Gemeinde & Mission

Sicher ans Ziel – Gemeindezucht aus biblischer Sicht

von Colvin Fred

Es mag überraschen, daß die Wendung „Gemeindezucht“ in der Bibel nicht vorkommt. Das soll aber nicht heißen, daß sie keine biblische Wahrheit ist. Genausowenig steht „Prämillenialismus“ oder „Dreieinigkeit“ in der Bibel, und doch erwarten wir die Wiederkunft Christi vor einem wirklichen Tausendjährigen Reich und wir glauben an einen einzigen Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist.

I. ZWEI ARTEN VON BIBLISCHER ZUCHT

Die Bibel kennt zwei Arten von Zucht: Väterliche Zucht und Gemeindezucht. Man kann sie nicht richtig erklären, wenn man sie gänzlich voneinander trennt. Hebräer 12 beschreibt väterliche Zucht: „Mein Sohn! Achte nicht gering des Herrn Züchtigung.“ Dieses Kapitel lehrt, daß das Siegel der echten Gotteskindschaft die Züchtigung ist! Wenn bekennende Christen in Sünde leben und weiterhin glücklich und gelassen sind, ist es ein sicheres Zeichen, daß sie keine echten Kinder Gottes sind. Gott züchtigt doch seine Kinder. Von den Menschen, die er nicht züchtigt, sagt er, daá sie „Bastarde“ sind, und nicht echte Söhne (Heb.12,8).

1. Korinther 11 redet von der souveränen Züchtigung des Herrn direkt vom Himmel aus. Der Anlaß in diesem Fall war das Benehmen mancher Gläubigen in Korinth, die ihr Bundesverhältnis mit Gott geringschätzten. Der Neue Bund ist Gottes Instrument für die Regierung über sein neutestamentliches Volk. Diese Korinther lebten als ob des Herrn Tod und Herrschaft ihnen egal wäre, mit dem Kelch des Neuen Bundes in der Hand! Sie legten das Bekenntnis ab: „Jesus ist für meine Sünde gestorben!“, aber sie duldeten Sünde in ihrem Leben und verwandelten das Abendmahl in ein Gelage. Deswegen kamen einige unter die Rute des Vaters. Viele waren geschwächt oder krank und einige schon heimgegangen.

Gott züchtigt seine Kinder aber nicht nur direkt vom Himmel aus, sondern auch indirekt, durch seine bevollmächtigte Stellvertreterin auf Erden – die örtliche Gemeinde (Matt. 18,15-20). Was die Gemeinde im Auftrag des Himmels auf Erden bindet oder löst (in diesem Kontext geht es um Gemeindeausschluß), wird auch im Himmel gebunden oder gelöst sein.

II. GEMEINDEZUCHT SCHEINT ANTIQUIERT.

Vielerorts wird Gemeindezucht nicht mehr praktiziert. Verwendet man das Wort „Gemeindezucht“, oder „Exkommunikation“, denken viele Christen heute an eine Hexenjagd. Selbst in Kreisen, wo man die verbale Inspiration der Bibel zwar ewig durchdiskutiert und verteidigt, wird doch diese biblische Praxis vernachlässigt. Da drängt sich die Frage auf, ob die Bibel wirklich verbal inspiriert ist. Das Bekenntnis zur verbalen Inspiration müßte doch heißen, daß wir Christen die Bibel wörtlich nehmen, daß wir unser Leben und unser Gemeindeleben nach der Schrift ausrichten. Viele, die sogar für die verbale Inspiration der Bibel kämpfen, nehmen eigentlich die falsche Gemeinde zum Vorbild – die Gemeinde in Korinth! Auch sie sind stolz darauf, daß sie keine Zuchtmaßnahmen treffen. Zum einen ist das schwer verständlich. Zum anderen liegt der Grund nicht fern. Gemeindezucht wird von vielen Gemeinden unterlassen, denn es ist eine unangenehme Aufgabe! Sie ist gegen den herrschenden Zeitgeist gerichtet, gegen den Geist der Toleranz! Liebe, die Kardinaltugend des Christentums, wird oft mit Toleranz verwechselt und von ihr verdrängt.

Die riesigen Predigergemeinden scheinen das Modell der Zukunft zu sein. Gemeindewachstum ist das Gebot der Stunde, koste es, was es wolle. Laut den Anhängern der Gemeindewachstumsbewegung findet die wirksamste Evangelisation am Sonntag statt. Gemeindebesucher sollen als Konsumenten betrachtet und durch ein tolles Programmangebot angezogen werden. Dann bekommen sie Aufgaben und werden eingespannt (wenn möglich sogar vor der Bekehrung), damit sie auf jeden Fall weiter in der Gruppe mitmachen. Es ist bezeichnend, daß Gemeindezucht nicht mehr durchgeführt wird. Wieso? Zunächst einmal ist Gemeindezucht nicht benutzerfreundlich. Man will nicht streng auftreten, und jemand damit verscheuchen. Zweitens ist es unmöglich, in großen unüberschaubaren Gemeindeveranstaltungen mit einer gemischten Teilnehmerschaft aus Gläubigen und Ungläubigen Zuchtmaßnahmen zu ergreifen. Schließlich wird entweder wenig oder kein Hirtendienst mehr durchgeführt. Heute geschieht Gemeindeleitung vom Podium aus, und Gemeindearbeit besteht nicht mehr in der Betreuung der einzelnen Seelen. Es ist klar, daß dabei Gemeindezucht in Vergessenheit gerät.

