein Bild für ideales Gemeindewachstum ist. Es veranschaulicht, wie sich Gemeinden vermehren sollten. Wenn eine örtliche Gemeinde größer wird, sollte sie menschliche „Triebe“ aussenden, damit diese in andren Gegenden Wurzeln schlagen und neue Gemeinden bauen.Das wäre der ideale Weg, aber leider leben wir nicht in einer idealen Welt. Obwohl sich Gemeindeleiter normalerweise für Gemeindegründung aussprechen, zeigen sie doch einen natürlichen Widerstand, wenn sich tatsächlich die Gelegenheit dazu ergibt. Sie lassen ihre eingeübten sechzig theologischen Gründe aufmarschieren, warum es gerade in ihrem speziellen Fall nicht möglich ist oder warum die Zeit noch nicht reif dafür ist. Sie wollen keine Änderungen, die alles durcheinander bringen, wenn gerade alles so glatt läuft. Sie brauchen alle verfügbare Hilfe. Es gibt nicht genug qualifizierte Leiter für eine neue Arbeit. Bei einer Teilung wäre es für die Heimatgemeinde schwerer, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Die Kinder und Jugendlichen hätten in einer neuen Arbeit nicht die gleichen Möglichkeiten zur Gemeinschaft mit Gleichaltrigen wie in einer größeren Gemeinde. Die Leiter stimmen darin überein, dass sie eine neue Arbeit bestimmt irgendwann fördern werden, aber jetzt noch nicht.

Andere evangelikale Gemeinden werden von solchen Überlegungen nicht abgeschreckt und sie erleben ein ständiges Wachstum. Und die Sekten lassen sich ganz bestimmt nicht von solchen Weisheiten aufhalten, und sie breiten sich unaufhaltsam aus.

Wenn wir dem Urteil „Treue ohne Frucht“ oder „Wahrheit ohne Wachstum“ entgehen wollen, dürfen wir nicht auf unsere Bedenken hören, sondern müssen unser natürliches Zögern aufgeben und vor Gott beschließen, uns ganz dem Dienst des Gemeindebaus zu widmen, egal was es kosten mag.

Wie wird eine neue Gemeinde geboren? Sie sollte mit einer Vision beginnen, die Gott einem oder mehreren ins Herz gibt. Es sollte ein Anliegen da sein, das nicht nachlässt, ein ständiges Bewusstsein, dass Gott führt. Der Heilige Geist gibt eine Idee und bewirkt ein Verlangen in den Herzen Seines Volkes.

Diese Vision muss in Gebet „gebadet“ sein. Auf diese Weise zeigen wir, dass wir unfähig sind, richtig zu entscheiden, und dass wir vollkommen von Seiner Weisheit abhängig sind. Schließlich ist Christus das Haupt der Gemeinde und nur das Haupt hat das Recht zu entscheiden. Während wir beten, wird die Vision immer klarer. War es am Anfang nur eine allgemeine Vorstellung, so kristallisieren sich allmählich immer mehr Details in Bezug auf Ort, Vorgehensweise und Leitung heraus.

Eine starke, geistliche Leitung muss vorhanden sein, sonst ist es leicht möglich, dass das Werk schon in einem frühen Stadium auseinander fällt. Es wäre gut, wenn ein sogenanntes Gemeindegründungs-Team zusammenarbeitet – mindestens zwei oder drei Ehepaare. Die Bemühungen von Einzelpersonen, die alleine arbeiteten, haben keine guten Ergebnisse erzielt. Der Herr Jesus hat mit zwölf Jüngern gearbeitet. Paulus reiste mit einer Gruppe von Männern, die Gemeinden gründeten. Der Herr scheint uns das als Beispiel zu geben.

