Pfingsten und der Tag des Herrn (Apg 2)
(Auszug aus dem Kommentar zur Apostelgeschichte, der bei CLV erscheinen soll.)
Der Herr Jesus war der Erbe des ganzen Universums, er war der Sohn des Besitzers des Weingartens.
Trotzdem wurde er aus seinem eigenen Weingarten hinausgeworfen und von seinen eigenen Geschöpfen gekreuzigt. Deswegen sind die Ereignisse zu Pfingsten die Offenbarung einer Barmherzigkeit, die eigentlich unglaublich ist.
Eine glaubwürdigere Geschichte würde so aussehen: Die Feuerzungen, die vom Himmel herabkamen, wurden als Gericht gesandt um sogar die Steine Jerusalems zu zerstören und alles, was sich in der Stadt befand zu verbrennen. Aber die Zungen verkündigten den Mördern Jesu, dass er von den Toten auferstanden und zur Rechten Gottes aufgefahren war. Sie zeigten, dass der Jesus, den sie umgebracht hatten, sowohl der Herr als auch der Messias war. Und jetzt kommt der unglaubliche Teil: Sie zeigten, dass ihnen und allen Menschen deshalb Vergebung angeboten wurde, zusammen mit einem nie dagewesenen Geschenk des neuen Lebens und einer neuen Beziehung zu Gott.
Aber eines Tages wird eine ganz andere Art von Feuer aus dem Himmel kommen. Der Sohn Gottes, der Erbe, wurde hinausgeworfen, aber dadurch ist die Erde nicht zu einer autarken Insel geworden und noch weniger zu einer unbesiegbaren Festung, worin sich die Menschheit gegen jedes Eindringen oder jeden Einfluss von außen verbarrikadieren kann. Die Menschen mögen leben, als ob die Welt ihnen gehört, aber sie sind doch nur Pächter. Und der Eigentümer hat andere Pläne mit der Welt. Er wird nicht lange warten und dann wird sein Sohn und Erbe den Besitz übernehmen und die Welt verändern, wie es seinem ursprünglichen Plan entspricht.
Gott macht aus seinen herrlichen Plänen kein Geheimnis. Die Unterwerfung der Natur unter Zerstörung, Verderben und Schmerz trifft nur für eine gewisse Zeit zu. Die Natur wird endlich befreit und wunderbar wieder aufgebaut werden (Röm 8,20-21). Es wäre aber sinnlos und unmöglich, die Natur von ihren Fesseln des Verderbens zu befreien und sie gleichzeitig noch unter der Herrschaft von sündigen, rebellischen Menschen zu lassen. Deswegen muss zuerst etwas eintreten, was in der Schrift der „Tag des Herrn“ genannt wird. Dieser Tag wird von kosmischen Naturkatastrophen und gewaltigen Erdbeben eingeleitet. Das sind die Gerichte über alle unbußfertigen und widerspenstigen Pächter, deren Rebellion damit beendet wird und die dadurch zerstört werden.
Die Propheten des Alten Testaments haben als erste vom Tag des Herrn und über diese gewaltigen Naturkatastrophen gesprochen. Christus selbst hat dann dieselben Ausdrücke benutzt um die Geschehnisse vor seiner Wiederkunft zu beschreiben:
„Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen, und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit bei dem Tosen und Wogen des Meeres; indem die Menschen vergehen vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit.“ (Lk 21,25-27).
Auch der Apostel Paulus hat in ähnlicher Weise beschrieben, dass der Tag des Herrn mit der Offenbarung des Herrn Jesus zusammenfällt: „… vom Himmel her, mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen; die Strafe erleiden werden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke.“ (2. Thess 1,7-9).
Auf der anderen Seite hat Gott schon durch den Propheten Joel im Alten Testament vorhergesagt, was diesem großen und herrlichen Tag des Herrn vorangehen wird. Nicht nur ein, sondern zwei Ereignisse von weltweitem Ausmaß und gewaltiger Bedeutung werden vorher eintreten. Da Petrus diese Prophezeiung ausführlich zitiert, können wir uns darauf vorbereiten und sie lesen: „Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure Jünglinge werden Gesichte sehen. Und sogar über die Knechte und über die Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen. –Und ich werde Wunder geben im Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen; die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare. – Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des HERRN anrufen wird, wird errettet werden.“ (Joel 3,1-5).