Einmal besuchten wir den Pastor einer benachbarten Baptistengemeinde in Amerika. Wir gingen zu ihm, weil eine Frau aus unserer Versammlung ihren Mann betrogen hatte. Mit ihrem neuen Freund ging sie dann zur Nachbargemeinde. Wir wollten wissen, wieso diese Gemeinde und deren Leitung sich nicht mit dieser Frau beschäftigte. Sie müßte doch zu ihren Kindern und ihrem Mann zurückkehren. Die Antwort des Pastors lautete: „Nein, wir lassen sie lieber in Ruhe. Wir wollen die zwei nicht vertreiben. Sie kommen doch unter das Wort!“

III. DAS ZIEL DER VÄTERLICHEN ZUCHT UND DER GEMEINDEZUCHT

1. Wiederherstellung oder Rettung des Bruders

Das Ziel der Zucht ist die Erziehung und wenn nötig die Wiederherstellung des Gotteskindes. Unser himmlischer Vater züchtigt seine Kinder „zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden (Heb.12,10). Aus einigen Bibelworten geht es klar hervor, daß dies eine der zahlreichen Maßnahmen Gottes ist, um seine Kinder sicher ans Ziel zu bringen. Paulus erklärt das Ziel von Gottes souveräner Züchtigung. Warum züchtigt Gott denn seine Kinder? „Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit (beachte hier das Bindewort!) wir nicht mit der Welt verurteilt werden.“ (1.Kor.11,32). Gott züchtigt sein Kind, damit es nicht mit der Welt gerichtet wird, d.h. verloren geht!

Der himmlische Vater spannt aber auch die Gemeinde in der Ausführung seines Retterwillens mit ein. „Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid, einen solchen dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit (dieses Bindewort weist auf’s Ziel hin) der Geist errettet werde am Tage des Herrn“ (1.Kor.5,4f). Und „die ich dem Satan überliefert habe (wieso?), damit sie durch Zucht unterwiesen würden, nicht zu lästern“ (1.Tim.1,20). Gott hat mit der Gemeindezucht die Errettung und Heiligung des Gläubigen im Blick.

Galater 6,1: „Brüder! Wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt wird, so bringet ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht.“ Die Bibel verwendet diesen Begriff „Zurechtbringen“ für das Flicken zerrissener Netzen und für die Zurüstung von begabten Gliedern zur Mitarbeit in der Gemeinde. In außerbiblischer Literatur beschreibt die selbe Wendung das Einrenken eines ausgekugelten Gelenks. Die Zucht des Vaters und Gemeindezucht sind wesentliche Bestandteile des großartigen Sicherheitsnetzes der zeitlichen und der ewigen Errettung eines echten Kindes Gottes.

Schon als Babychrist war ich oft mit lieben Geschwistern konfrontiert, die mir weismachen wollten, daß ewiges Leben nicht notwendigerweise ewig sei, sondern eine Art Bewährung. Bei diesen Christen gab es keine endgültige Sicherheit. Man könne das „ewige“ Heil doch verlieren. Ein Buch von Francis Schaeffer half mir weiter. Schaeffer glaubte an die ewige Sicherheit eines Gläubigen und argumentierte von der vorzeitlichen Auserwählung Gottes her, von Vorhersehung und Prädestination. Bald wurde ich ein eifriger Verfechter der augustinisch-calvinistischen Ansicht und gewann viele Diskussionen! Später mußte ich entdecken, daß diese philosophisch-theologische Heilssicherheit einseitig, statisch und automatisiert ist. Biblische Sicherheit ist aber dynamisch, schließt unseren Willen mit ein und ruht auf einer breiteren ausgewogenen Basis. Gott trifft eine Reihe von Maßnahmen, damit der echte Wiedergeborene in den Himmel kommt.

Manchmal wird biblische Heilssicherheit mißrepräsentiert. Manche meinen, daß ein Mensch gläubig werden und dann irgendwie aus irgendeinem Grund ungläubig werden kann. Und dann kommt er trotzdem in den Himmel, weil er einmal gläubig war? Das steht nirgends in der Bibel! Die Bibel sagt vielmehr: „Wer glaubt (gegenwärtig), hat ewiges Leben“ (Joh.6,47). Keiner, der einmal gläubig war und jetzt nicht mehr gläubig ist, wird gerettet werden, sondern nur die, die glauben.

