Welchen weisen Rat würdest du deinen Kindern und Enkeln hinterlassen?
Ausschnitt aus einem Interview mit John Lennox[1]
Die letzte Frage im Interview: John, ich weiß, dass du drei Kinder und einige Enkel hast. Was würdest du ihnen als abschließenden weisen Rat geben? Was würdest du ihnen als „Worte der Weisheit“ mitgeben?
John Lennox: Das würde ich nicht nur meinen Kindern sagen, sondern jedem. Unser Leben rast vorbei. Wir sind auf digitale Geräte fixiert und das raubt unsere Zeit. Die Leute sagen zu mir, dass sie keine Zeit haben. Sie haben eine Menge Zeit. Wenn du wissen willst, wie viel Zeit du hast, dann musst du dir nur eine einfache Frage stellen: „Wie viel Zeit habe ich in der letzten Woche damit verbracht, an einem digitalen Gerät herumzuspielen und Sachen gemacht, die überhaupt nichts mit meinem Beruf oder mit meinem Leben zu tun haben?“ Dann kannst du dir die Frage beantworten: „Habe ich Zeit?“
Wenn wir Christen sind, berauben wir uns dadurch der wichtigsten Beschäftigung im Leben. Was das ist? Gemeinschaft mit Gott durch sein Wort zu suchen. Du wirst nie irgendeinen Einfluss ausüben, wenn du die Bibel nur fünf Minuten liest, kurz bevor du ins Bett schlüpfst. Jetzt werde ich sehr konkret. Ihr Ehemänner werdet nie irgendeinen Einfluss auf die Welt haben, wenn ihr nicht mit euren Frauen betet und eure Familie geistlich leitet. Es geht einfach nicht. Es ist unmöglich, in einer Familie eine tiefe Beziehung zueinander zu entwickeln ohne den Herrn Jesus einzubeziehen. Wir müssen über diese Sachen Buße tun und anfangen uns Zeit zu nehmen, damit wir Gott in diesem Sinn kennen lernen.
Früher dachte ich, dass die Wissenschaft und all ihre Argumente viel interessanter als die Bibel sind. Darüber sprach ich mit meinem Mentor David Gooding. Da antwortete er: „Würdest du gerne mal ein Bibelstudium machen?“ Und so lud er mich ein einen Abend mit ihm zu verbringen. Ein Abend veränderte mein Leben. Es war eine totale Veränderung! Es war in Cambridge. Da habe ich das erste Mal in meinem Leben jemand getroffen, der die Bibel ernst nimmt. Wir haben eine Tapetenrolle umgekehrt an die Wand geheftet und er hat einen Dialog mit Matthäus aufgezeichnet. Es war überwältigend, wie er begann die Schätze der Heiligen Schrift zu entfalten. Aber das erfordert Zeit und Mühe.
Viele von euch sind Fachkräfte. Denke mal an die Anstrengung und harte Arbeit, die du leisten musstest, um dort hinzukommen, wo du jetzt bist. Wenn der Herr dir so einen Verstand gegeben hat, dann frage ich, wie viel davon du für ihn benutzt? Was mich dabei vor Sorgen fast verrückt macht: Hier sind Leute, die in ihrem Beruf gut vorankommen, aber in ihrem Bibelwissen auf dem Kenntnisstand der Kinderstunde stehen bleiben. Dann kommt der Augenblick, wo irgendwelche Fragen gestellt werden und sie merken sofort, dass sie das nie durchdacht haben. Das bringt sie oft für immer zum Schweigen.
Das ist also ein Weckruf. Wacht auf! Ich bewundere sehr, was Joel und seine Kollegen[2] machen. Ich denke, dass sie sich damit gegen die Flut der Mittelmäßigkeit stemmen. Wir nehmen Gottes Wort nicht ernst. Wenn ich das in meinem eigenen Herzen finde, weiß ich: Ich liebe Gott nicht wirklich. Wir reden die ganze Zeit darüber, dass wir in den Himmel kommen und dass wir dem Herrn Jesus begegnen werden. Was würdest du ihm sagen, wenn das jetzt geschehen würde? Worüber würdet ihr euch unterhalten? Das ist sehr ernst.
C.S. Lewis sagte: „Alle Hinweise im Neuen Testament schmecken nach der Erwartung der Ewigkeit.“ Aber was ist, wenn wir nie gemerkt haben, dass uns das Wort Gottes gegeben wurde, um die ewigen Dinge für uns real zu machen? Wir müssen viel Zeit darin verbringen, darin eintauchen, es mit anderen zusammen und alleine lesen.
Ich hatte einen sehr engen Freund in Cambridge. Vor Jahren haben wir uns Folgendes ausgemacht: Wer auch immer von uns zuerst stirbt, würde vom anderen eine Rede bekommen. Der eine, der noch zurückbleibt, würde auf der Beerdigung des anderen predigen. Mein Freund dachte, dass ich zuerst heimgehen würde, weil ich um einiges älter bin. Aber ich werde den Tag nie vergessen, als er mich mit Tränen in den Augen besuchte und sagte: „Ich habe hier drin einen Tumor, so groß wie eine Grapefruit. Du wirst an meiner Beerdigung predigen müssen.“ Da fragte ich perplex: „Aber was soll ich sagen?“ Ohne zu zögern sagte er: „Rede zu ihnen darüber, was wir als junge Studenten in Cambridge gemacht haben: über das Wort Gottes zu reden, nachzudenken und auf den Herrn zu warten bis sein Gesicht sichtbar wird.“ Dann fügte er hinzu: „Dann haben sie etwas zu sagen.“
Willst du etwas haben, was du sagen kannst? Du als Pastor? Du als Lehrer? Als Mitarbeiter in der Jugendstunde? Wenn du etwas haben willst, was du sagen kannst, gibt es keine Abkürzung. Ich werde diese „letzten Worte“ meines Freundes an die Welt nie vergessen und ich habe sie seitdem oft wiederholt. Dadurch wurde ich verändert, nicht durch das Lesen der ganzen Philosophen, obwohl ich das gerne mache und es interessant finde. Es zeigt mir, wie ich anknüpfen und wie ich argumentieren kann. Aber wenn der Herr nicht durch sein Wort real für uns ist, dann verpassen wir die wichtige Gemeinschaft, die er uns ermöglicht. Und darauf kommt es an!
[1] Mit freundlicher Genehmigung von C.S. Lewis Institute, Übersetzung eines Interviews vom 29.05.2019; http://www.cslewisinstitute.org/?
Das Original ist zu sehen unter: https://www.youtube.com/watch?v=ANP51bdysWM
[2] Mitarbeiter am C.S. Lewis Institute