Gemeinde & Mission

Vorwort 139: „Liebevolle Beziehungen“

von Gradwohl Samuel

Das wohl markanteste Kennzeichen des christlichen Glaubens soll die Liebe sein, die wir als Geschwister untereinander haben. So stammt die Redewendung „Ein Herz und eine Seele“ tatsächlich aus der Apostelgeschichte; sie war eine Beschreibung der ersten Gemeinde. Du liest davon in Apg 4,32 und tatsächlich auch im Duden.
Jesus hebt die Liebe als das markante Merkmal der Gläubigen ebenfalls heraus: Sie soll so deutlich bei uns vorhanden sein, dass jedermann erkennt, dass wir seine Jünger sind (Joh 13, 35). Eine herausfordernde und ermutigende Vorstellung!

Als Geschwister haben wir das Vorrecht, diese Liebe untereinander in vielerlei Hinsicht zu üben. Wir erkundigen uns nach dem Wohlergehen der anderen, wir helfen – wenn nötig – finanziell aus, wir teilen Entdeckungen aus unserer Stillen Zeit, wir bringen Essen vorbei oder erledigen den Einkauf. Ein besonders umfangreiches Übungsfeld für die Liebe sind die eigenen vier Wände: Zeit mit unserer Familie oder in der Wohngemeinschaft zu verbringen, mit den Menschen, die uns am nächsten stehen. Aber manches ist herausfordernd, vielleicht sogar belastend, mit Schwierigkeiten verbunden.

Sollte das Zusammenleben und Zusammenhalten mit den Menschen, die uns lieb sind, nicht leichter gehen? Die praktisch gelebte Liebe untereinander ist ja eigentlich das Kennzeichen von Jüngern Jesu. Woher kommen dann die Reibungen?
Je enger bewegliche Teile einer Maschine miteinander verzahnt sind, umso mehr brauchen sie etwas, das die Reibung verringert. Nicht umsonst ölen wir Zahnräder, Motoren, Türangeln oder Scharniere. Man denke nur einmal an die eigene Fahrradkette: Je geölter, umso besser arbeiten die Teile zusammen, umso schneller fahren wir dahin. Aber wehe, wenn das Öl fehlt;, dann hört man den zusätzlich benötigten Arbeitsaufwand schon lange bevor man den Fahrenden kommen sieht.
Nun ist es aber so, dass wir meinen in unseren Beziehungen sei es genau umgekehrt: Weil wir uns so gut kennen, uns so nahestehen, können wir die Höflichkeiten, die kleinen Aufmerksamkeiten, das Loben und Freundlich-Sein weglassen. Das sind Dinge, die wir bei fremden Menschen oft automatisch machen, um das zwischenmenschliche Klima zu verbessern. Doch diese kleinen Gesten der Liebe bei nahestehenden Personen wegzulassen, mit der Begründung, dass wir uns ohnehin so gut kennen und sie deshalb nicht mehr nötig sind, ist ein fataler Gedanke. Sie sind das eigentliche „Schmieröl“ unserer Beziehungen. Gerade in Zeiten wie diesen ist die sichtbare Liebe in unseren Beziehungen umso wichtiger, in der Gemeinde, unter Geschwistern, in den Familien und in WGs. Der Feind lässt keine Möglichkeit ungenutzt, den sprichwörtlichen „Sand ins Getriebe zu streuen“. Und gerade, wenn wir so eng und nah „aufeinandersitzen“, sei es real oder digital, ist es ihm ein Leichtes alte Wunden aufzureißen, für Reibung zu sorgen, uns gegeneinander aufzustacheln. Halten wir uns die Liebe Jesu vor Augen, um unsere Geschwister und Liebsten durch sie zu sehen!            

Ein Vers fordert mich in diesem Zusammenhang heraus: „[…], dass in der Demut einer den anderen höher achtet als sich selbst; ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen! Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war.“ (Phil 2,3-5)

Wir als Gläubige sind aufgefordert andere höher zu achten als uns selbst, den Blick von uns wegzuwenden und stattdessen die Bedürfnisse unserer Nächsten zu sehen! Das größte Vorbild diesbezüglich ist unser Herr Jesus, der sich um unseretwillen ganz hingegeben hat. Wie könnten wir anders leben als er? Stell´ dir vor, wie er sogar am Kreuz hängend noch um die praktische Versorgung seiner Mutter bemüht war (Joh 19,26-27). Der Herr Jesus hat wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, um anderen Menschen Gutes zu tun und ihnen mit Liebe und Freundlichkeit zu begegnen. Wie wäre es also, wenn wir die aktuellen, eventuell widrigen Umstände nutzen und versuchen dem Vorbild des Herrn Jesus in unserer Gemeinde, unseren Familien oder WGs zu folgen? Wie würden sich unsere Beziehungen wohl ändern, wenn auch nur einer damit anfinge statt auf seine eigenen Bedürfnisse „auf die der anderen“ zu sehen? Ja, es kostet etwas. Ja, es mag im Moment unangenehm sein. Aber werden die positiven Auswirkungen schlussendlich nicht deutlich überwiegen? 

Natürlich ist eine so selbstlose Liebe, wie sie uns der Herr Jesus vorgelebt hat, nur mithilfe des Heiligen Geistes möglich. Er möchte unsere selbstsüchtige, alte Natur Schritt für Schritt in das Vorbild von Jesus verändern. Unsere Gemeinde, die Beziehung zu unseren Geschwistern, unsere Familien und Haushalte sind eine Möglichkeit Gott zu erleben, ihn tatsächlich im eigenen Leben und Umfeld wirken zu sehen. Wir dürfen erkennen, dass sein Wort ganz praktisch ist. Deine aktuelle Situation muss nicht Belastung und Hürde bleiben, sie kann eine Chance sein: eine Chance zur Veränderung, eine Chance Gottes Liebe selbst zu erleben, eine Chance Gottes Liebe zu leben und sie weithin sichtbar werden zu lassen. Fangen wir am besten noch heute damit an – lass´ Gott in deinem Alltag wirken und überlege dir, welches „Schmiermittel“ deinen Beziehungen heute besonders guttun würde.