Wir reden hier nicht von einer philosophischen Errettung, sondern von einer aktiven und dynamischen, an der sich alle göttlichen Personen beteiligen: Jesus sagte zu Petrus: „Satan hat begehrt, euer zu sichten wie Weizen. Ich habe aber für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre“ (Lukas 22,31f). Heilssicherheit bewirkt dieser Hohepriester, der kraft eines unzerstörbaren Lebens immerdar lebt, um uns durchs äußerste hindurch zu erretten (Heb.7,24f; Röm.5,10). Die Bibel, die mich zum Ausharren im Glauben auffordert, zeigt mir auch, daß Christus diesbezüglich für mich betet! Aufgrund seines Opfers tritt er für den wackeligen Christen ein. Während ich in Schwachheit hier auf Erden bin und nicht weiß, wie ich beten soll, verwendet sich der Heilige Geist, der in mir wohnt, für mich gemäß Gottes Willen (Röm. 8,26f).

Zur Rechten Gottes sitzt Christus und verwendet sich für uns im Auftrag des Vaters (Röm.8,34). Der ausdrückliche Wille Gottes für unseren Heiland ist, daß er jeden, der zu ihm kommt, am letzten Tag auferwecke (Joh. 6,37-40). Wenn Jesus den echten Gläubigen nicht in den Himmel bringt, wenn er am letzten Tage nicht auferweckt wird, wird jedes Licht im Himmel erlöschen, denn dann würde Jesus den Willen Gottes nicht ausgeführt haben.

Und der Vater – was tut er? Im Neuen Bund verpflichtete er sich mit Blut zu unserer Heiligung (Heb. 8,10). Will aber der Gläubige an seiner Heiligung nicht mitarbeiten – was tut der Vater dann? Er züchtigt uns! Der Vater benutzt Umstände, Menschen und Erfahrungen, die auf unser Leben zum Guten einwirken. Im Extremfall nimmt er den Gläubigen aus diesem Leben weg, bevor es zu spät ist, damit er „nicht mit dieser Welt verurteilt wird!“ Das ist Heilssicherheit, und zwar dynamische Heilssicherheit! Und ich bin für meinen Beitrag verantwortlich! Ich bin kein bloßer Statist in der Videopräsentation des Lebens. Gott ist aktiv. Ich aber auch! Daher fordert er mich zum Glauben auf und malt mir zugleich sein Wirken als Heiland-Gott vor Augen, der mich sicher ans Ziel bringt.

In diesem Kontext ist die Gemeindezucht einzuordnen. Gott spannt seine Gemeinde ein, um seine Kinder auf dem Weg zu halten. Wenn der Gläubige auf stur schaltet und seine Gemeinde ihre Verantwortung nicht wahrnimmt, wie die in Korinth, dann hat Gott keine andere Wahl mehr, als unmittelbare Maßnahmen zu ergreifen. Seine Kinder werden krank und manche sterben sogar. Gemeindezucht ist die liebevolle Maßnahme von einem Vater im Himmel, der uns als Söhne straft. Wir sind nicht Bastarde sondern Kinder des himmlischen Vaters, der sich um uns direkt vom Himmel her kümmert, und häufig indirekt durch seine Gemeinde.

2. Der gute Ruf des Evangeliums

Ein weiterer Grund für Gemeindezucht ist die Bewahrung des guten Rufes des Evangeliums. In 1.Korinther 5,1 schreibt Paulus: „überhaupt hört man“ (King James Version übersetzt: „it is commonly reported“. Dies drückt aus: „Es ist offenbar vor allen Leuten, und sie berichten uns, es ist überall bekannt“), „daß Unzucht unter euch ist, und eine solche Unzucht, die selbst unter den Nationen nicht stattfindet.“ Selbst in der damaligen freizügigen griechischen Gesellschaft war diese Sünde skandalös. Bliebe die Gemeinde in ihrer Toleranz untätig, hätte man alle evangelistischen Bemühungen einstellen können.

Heißt Errettung, daß wir Christen gesetzlos leben können und wir grausame Unsittlichkeiten unter uns dulden? Beim katholischen Begräbnis vom Drogenboß Pablo Escobar meinte ein kolumbianischer Bischof: „Na ja, ein großer Heiliger war er nicht, aber er hat zumindest dreihundert Leute in den Himmel befördert. Außerdem war er Katholik und getauft“ Jeder Mafioso ist Mitglied der Kirche Roms. Die Kirche geht gegen sie nicht vor. Kein einziges Mitglied der Cosa Nostra wird exkommuniziert. Welche Achtung sollen Menschen einer solchen Kirche entgegenbringen?

Und wie sieht das bei uns aus? Glaubt man unter solchen Umständen unserem Evangelium? Vor kurzem teilte ein Bruder einer Nachbargemeinde seine Frustration mit. Seine Nachbarn und Bekannten zeigen keinerlei Gesprächsbereitschaft, weil eine ortsbekannte Ehebrecherin bis vor kurzem in der Gemeinde in Gemeinschaft war. Deswegen ist Gemeindezucht so wichtig! Es geht um den Ruf des Evangeliums.

