Gemeinde & Mission

Probleme von eigenständigen Gemeinden

von Mac Donald William

Die meisten von uns empfehlen sehr gerne die Prinzipien der eigenständigen Gemeinde. Wir sagen, örtliche Gemeinden sollten eigenständig sein in den Finanzen, eigenständig in der Leitung und eigenständig in der Ausbreitung des Evangeliums. Vielleicht vermuten wir einfach, dass die Versammlungen auf dem Missionsfeld von einheimischen Leitern geleitet werden, dass sie von den Gaben der Einheimischen finanziert werden und dass diese einheimischen Gläubigen das Evangelium tatkräftig verbreiten und neue Versammlungen bauen. Es gibt Fälle, wo die Tatsachen unsere Erwartungen nicht erfüllen. Manche der Versammlungen auf dem Missionsfeld sind wenig mehr als Außenposten von westlichen Versammlungen, unter westlicher Leitung und finanziert durch westliches Geld. In solchen Fällen ist der Missionar der ortsansässige Pastor und der große weiße Vater. Der Kolonialismus in der Mission ist nicht tot.

Aber wir scheinen nicht zu bemerken, dass wir im Westen dazu beitragen, dass die Prinzipien der Eigenständigkeit auf dem Missionsfeld vereitelt werden. Es ist beschämend aber wahr, dass wir eher zum dem Problem beitragen als zur Lösung. Und viele Schwierigkeiten scheinen von zwei Charakteristiken der westlichen Gläubigen zu kommen – Freigebigkeit und Leichtgläubigkeit. Indem wir leichtfertig Geld verteilen als Reaktion auf Gefühls erregende Bitten, arbeiten wir oft gegen unsere eigene Überzeugung und gegen die besten Ziele in Gottes Werk.

Wir wollen einige Situationen betrachten, wo wir Schuld daran haben, dass die Missionsarbeit gehindert wird, wirklich eigenständig zu werden.

Studenten aus unterentwickelten Ländern werden gesponsort

Aus den ärmeren Ländern der Welt wollen junge Leute unbedingt hierher zur Ausbildung kommen, um sich an Universitäten, Hochschulen, und anderen Einrichtungen fortzubilden. Sie verlassen ihr eigenes Land, um einfach dorthin zu gehen, wo Milch und Honig fließt! Ihr erster Kontakt mit Amerikanern oder Europäern entsteht oft auf religiösen Fahrten oder per Post. Durch geschickte Diplomatie bekommen sie Geld für die Reise, und Bürgschaft und Unterstützung für den Aufenthalt in Europa oder den Vereinigten Staaten.

Wenn sie erst einmal hier sind, so ist verständlich, dass sie berauscht werden von dem Materialismus unserer Wohlstandsgesellschaft. Ihre geistliche Lebenskraft macht einen Sturzflug. Sie verlieren jeden Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, um dem Herrn dort zu dienen.

Durch die Einwanderungsgesetze sind sie natürlich manchmal gezwungen, heimzukehren. Oft gehen sie dann mit widerstrebendem Herzen und mit wenig Eifer um dem Herrn unter ihrem eigenen Volk zu dienen. Der Kontakt ist sowieso verloren gegangen; kulturell und wirtschaftlich gesehen gehören sie jetzt zur höheren Klasse. Und sie warten ungeduldig auf einen Ruf, das Evangelium zurück nach Amerika oder Europa zu bringen.

Währenddessen halten wir hier aufwendige Missionstage ab und beschwören unsere jungen Leute, damit sie ihr Leben Christus für die Arbeit im Ausland übergeben. Wir bitten sie, hinauszugehen, die Sprache zu erlernen und sich mit den Menschen zu identifizieren. Sie werden die Sprache wahrscheinlich nie ohne fremden Akzent sprechen können, und sie können sich nie 100% unter die Einheimischen integrieren.

So holen wir einerseits junge Einheimische zu uns, die jene Sprache sprechen und dort voll integriert sind, und wir machen sie unfähig für die Arbeit des Herrn in ihrer Heimat. Dann senden wir unsere eigenen jungen Leute hinaus, damit sie deren Platz einnehmen, was ihnen nie vollkommen gelingen wird.