Joel spricht also von zwei Ereignissen, die dem Tag des Herrn vorangehen. Beide sind spektakulär, beide von großer Wirkung, aber beide so verschieden voneinander, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass sie gleichzeitig geschehen.
Zum zweiten von diesen Ereignissen würden nach Joel furchtbare Katastrophen im Weltall und auf der Erde gehören. Joel hat nicht konkret gesagt, wie lange vor dem großen Tag diese Katastrophen losbrechen werden. Aber es ist deutlich, dass sie als einleitende Beispiele der Gerichte stattfinden werden, die der Tag des Herrn losbrechen lässt.
Das andere erwähnte Ereignis, das dem großen Tag vorangeht, würde genauso ein übernatürliches Eingreifen in den normalen regelmäßigen Ablauf der Weltgeschichte sein, aber kein physisches Eingreifen, sondern ein geistliches. Es würde nicht eine nie dagewesene Flut von Gottes Zorn sein, sondern ein nie vorher geschehenes Ausgießen des Heiligen Geistes, nicht eine weltweite Zerstörung, sondern eine weltweite Rettung. Es wäre nicht eine Einleitung zu den schrecklichen Gerichten am großen Tag des Herrn, sondern ein Vorgeschmack und eine erste Frucht der letztendlichen Wiederherstellung.
Petrus erklärte der erstaunten Volksmenge, dass dieses erste wunderbare Ereignis vor ihren Augen in den Straßen Jerusalems stattfand. Sie hatten den Sohn und Erben Gottes ermordet, aber sein Tod hat die Verheißung des Geistes nicht durchgestrichen, sondern ihre Erfüllung möglich gemacht. Die Verheißung richtete sich an sie und ihre Kinder, ja, wirklich an alle auf der ganzen Welt, „so viele der Herr herzurufen würde“ (Apg 2,29). Und die Verheißung galt noch. Einige hatten die Gabe schon empfangen und sie könnten die Gabe auch erhalten, denn sie war ganz unverdient. Die Gabe war der Heilige Geist selbst. Sie war nicht nur eine der Gaben des Heiligen Geistes, mit der er die Menschen ausrüstet um ihm zu dienen, sondern der Heilige Geist selbst. „Tut Buße, und jeder von euch werde getauft auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“ (Apg 2,38). Sie hatten die zweite Person der Dreieinheit gekreuzigt und nun bot er ihnen die dritte an. Sie hatten Gottes Sohn aus dem Weinberg hinausgeworfen, weil sie hofften, dass sie dann den Weinberg selbst erben würden. Jetzt bot ihnen Gott seinen Geist an, nicht nur in ihren Weinberg, sondern in ihr eigenes Herz. Der Geist wäre ihr unsterbliches Leben, ihr Unterpfand und ihre Garantie eines unendlichen und ewigen Erbes.
Der Geist wurde allen angeboten: „Ich werde meinen Geist auf alles Fleisch ausgießen.“ Im Alten Testament war der Geist auf Menschen gekommen und hatte sie zu mächtigen und geschickten Taten ausgerüstet oder ihnen Worte mit prophetischer Autorität gegeben. Aber das bekamen nur sehr wenige Auserwählte. Jetzt wurde der Geist allen angeboten: Männern und Frauen, Jungen und Alten, ohne Unterschied.
Außerdem gab es keinen Grund für irgendjemand sich vor dem großen und herrlichen Tag des Herrn zu fürchten, trotz all der schrecklichen Zeichen und Gerichte. Der Weg der Rettung war immer noch so, wie Gott es durch Joel angekündigt hatte, und er war immer noch für alle offen: „Jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden.“ (Apg 2,21). Aber jetzt war der Herr, den sie anrufen mussten, der Herr Jesus, den sie gekreuzigt hatten. Er war auferstanden und erhöht. Gott hatte ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht (Apg 2,36). Das wichtigste Ziel des Kommens des Heiligen Geistes war ihnen zu beweisen, dass das stimmt.