3. Gemeindezucht fördert Heiligung und Transparenz

Was sagt das Wort in 1.Kor.5,7f?: „Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ja bereits ungesäuert seid. Denn auch unser Passahlamm, Christus, ist geschlachtet. Darum laßt uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.“ Unmittelbar nach der Schlachtung des ersten Passahs, nach der Befreiung aus Ägypten, folgten die sieben Tage der ungesäuerten Brote. Die fliehenden Israeliten machten sich so schnell auf den Weg, daß keine Zeit übrig blieb, den Teig durchsäuern zu lassen. Gott hat es so vorgesehen und verordnet. Zur Erlösung durch das Lamm gehört auch die Verpflichtung zur Heiligung! Also hat man allen Sauerteig aus dem Haus entfernt, eine Zeremonie, die bis heute unter den Juden sehr eindrücklich ist. Gott erinnert die Juden daran, was Heiligung für das Leben des Volkes Gottes bedeutet: nicht mehr der Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern das Ungesäuerte der Lauterkeit und Wahrheit!

Was will uns Gemeindezucht lehren? Daß wir transparent, offen, lauter und wahrhaftig in unserem Umgang miteinander und vor Gott sind, daß wir alle lernen, echt zu werden und den Tatsachen ins Gesicht zu schauen.

4. Gemeindezucht bewirkt gesunde Mahnung für die ganze Gemeinde

Was geschieht, wenn ein Ältester sündigt? „Die da sündigen, weise vor allen zurecht, damit die übrigen Furcht haben“ (1.Tim.5,20). Gemeindezucht bewirkt eine gewisse Abschreckung! Die Gemeindeglieder stolzieren nicht herum, wie der Hahn auf dem Mist und prahlen nicht über ihre eigene Rechtschaffenheit. Das wäre Pharisäertum! Wir beugen uns vielmehr und erkennen, daß hier etwas Schlimmes passiert ist. Es hätte auch uns passieren können (Gal. 6,1).

wird fortgesetzt

IV. BIBLISCHE ANLÄSSE FÜR GEMEINDEZUCHT

1. Grobe Unsittlichkeit

„Nun habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen selbst nicht zu essen“ (1. Kor. 5,11), also keine Gemeinschaft mit solchen zu haben. Eigentlich haben wir viel Umgang mit Hurern, Habsüchtiger u.a.m., aber wir sollen keinen Umgang haben mit einem (sogenannten) Bruder, der solche Unsittlichkeit betreibt. Grobe Unsittlichkeit ist ein dringender Anlaß für Gemeindezucht!

2. Der unordentliche Wandel

„Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen. Denn wir hören, daß etliche unter euch unordentlich wandeln, indem sie nichts arbeiten, sondern fremde Dinge treiben. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, daß sie, in der Stille arbeitend, ihr eigenes Brot essen. Wenn aber jemand unserem Wort durch den Brief nicht gehorcht, den bezeichnet und habt keinen Umgang mit ihm, auf daß er beschämt werde; und achtet ihn nicht als einen Feind, sondern weist ihn zurecht als einen Bruder“ (2Thess. 3,10-15).

Es kommt vor, daß Gläubige ihr Interesse an der normalen Verantwortung des Lebens verlieren. Christliche Gastfreundschaft und Großzügigkeit dürfen nicht von verantwortungslosen Christen ausgenutzt werden. Die unordentlich wandeln, werden von der Gemeinde als solche bezeichnet, und der Umgang mit ihnen wird auf ein Minimum beschränkt. Diese „harte Liebe“ der Geschwister soll den christlichen Lebenskünstler beschämen und zu einer Rückkehr zum ordentlichen Lebenswandel motivieren.

3. Ungelöste persönliche Konflikte

„Wenn dein Bruder [wider dich] sündigt“ (Matt. 18,15). Hier liegt ein Manuskript-Problem vor: In meiner Predigtbibel, der revidierten Elberfelder, fehlen diese zwei Worte „wider dich“. In meiner Studierbibel, der alten Elberfelder, sind sie jedoch vorhanden. Das Komitee der Bibelgesellschaften entschied sich aus einigen Gründen doch dafür, dieses „wider dich“ in den Text unseres Neuen Testaments aufzunehmen.{1}

Die Bedeutung dieser vielleicht etwas zweifelhaften Lesart wird auch vom Kontext bestätigt. In Vers 21 fragt der Apostel Petrus, „Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der wider mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal?“ Des Herrn Antwort (Vers 22-35) hilft uns in der Aufarbeitung von persönlichen Konflikten. Wir müssen bereit sein, unseren Bruder zu vergeben, wie Gott in Christus uns vergeben hat. Nochmals: „Wenn aber dein Bruder sündigt (oder: wider dich sündigt), so gehe hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen.“ Darum geht’s!

