Gemeinde & Mission

Gescheiterte Missionare – Teil 1

von Kosin Fred

(Wir begannen eine Serie von „Briefen von Missionaren, die nie abgeschickt wurden“ aus dem Buch von Fred Kosin, das beim CLV erscheinen wird. Der Titel des Originals ist „Letters Missionaries Never Write.“ Diese Briefe sollen uns Einblick in das Leben und die Probleme der Missionare geben und uns zum Gebet für sie anregen.)

Liebe Familie im Herrn!

Wir haben unser Leben zerstört, unsere Familie enttäuscht, unsere Heimatgemeinde im Stich gelassen und unsere Freunde entehrt, die uns unterstützt haben. Wir haben der Welt Anlass gegeben den Herrn zu lästern, wobei wir versprochen hatten ihm treu zu dienen; wir gefährdeten den Glauben der Menschen, denen wir am Missionsfeld gedient haben und wir haben dem Leib Christi unnötig Schmerz und Leid zugefügt. Am schlimmsten ist, dass wir den Herrn Jesus Christus, unseren Gott, beleidigt haben.

Wir beschuldigen niemanden außer uns selbst. Wir klagen uns auch nicht gegenseitig an, sondern übernehmen beide das gleiche Maß an Verantwortung für unseren Schiffbruch. Wir haben unser geistliches Leben nicht gepflegt, wie die Schrift es uns befiehlt. Wir haben nicht das gelebt, was wir gepredigt haben. Wir haben unsere Richtung nicht überprüft. Wir haben das nicht in Ehren gehalten, wofür wir uns verpflichtet hatten, als wir als Missionare ausgesandt wurden. Wir haben unser Schiff nicht in Stand gehalten. Wir waren unempfindlich gegenüber dem Dienst des Heiligen Geistes. Wir rechtfertigten unser Handeln damit, dass wir so viel zu tun hatten. Wir gingen davon aus, dass die Arbeit für den Herrn den Vorrang gegenüber allen anderen Dingen des Lebens hatte. Das Einzige, was wir tun konnten, war in die Heimat zurückzukehren, unser Leben in Ordnung zu bringen und uns zu versöhnen, anstatt das Schiff vollkommen zu verlassen.

Wir sind in Ehebruch gefallen. Wir sagen „wir“, denn als wir uns gegenseitig die eheliche Treue versprachen, las der Prediger aus dem Wort Gottes: „Die zwei werden ein Fleisch sein“ und „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ Am Anfang unserer Beziehung glaubten wir, dass wir fest miteinander verbunden sind und dass wir bereit sind alles gemeinsam durchzustehen solange wir leben. Wir genossen die Begeisterung und die Freude als Einheit zu leben. Wir waren davon überzeugt, dass nichts zwischen uns kommen oder uns dazu bringen könnte, die Verantwortung füreinander zu vernachlässigen. Wir hätten nie gedacht, dass unser Schiff in solch einen Sturm kommen könnte.

Die meisten, die das erleben, was wir uns angetan haben, schreiben nicht so einen Brief. Sie kommen still nach Hause, suchen sich einen anderen Wohnort, eine andere Gemeinde, andere Freunde und sehr oft auch einen anderen Partner. Durch das einfache Lesen der Bibel sehen wir, dass das keine Option für uns ist. Das ist unsere Pflicht: „Bekennt nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet!“ Ja, wir brauchen Heilung. Aber allzu oft ist der tragische Schiffbruch, den wir überlebt haben, ein Grund dafür eine Verbindung mit einem anderen Partner einzugehen und dann wieder auf das „Meer des Lebens“ hinauszufahren, diesmal besser vorbereitet, um anderen zu helfen durch alles, was man durchgemacht hat. Wir sind überzeugt, dass wir Heilung brauchen, und wenn wir gesund werden können wir vielleicht anderen helfen. Aber das ist nicht sicher.

Als wir heirateten, waren wir hingegebene Christen und hatten von ganzem Herzen den Wunsch dem Herrn zu dienen, egal wohin er uns rufen würde. Wir waren zur Mission bereit und wollten „in See stechen“ und Kurs auf ein fremdes Land nehmen, wo wir ungeliebten und unerreichten Menschen mit dem Evangelium dienen konnten.