Wenn die neue Arbeit mit der Teilung einer bereits existierenden Gemeinde (oder mehrerer Gemeinden) beginnt, dann ist es wichtig, mit Takt, Liebe und in Einigkeit vorzugehen. Oft gibt es in der „alten“ Gemeinde Zögern und Widerwillen, wenn wertvolle Gemeindeglieder gehen. Älteste befürchten oft eine Verringerung ihrer Gemeindeglieder. Es ist nötig, im Gebet zu warten, bis der Herr die Herzen der Leiter dazu bringt, die rechte Hand der Gemeinschaft zum neuen Werk auszustrecken.

Das Gemeindegründungs-Team wird den Wunsch haben, sich auf bestimmte Grundsätze zu einigen und die Handhabung bestimmter Punkte abzusprechen. Zum Beispiel würden sie ein Glaubensbekenntnis niederschreiben. Darüber hinaus könnten sie vielleicht die folgenden Punkte in Erwägung ziehen, auf die sich ein Team geeinigt hat:
1. Über die fundamentalen Wahrheiten des christlichen Glaubens muss absolute Einigkeit bestehen. Eine Abweichung von diesen Wahrheiten kann nicht hingenommen werden.
2. In zweitrangigen Fragen wird sich der Einzelne dem Konsens der Gemeinde beugen.
3. Das Gemeindegründungs-Team wird nicht unbedingt die dauerhafte Leiterschaft übernehmen. Das Team soll mindestens ein Jahr lang die Gemeinde leiten. Nach Ablauf dieser Zeit soll sich die Gemeinde treffen und bestätigen, welche Männer der Herr als Älteste einsetzen möchte. Diese neue Leitung soll dann öffentlich anerkannt werden und das Gemeindegründungs-Team wird sich auflösen.
4. Wenn die Gemeinde auf ungefähr 100 bis 150 Leute angewachsen ist, werden aktive Schritte zur Bildung einer neuen Arbeit eingeleitet.
5. Es wird nichts unternommen, um durch Übertritte von anderen Gemeinden oder Gemeinden zu wachsen. Das Ziel ist, Ungläubige zu erreichen, sie zur Bekehrung zu führen, zu taufen, zu Jüngern heranzubilden und in die Gemeinde einzugliedern.

Auch über den Ort muss eine Entscheidung getroffen werden. Ein neues Wohngebiet wäre ideal. Aber man sollte sich nicht gerade in den Vorgarten einer bereits etablierten evangelikalen Gemeinde platzieren. Am Anfang kann sich die Gemeinde in einer Privatwohnung treffen. Wenn sie für eine Wohnung zu groß wird, kann sie ein bescheidenes Gebäude mieten, kaufen oder bauen. Manchmal schließen die gesetzlichen Bestimmungen eine Privatwohnung aus. Die Leiterschaft muss jedes Für und Wider abwägen.

Die Art und Einteilung der Gemeindestunden lässt sich normalerweise recht leicht entscheiden. Das Team wird die zentrale Bedeutung der Anbetung ebenso in seine Überlegungen einbeziehen wie die Wichtigkeit des gemeinsamen Gebets und der geistlichen Nahrung, die die Herde braucht.

Genauso wie bei der Geburt eines Babys herrscht auch bei der Gründung einer neuen Gemeinde überschwängliche Freude. Die Gläubigen erleben eine neue, herzliche Gemeinschaft, Begeisterung für das gemeinsame Ziel, die Gemeinde wachsen zu sehen, und Zufriedenheit, wenn die Gaben benutzt werden, die in einer großen Gemeinde nicht zur Geltung kommen.

Genauso wie sich Familien freuen, wenn Söhne und Töchter heiraten und eine eigene Familie gründen, so sollten sich auch Gemeinden freuen, wenn sie das Vorrecht haben, bei neuen Arbeiten als „Eltern“ beitragen zu können und mit zu erleben, wie daraus eigenständige Gemeinden entstehen.
Gemeindegründung ist der Wille Gottes. Glückselig sind die, die mit ihm zusammenarbeiten um seinen Willen auszuführen.

Fußnote
1. Auszug aus Disciple´s Manual. Die deutsche Ausgabe soll 2006 bei CLV erscheinen.

Den Artikel als PDF herunterladen