Was ist aber, wenn du ihn nicht gewinnst und wenn er nicht auf die Zeugen und auf die Gemeinde hört? Vers 17: „So sei er dir wie der Heide und der Zöllner.“ Hier geht es in erster Linie um den Menschen, gegen den gesündigt wurde. Was aber als Privatsache begann, mündet in eine Gemeindesache, in eine öffentliche Angelegenheit. Damit wird die Gemeinde zum Schiedsrichter und schließlich zur Gerichtsinstanz in der Frage. Diese Formel von der Aufarbeitung von Problemen gilt in vielen Bereichen der Gemeindezucht, auch wenn sie im Hinblick auf persönliche Probleme geschildert wird. Ungelöste persönliche Konflikte sind Grund für Gemeindezucht.

4. Sektiererei/Parteiungen, Zwiespalt und Ärgernisse um törichte Streitfragen und unnütze Kontroversen

Die Kardinalwahrheiten halten uns zusammen. Der Sektierer (hairetikos) aber will uns trennen. Hairetikos ist einer, der eine Wahl trifft. Er wählt eine Ansicht, eine Handhabung, eine Person und erhebt sie dann zum Absoluten. Der Sektierer stellt sich auf eine Seite einer Kontroverse und versucht, andere zum Mitgehen und zur Parteiergreifung zu zwingen. Jeder, der gegen sein selbsterwähltes Schriftverständnis verstößt, ist in seinen Augen ein Pharisäer oder Sadduzäer. Dieser krankhaft verdrehte Mensch besitzt keinen gesunden Sinn für Proportionen. Ein Randthema wird von ihm hochstilisiert, oder ein Geschlechtsregister, eine alte Fabel, ein Weihnachtsbaum, und er möchte, daß die Leute in dieser Frage Stellung beziehen! Das Sabbathalten, diverse gesetzliche Äußerlichkeiten, extremer Kalvinismus, die Warnung vor Homöopathie, Weihnachtsbaum, Zungenreden, exklusive Gemeinschaft sind Themen, die heute die Gemeinden polarisieren.

Wie geht man also mit einem Sektierer um? „Oh, wir müssen die Schwachen tragen!“, lautet die Devise. „Tragen“ wir aber diesen „Schwachen“, werden wir bald – Simsalabim – zwei Gemeinden haben, aber nicht durch gesunde Gemeindegründung! Es werden eine Menge entmutigten Geschwister auf der Strecke bleiben. So kann man nicht mit solchen verdrehten Menschen umgehen.

Einmal forderten Brüder uns auf, einen Arzt aus unserer Gemeinde auszuschließen, weil er manchmal in seiner Praxis homöopathische Präparate verschreibt. Er pendelt nicht und glaubt weder an Hahnemann noch an kosmische Kräfte in den Präparaten. Aber der Herr Doktor stellt fest, daß die Homöopathie bei der Behandlung gewisser Krankheiten seinen Patienten hilft und argumentiert, daß das was in den Mund rein und in den Abort raus geht den Menschen nicht verunreinigt (Mk. 7,18f). Sollen wir ihn deswegen exkommunizieren? Dann importierte ein lieber Bruder die Weihnachtsbaum-Kontroverse. Jeder, der einen Christbaum hat, hieß es in jener Schrift, sei entweder ein Rebell gegen Gott oder unwissend. Wir untersagten die Verbreitung dieser Schrift, damit wir nicht wegen eines Weihnachtsbaums ewig miteinander streiten! Es wäre ein Fehler solche Sachen zum Hauptthema machen zu lassen.

Obwohl uns Matth-us 18 die Vorgehensweise für die Wiederherstellung des sündigen Bruders aufzeigt, ist diese Prozedur nicht in allen Fällen der Gemeindezucht anwendbar. Paulus macht es deutlich, daß die Gemeindeaufseher den „grausamen Wölfen“ (Irrlehrer) und den ä-nnern „die verkehrte Dinge reden“ (Sektierer) das Handwerk legen müssen (Apg. 20,28ff). Die Ältesten oder der Gemeindegründer sind verantwortlich, dagegen vorzugehen (Tit. 1,9; 3,9-11).

„Nach Titus 3,10 kriegst du zwei Warnungen, und dann bist du weg! Gelbe Karte, zweite gelbe und dann die rote Karte – ganz einfach! Freund, du wirst hier in unsere Gemeinde mit deiner Geistestaufe-Lehre keine Spaltung bringen. Wenn du in Zungen reden willst, dann nach 1.Kor. 14 oder geh in dein Kämmerlein und sperr zu! In unserer Gemeinde ist das kein Thema! Du hast jetzt eine erste Warnung erhalten. Kannst du zählen? Die nächste Warnung kommt bald, wenn du nicht von der Verbreitung dieser Sache Abstand nimmst.“ Mancher meint jetzt, daß diese mannhafte Vorgangsweise hart sei. Doch Paulus Anweisung an Titus entsprang seiner Liebe für Gottes Gemeinden. Auch haben wir Gemeindevorsteher schon zuviel gesehen, und haben erlebt, was geschieht, wenn man solchen Leuten in den Gemeinden Freiraum läßt. Bei dieser Form der Gemeindezucht, geht es weniger um das Wohl des Sünders als um den Schutz der Gemeinde selbst (Vgl. dazu auch Römer 16,17).