Wie lautet die Antwort? Bedeutet das, dass die Gemeinde gefühllos die Bitten der jungen Gläubigen abschlagen soll, die zu uns kommen wollen auf Bibelschulen etc.? Das Ideal wäre es, wenn sie die Möglichkeit in ihrer Heimat nutzen würden, das mitzumachen, was dort an Ausbildung möglich ist. Oder, wenn es nichts gibt, sollten sie ermutigt werden, Schulen in ihren Nachbarländern aufzusuchen, wo die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse ungefähr die gleichen sind. Nur als allerletzte Möglichkeit kann man ihnen helfen, in die Vereinigten Staaten oder nach Europa zu kommen, und das nur mit dem ernsthaften Versprechen, dass sie danach heimgehen, um dem Herrn in ihrer Heimat zu dienen (und ich sage das ironisch, weil keines dieser Versprechen ganz verlässlich ist).

Finanzierung von einheimischen Evangelisten vom Ausland.

Manche evangelikale Organisationen wenden sich an Christen in unserem Land, damit sie Arbeitern in der dritten Welt ein Gehalt zahlen. Das Argument dafür ist, dass es nicht mehr nötig ist, einen Ozean zu überqueren, eine Fremdsprache zu erlernen und sich einer fremden Kultur anzupassen. Wir können zu Hause bleiben und dabei Missionare sein, indem wir die Evangelisten in Übersee finanzieren. Diese Arbeiter würden schon die Sprache sprechen und sind dort völlig integriert. Um alle Bedenken zu zerstreuen, wird uns versichert, dass wir so dazu beitragen, daß die Arbeit wirklich eigenständig wird.

Ich stelle die Ernsthaftigkeit solcher Organisationen oder die Integrität der damit verbundenen Menschen nicht in Frage. Aber ich hinterfrage auf jeden Fall die Anwendung des Wortes „eigenständig“, um dieses Programm zu beschreiben. Und ich bezweifle auch, dass dies die richtige Vorgehensweise ist, um neutestamentliche Gemeinden zu bauen, die sich selber finanzieren und ausbreiten.

 

Einladung ausländischer Arbeiter zu einer Rundreise durch die Gemeinden

Eine Unart, die dazu beitrug, eigenständige Gemeinden im Ausland zu zerstören, ist die Gewohnheit, Arbeiter aus der dritten Welt einzuladen, „von ihrer Arbeit zu erzählen.“ Die Sprecher werden angenommen, ohne dass man sie vorher irgendwie geprüft hätte. Manche haben evtl. nicht einmal Gemeinschaft mit einer Versammlung und andere mögen nicht das Vertrauen der Gemeindeleiter in ihrem eigenen Land haben. Aber mit gefühlsbetonten, interessanten Geschichten rühren sie die Herzen der Heiligen an, und das wiederum aktiviert den Nerv, der das Herz mit dem Geldbeutel verbindet. Das Geld fließt – und oft für Zwecke, die es überhaupt nicht wert sind.

Es ist vorgekommen, dass, nachdem eine beträchtliche Menge Geld zusammen gekommen war, sogar gute Männer mit tragischen Folgen zu ihrem Arbeitsfeld zurückgekehrt sind! Vergleichsweise sind sie jetzt Millionäre und stehen auf einer wirtschaftlich besseren Stufe, wie die anderen Leute oder Mitarbeiter. Das ruft eine Unmenge von Eifersucht und Unmut hervor. Die Folge ist Streit und Hader. Und ihr eigener Dienst hat gelitten; die Einheimischen stellen traurig fest, dass die Reise in den Westen die geistliche Kraft verringert hat.

Einheimische werden von einer Gemeinde hier in ihr eigenes Land empfohlen.