Der Herr rief uns und wir bereiteten uns so gut vor, wie wir nur konnten, um in alle Welt (oder zumindest in ein Land) zu gehen und Jünger zu machen. Wir wählten mit Gottes Hilfe eine Missionsarbeit aus, von der wir dachten, dass dort jemand mit unseren Gaben und Fähigkeiten dienen konnte. Wir stießen von der Küste ab und „segelten“ (durch die Luft) mit unseren zwei kleinen Kindern los. Die angepeilte Richtung war die Erfüllung von unserem Wunsch dem Herrn zu dienen. Viele Freunde opferten großzügig für unsere Reise und für die Ausrüstung, die wir in der Missionsarbeit brauchen würden. Wir waren der Meinung, dass wir durch unsere Ausbildung, unseren Beruf, unsere Erfahrung und unsere Hingabe an den Herrn gut für den Dienst vorbereitet waren. Wie viele andere Missionare verpflichteten wir uns für eine lange Reise. Es war für uns keine Vergnügungsfahrt und auch keine Weltreise um herauszufinden, ob es uns gefallen würde. Es war eine einfache Fahrkarte in einem Handelsschiff, das für stürmisches Gewässer und für einen langfristigen Dienst gemacht war, koste es, was es wolle.

Bei unserer Ankunft waren wir voller Hoffnung im Bewusstsein der großen Aufgabe, die der Herr uns gegeben hatte. Andere Missionare hatten uns gewarnt bezüglich der Gefahren und Fallstricke im Dienst in diesem Teil des „Weinberges“. Wir beherzigten das, begannen mit dem Lernen der Sprache und tauchten in die Kultur einer total neuen Welt ein.

Es war eine große Herausforderung neue Wörter auszusprechen, damit zurechtzukommen, dass die Menschen uns ständig anstarrten und dass sie das Opfer nicht schätzten, das wir brachten, indem wir dort hinzogen und neu lernen mussten, wie man einkauft, kocht und isst. Es war frustrierend, wenn wir unsere Ideen nicht richtig vermitteln konnten, von Missionaren nicht akzeptiert wurden, weil wir nicht aus demselben Land kamen, wenn unsere Meinung bei Entscheidungen nicht gefragt war und wenn wir feststellten, dass wir die Bibel anders verstanden und anders dachten als die anderen Missionare.

An vielen Abenden fielen wir ins Bett mit dem besonderen Trost, dass wir zumindest einander hatten und dass in der Stille der Nacht niemand zwischen uns kommen könnte. Wir hielten einander auf unserem schmalen Bett fest in den Armen und waren uns so nahe, dass wir kein großes und breites Bett brauchten um uns auszubreiten. Wir schätzten es einander nahe zu sein und waren froh, dass das in diesen primitiven Umständen möglich war. Das waren ganz besondere Stunden, die wir genossen und auskosteten. Der nächste Tag begann immer heller als der vorige und wir standen zusammen auf um die Prüfungen eines Missionars in der „Einarbeitung“ zu bestehen, auch wenn es keinen formalen Lehrplan gab.

Als Folge unserer Nähe zueinander bekamen wir in relativ kurzer Zeit zwei weitere Kinder. Sie brachten uns große Freude, ebenso wie die anderen beiden, die der Herr uns gegeben hatte, bevor wir in die Mission gingen. Der Nachwuchs sorgte auch für einige Veränderungen. Wir verteilten die Aufgabenbereiche und mussten damit zurechtkommen, dass unsere Kraft, unsere Zeit, unsere Mittel und unsere geistliche Hingabe für all die vielen Aufgaben stärker beansprucht wurden.

Es gab einige Dinge, die vom Mann erledigt werden mussten und andere, die wegen der wachsenden Familie von der Frau gemacht werden mussten.

Damit kam das Problem, dass wir fast dazu gezwungen waren, unsere Aufgaben aufzuteilen und sie nicht mehr zusammen erledigen konnten. Das macht es auch sehr schwer den Brief zusammen zu schreiben und gleich viel Verantwortung zu übernehmen für das, was geschehen ist. Aber wir können nicht weitermachen ohne einzusehen, dass die verschiedenen Aufgaben sich negativ auf unsere gegenseitige Verantwortung ausgewirkt haben. Natürlich haben wir in unserer ganzen Ehe manches getrennt voneinander gemacht und unterschiedliche Aufgaben erledigt. Aber in diesem Brief wollen wir uns an die biblische Anweisung halten: Wir sind beide für den Schiffbruch verantwortlich, den wir ausgelöst haben. Danke, dass ihr euch bemüht uns zu verstehen.