Unter Umständen steht ein Teil der Gemeinde schon unter dem Einfluß des Sektierers oder des Irrlehrers. Die Gemeinde ist aber nicht das Gremium, das die Auseinandersetzung mit dem Sektierer behandeln kann. Dafür hat Gott der Gemeinde Aufseher gegeben. Die Hilfe von einem Titus ist manchmal erforderlich (Tit. 3,10f). Der Gemeindegründer weiß, was los ist, und trägt hier eine Verantwortung!

5. Irrlehre

Der fünfte Grund für Gemeindezucht ist Irrlehre. Gott beauftragt die Aufseher der Gemeinde seine teuer erworbene Herde vor Irrlehrern zu schützen (Apg. 20,28-30; vgl. auch 1. Tim. 1,19-20; 2. Joh. 9-11).

Hier geht es nicht um Sekundärfragen. Bei dem Sektierer geht es um einen Menschen, der eine Randfrage zu einer Kardinalfrage erhebt und versucht, Leute zu einer Entscheidung zu zwingen. Bei einem Irrlehrer ist es viel schlimmer: Hier ist ein Mensch, der unser Fundament angreift! Es geht hier nicht um Zungenreden, Haartracht etc., sondern um die Kardinalwahrheiten des christlichen Glaubens, wie zum Beispiel die Inspiration der Heiligen Schrift, die Gottheit Jesu Christi, Rettung aus Gnade durch Glauben allein  oder die Tatsache der Wiederkunft Christi! Jede Gemeinde kann in Sekundärfragen eine bestimmte lehrmäßige Linie vertreten und doch in sehr vielen Dingen Freiheit gewähren. Aber hier läßt man keine Freiheit! Hier muß dagegen vorgegangen werden! Ein Wolf ist unter den Schafen!

V. DIE SCHRIFTGEMÄßE VORGANGSWEISE BEI GEMEINDEZUCHT

Gemeindezucht ist ein medizinischer Eingriff. Es ist traurig, wenn es überhaupt soweit kommt. Selbst die Krankenversicherungen sehen allmählich ein, daß Therapie mit präventiver – vorbeugender – Medizin beginnt. Präventive Medizin ist eine bessere Anlagemöglichkeit für ihre Ressourcen, und sie geben bereitwillig Geld dafür aus. Vorbeugende Medizin verhindert, daß es überhaupt soweit kommt, daß der Mensch in ein teures Krankenhaus muß.

1. Gemeindezucht beginnt mit der Aufnahme in die Gemeinde

Ich bin kein Freund von Mitgliederlisten, weil ich glaube, daß ein Mensch ein Glied des Leibes Christi durch die Taufe im Heiligen Geist und nicht durch ein Aufnahmeverfahren wird. Wir sind Glieder an einem Leib und nicht Eintragungen in irgendeiner Kartei. Und doch wollen wir uns mit Menschen darüber unterhalten, ob sie sich wirklich mit uns als Gemeinde identifizieren können: Wir erklären, wer wir sind, unser Selbstverständnis, unsere Ziele. Wir wollen auch sicherstellen, daß die Menschen – sofern wir es beurteilen können – gläubig sind und in der Wahrheit wandeln.

Die Problempersonen in unserer Gemeinde sind selten diejenigen, die sich bei uns bekehrt haben. Viel häufiger kommen sie von außerhalb zu uns. Wir schätzen es sehr, wenn Leute, die umziehen und zu uns kommen, ein Empfehlungsschreiben von ihrer Gemeinde mitbringen. Es ermöglicht diesen Geschwistern einen guten Eingang bei uns. Wir geben Geschwistern aus unserer Mitte solche Empfehlungsbriefe an andere Gemeinden mit. Unsere Empfehlung mag beispielsweise auf die freundliche Art eines Bruders oder einer Schwester hinweisen oder auf andere Eigenschaften, die den Betreffenden kennzeichnen. Wir erwähnen auch den Dienst des Betreffenden, denn die biblischen Empfehlungsschreiben bezogen sich in erster Linie auf den Dienst (Apg. 18,27f; Röm. 161f; 2 Kor. 3,1-3). Die Empfänger können ruhig wissen, daß auf sie keine Probleme zukommen.