Ein ähnlicher Unsinn, wie das eben Beschriebene, ist die Gewohnheit von Gemeinden im Westen, ausländische Arbeiter für das Werk des Herrn in ihrer Heimat auszusenden. Das läuft folgendermaßen. Ein Gläubiger aus dem Ausland, macht irgendwie seinen Weg hierher, um zu studieren, zu arbeiten, oder zu predigen und zu lehren. Er schließt sich für die entsprechende Zeit einer örtlichen Gemeinde an, dann bittet er um Empfehlung, um in sein Heimatland zurückzukehren. Er kommt dorthin zurück mit einer Garantie für finanzielle Unterstützung nach westlichem Stil, was bedeutet, dass er in seinem eigenen Land ein Fürst ist. Vielleicht nimmt er auch ein neues Auto mit, was in einem Land drückender Armut eine unnormale Grausamkeit ist. Möglicherweise hat er auch noch eine Menge moderner Geräte dabei.

Wir im Westen können uns kaum vorstellen, wie sich das auf das Werk des Herrn auswirkt. Erstens gibt es ein vollkommen falsches Bild von Christus und von der Christenheit – dass jeder christliche Arbeiter so im Luxus leben kann, während seine Landsleute vor Hunger sterben. Zweitens erscheint der Mann als ein Interessenvertreter des imperialistischen Westens, und das ist ein sehr empfindlicher Punkt in Ländern, wo der Nationalismus wächst und totalitäre Regierungen entstehen. Dieser Mann wäre eine der ersten Zielscheiben für Scharfschützen bei einem Umsturz.

Wenn Gemeinden im Westen Ausländer für die Arbeit im eigenen Land empfehlen, so steht das völligen Gegensatz zu den Prinzipien vom Bau eigenständiger Gemeinden. Sie sollten von ihrer eigenen Gemeinde empfohlen und von Gemeinden und Gläubigen ihres Landes unterstützt werden. Das bedeutet, daß ihr eigener Lebensstandard ungefähr dem von Berufstätigen in ihrem eigenen Land entspricht.

Zusammenfassung

Aus dem Gesagten könnte gefolgert werden, dass wir Gläubigen aus anderen Ländern mit anderer Nationalität keine finanzielle Hilfe gönnen. Das ist nicht wahr. Es soll nur gesagt sein, dass wir mit unweisem Umgang mit westlichem Geld mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken.

Wir haben eine Verantwortung, das Werk des Herrn im Ausland zu unterstützen. Aber das soll auf die richtige Weise geschehen. Ich schlage vor, dass diese Hilfe durch geachtete Missionare kanalisiert werden soll, die die Bedürfnisse und die vorherrschende wirtschaftliche Lage kennen und die fest entschlossen sind alles zu tun, dass die Gemeinden eigenständig bleiben.

Der Missionar soll die Geldquelle so gut wie möglich verbergen. Anstatt z.B. das Geld direkt den einheimischen Evangelisten zu geben und somit deren Chef zu werden, sollte er es anonym durch die örtliche Gemeinde schleusen. Dann könnte es von den verantwortlichen Ältesten oder Dienern verteilt werden und die Arbeiter würden es von der Gemeinde entgegen nehmen und nicht vom Missionar.

Der Missionar würde natürlich die Gaben weise auf das Maß der örtlichen Gegebenheiten beschränken und den westlichen Standard außer Acht lassen. Zum Beispiel würde er an einen einheimischen Evangelisten nicht 200.- Euro weiterleiten lassen, wenn der Gouverneur des Distrikts nur 60.- Euro verdient. Und er würde nicht den Bau eines Gemeindesaals nach westlichem Stil in einem Land unterstützen, wo die Leute Lehmziegel und Strohdächer gewöhnt sind.

Eine andere Möglichkeit, wo wir den nationalen Evangelisten sehr helfen können, ist, ihnen Bibeln und gute christliche Literatur in ihrer Sprache zur Verfügung zu stellen.

Die Verwestlichung christlicher Arbeit im Ausland hat in vielen Fällen einen ernsthaften Rückschritt verursacht. In manchen Ländern, wo es uns nicht gelungen ist, die Prinzipien zur Eigenständigkeit anzuwenden, sind die Terroristen an die Macht gekommen und haben sich an allem bitter gerächt, was den Anstrich des Imperialismus des Westens hatte. Wann werden wir endlich etwas lernen?