Ich (die Frau) war viele Nächte wach, um den Kindern beizustehen, als sie Malaria hatten, einsam waren, erkältet, die Grippe oder die üblichen Kinderkrankheiten hatten oder wenn sie aus anderen Gründen nicht schlafen konnten. Ich (der Mann) hatte sehr viele dringende Aufgaben im Aufbau der Missionsarbeit; ich musste Bibelstunden halten, Jüngerschaftsbeziehungen mit jungen Männern pflegen, für die Einrichtung eines Büros und die Organisation einer Menge von Details sorgen, die dazu beitragen würden, dass die Arbeit gut weiterläuft. Wir stellten einen Gärtner an, damit ich (die Frau) mehr Zeit für die Kinder, für Frauenbibelstunden, Nähkurse, Leseunterricht, Hygieneunterricht und Medikamentenausgabe hatte. Ich (der Mann) war mit den vielen Aufgaben im Büro überfordert. Also stellten wir eine Sekretärin an. Sie würde tippen, Akten sortieren, Daten eingeben und eine Menge von Berichten über die laufende Arbeit schreiben. In vielen Stunden brachte ich ihr bei, wie sie mit dem Computer arbeiten soll, wie das Ablagesystem funktioniert, wie der Arbeitsablauf im Büro ist und wie sie die täglichen Anfragen erledigen sollte.

Zu dieser Zeit hatten wir die vielen Stunden der Sprachkurse hinter uns und hatten uns schon einigermaßen an die Kultur angepasst. Wir hatten einen Heimaturlaub gemacht und planten einen weiteren, auch wenn der Termin dafür noch offen war. Wir zogen aus unserer ersten, engen Wohnung aus. Vieles ging so langsam, dass wir die Unterschiede gar nicht merkten, die unser Leben und unseren Dienst veränderten. Wir bauten ein kleines Büro, somit konnten wir viele Dinge aus dem Haus schaffen und hatten mehr Platz für einen größeren Esstisch und für Küchenschränke. Wir schafften uns Wohnzimmersessel und ein Buchregal an und wir konnten uns für jedes Kind ein Bett und eine Kommode leisten. Wir ließen uns ein neues größeres Bett anfertigen und gaben unser altes unserem ältesten Kind.

Zurückblickend sehen wir, dass der Druck in einem Bereich unseres Lebens nachließ, aber wir verstehen jetzt, dass er in einem anderen Bereich zunahm. Selten gingen wir zusammen ins Bett oder fielen einander in die Arme, wie in den Jahren zuvor. Wir gingen zu verschiedenen Zeiten schlafen und standen zu verschiedenen Zeiten auf, weil wir unterschiedliche Aufgaben, Projekte und Tagesabläufe hatten. In unserem neuen, großen Bett hatten wir nicht mehr die körperliche Nähe, die wir vorher so sehr genossen hatten. Oft stellten wir fest, dass der nächste Tag so begann, wie der letzte aufgehört hatte; die Lasten wurden nicht weggenommen, weil wir nicht darüber redeten. Da wir so verschiedenen Diensten und Tätigkeiten nachgingen, bewegten wir uns auseinander.

Einer von uns fiel ins Bett und sehnte sich nach besonderer Aufmerksamkeit oder nach Entspannung von Muskel- oder Rückenschmerzen. Aber der andere schlief bereits oder war zu müde. Wir teilten weder unsere Freuden noch unser Leid. Wir lebten uns immer weiter auseinander und hatten immer weniger gemeinsame Erlebnisse.

Wir waren beide der Meinung, dass wir das Werk des Herrn ausführten. Wir waren dort um ihm zu dienen, und so dachten wir, dass wir auch solche Veränderungen akzeptieren müssten. Ich (die Frau) dachte, dass der Druck nachlassen würde, wenn die Sekretärin alles gelernt hatte, was sie wissen musste. Ich (der Mann) dachte, dass ich wieder mehr Zeit für mich haben würde, wenn die Kinder größer sind. („Für mich“ zu sagen heißt sich vom anderen zu isolieren und deutet an, dass wir nicht eins sind. Die Schwierigkeiten begannen, als sich jeder als den Partner sah, der zu kurz kam. Das ist die Wurzel des Problems. Während unserer Heilung lernen wir gerade, das alles zu durchdenken. Bitte versucht, das zu verstehen). Damit waren wir wieder in einer Sackgasse. Wir müssen bekennen, dass wir einander ansahen und dass jeder dabei dachte: Die Schwierigkeiten kommen daher, weil mein Partner zu viele Aufgaben hat. Deshalb meinten wir, dass sich die Wogen in unserer kaputten Beziehung wieder glätten, wenn der andere seinen Tagesablauf und seine Arbeit anpassen würde. Obwohl wir einander so sahen, übernehmen wir jeder die volle Verantwortung für unser Versagen. Ich hoffe, ihr werdet versuchen, das zu verstehen.

Fortsetzung in „Gescheiterte Missionare – Teil 2“