2. Hirtendienst in der Gemeinde

Das Neue Testament lehrt Führung durch Älteste. Aber Älteste müssen irgendwie in Kontakt mit der Herde sein. Doch in Wirklichkeit leben sie oftmals irgendwo über den Wolken. Oft verstehen Älteste ihre Aufgabe als Entscheidungstreffer, andere als geistliche Feuerwehrleute, die erst dann ausrücken, wenn es brennt. In manchen Gemeinden, kriegen die Geschwister Angst, wenn sie „Brüderbesuch“ bekommen. „Oh, wo habe ich etwas angestellt?“ In Gedanken sind sie schon bei Schritt 2 von Matthäus 18 gelandet. Aber die Aufgabe der Aufseher ist es, die Schafe auf gesunde Weiden zu führen, d.h. ihnen zu helfen, die Heilige Schrift in ihrem Leben anzuwenden. Und deswegen wollen wir sie auch besuchen.

Paulus sah in den gewöhnlichen Gemeindegliedern Gottes Mitarbeiter in der Erziehung der Kinder Gottes: „Ich bin aber, meine Brüder, auch selbst betreffs euer überzeugt, daß auch ihr selbst voll Gªütigkeit seid, erfüllt mit aller Erkenntnis und fähig, auch einander zu ermahnen“ (Röm. 15,14). Der Hirtendienst kann verschiedene Formen annehmen und zu verschiedenen Anlässen stattfinden, z.B. am Rand einer Zusammenkunft oder am Sonntag beim Mittagessen. Wir haben Besuche zu Hause als besonders wirksam gefunden. Sie bieten auch die Möglichkeit an, eine Begleitperson in die Beratung einzubeziehen.

In Salzburg werden Geschwister mittels eines Kursus von fünfzehn Lektionen geschult, wirksamen Besuchsdienst zu tun. Wir lernen Gespräche zu führen, entdecken was die häufigsten Probleme sind, mit denen die Christen zu kämpfen haben, u.a.m.. Am selben Abend nehmen erfahrene Brüder oder Schwester einen Lehrling zu einen Besuch mit. So können wir im Laufe einiger Zeit durch die ganze Gemeinde hindurch alle Geschwister besuchen. Diese Besuche geben Gelegenheit zum Kennenlernen, zur gegenseitigen Ermutigung, und wenn nötig auch zur Ermahnung. Oftmals können wir in Problemen helfen und eine Lösung herbeiführen.

Dies ist die vorbeugende Medizin. Dennoch ist es aber manchmal notwendig, daß der medizinische Eingriff der Gemeindezucht stattfindet.

3. Der Umgang mit Geschwistern, die in Sünde fallen

Wie gehen wir mit Geschwistern um, die in Sünde fallen? Wie die Vorgehensweise auszusehen hat, lesen wir in folgendem lehrreichen Zusammenhang: „Seht zu, daß ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet, denn ich sage euch, daß ihre Engel in dem Himmel allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in dem Himmel ist. Was meint ihr, wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins von ihnen sich verirrte, läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen und geht hin und sucht das Irrende. Und wenn es geschieht, daß er es findet, wahrlich, ich sage euch, er freut sich mehr über dieses als über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. So ist es nicht der Wille eures Vaters, der in dem Himmel ist, daß eines dieser Kleinen verloren gehe. Wenn aber dein Bruder sündigt, so gehe hin.überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, dann hast du deinen Bruder gewonnen“ (Matt. 18,10-15).

Betrachtet man die Vorgangsweise der Gemeindezucht in diesem Kontext, so wird plötzlich vieles klarer! Zunächst einmal wird deutlich, daß Gemeindezucht Hirtendienst an den Verirrten ist. Im Auftrag Gottes suchen wir ein herumirrendes Kind Gottes. Hier betreten wir heiligen Boden. Wie wird der Wert eines einzelnen Gläubigen bemessen? Wert und Wertschätzung sind relativ und hängen von dem jeweiligen Wert ab. Wir drücken z.B. den Wert eines Gegenstandes durch den Preis aus, den wir bereit sind, zu bezahlen. Wie wertvoll ist ein Bruder, der uns z.B. so viele Schwierigkeiten in der Gemeinde gemacht hat? Das Blut Christi hat für ihn bezahlt! Der Allmächtige drückt seine Wertschätzung damit aus, daß er dem Kind Gottes einen Engel zuteilt, der um seinet Willen Tag und Nacht vor Gottes Angesicht steht.

Wenn es der Wille Gottes ist, daß keines dieser Kleinen verloren geht (Vers 14), muß Gemeindezucht als ein wesentlicher Bestandteil von Gottes Sicherheitsnetz betrachtet werden, um den Gläubigen zu retten. Und der Retter-Gott spannt uns in das Prozeß der Wiederherstellung unseres Bruders ein. Deshalb gehen wir nicht rechthaberisch oder selbstgerecht hin, und stellen den Bruder zur Rede, was er angestellt hat, nein! Wir gehen vielmehr mit der Absicht hin, ein Glied in der Kette zu sein, die diesen Menschen mit dem Herzen Gottes verbindet! Wir wollen das von Gott geliebte und verirrte Schaf zurückführen!

Auch wenn der Kontext andeutet, daß der obige Text in erster Linie von üªnden gegenüber den Leser persönlich handelt, zeigt er uns zugleich ein Vorgehen, das wir generell mit Sünde befolgen sollen. Wir lesen, „Wenn aber dein Bruder wider dich sündigt, so gehe hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein.“ Wir wollen in diesem kleinen Rahmen die Sache bereinigen. Somit bleibt der Kreis der Eingeweihten möglichst gering. Wir machen es unserem Bruder denkbar leicht, seine Sünde zu gestehen und zu lassen.

Auch Petrus erinnert uns an das Wesen der Liebe, „Die Liebe bedeckt (wenn möglich) eine Menge von Sünden“ (1. Pet. 4,8). Dieser Ausdruck „die Sünden bedecken“, erinnert an die Ehrfurcht von Sem und Japhet im Gegensatz zu ihrem Bruder Ham. „Und Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und berichtete es seinen beiden Brüdern draußen. Da nahmen Sem und Japhet das Obergewand und legten es beide auf ihre Schultern und gingen rücklings und bedeckten die Blöße ihres Vaters; und ihre Angesichter waren abgewandt, und sie sahen die Blöße ihres Vaters nicht.“ (1 Mo. 9,22f). In diesem Sinn und in diesem Geist wollen wir Gemeindezucht üben! Nicht, um eine unvergeßliche Lektion zu erteilen – das ist Gottes Aufgabe! Sondern wir gehen hin, um die Blöße unseres Bruders zu bedecken. Die Liebe (und korrekte Gemeindezucht geschieht immer in Liebe) bedeckt Sünde, wenn der Sünder bereit ist, Buße zu tun. Zu Liebe gehören Sorgfalt und Sanftmut unbedingt dazu, wenn wir zu dem verstrickten Bruder hingehen. Bedenken wir, daß wir selbst bloß ein paar Schritte von der Sünde entfernt sind. In unserem Herzen lauern die gleichen gefährliche Regungen, die unseren Brüder überrumpelt haben. Überheblichkeit und Selbstsicherheit im Umgang mit einem verirrten Bruder sind die Vorboten vom eigenen Absturz (Gal. 6,1f).

„Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen“ (Vers 15b). Das Ziel der Aufarbeitung von Ärgernissen ist es also, den Bruder zu gewinnen! Eine Begebenheit aus unserem Familienleben soll dies noch illustrieren. Eines Sonntagnachmittags spazierten wir einem Bach entlang, der aufgrund der Schneeschmelze reißend war. Zuvor hatte ich meine kleine Tochter ermahnt: „Gehe nicht zu nah an den Bach!“ Dann ging das Dirndl doch zu dicht an den Rand und rutschte mit ihrem glitschigen Schianzug auf dem Eis aus. Ich konnte mich gerade noch weit vorstrecken und sie in letzter Millisekunde ergreifen und zurückziehen, bevor sie in den Bach hinunterstürzte. Der Riß am rechten Knie meines Trachtenanzugs erinnert mich immer wieder an die Rettung unserer Tochter. Genau das ist der Sinn von Gemeindezucht. Wir warnen unsere Geschwister vor der Lebensgefahr. Wenn sie aber zu nahe an den Rand gehen, ausrutschen und unterwegs ins Verderben sind, müssen wir schleunigst tätig werden! Unser himmlischer Vater möchte uns so gerne mit seiner Hirtenliebe anstecken und uns dann zur Rettung unseres Bruders einspannen. Wir wollen unseren Bruder gewinnen!

Auch Jakobus unterstreicht unsere Rolle in dem Rettungsprozeß, wenn er in Anlehnung an Matthäus 18 schreibt: „Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt und jemand führt ihn zurück, so wißt, daß der, welcher einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, dessen Seele vom Tod erretten und eine Menge von Sünden bedecken wird“ (Jak. 5,19f). Wiederum stellen wir fest, daß es sich hier nicht um eine Untersuchungskommission handelt. Wir wollen, wenn möglich, Sünde bedecken!

In Matth-us 18 Vers 16 lesen wir sinngemäß „Bleiben deine Bemühungen ohne Erfolg, nimm zwei oder drei Zeugen (oder Zeuginnen) mit.“ Die Zeugen dienen nicht der Bestätigung unseres Vorurteils, sondern als unparteiische Zeugen bei der Fortsetzung der Gespräche über das vermutliche Vergehen des Bruders. Sie haben die Aufgabe, alles zu überprüfen und ihr Urteil dementsprechend zu fällen. Ein Besuch mit Zeugen kann sehr hilfreich sein, weil dadurch der Sünder eine weitere Aufforderung zu Buße bekommt.

Vers 17a: „Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde.“ Den Gemeindeausschluß tätigt nicht die Ältestenschaft, sondern die Geschwister der Gemeinde. Die Gemeinde selbst ist das zuständige Forum. Die einzelnen Gemeindeglieder hören die Zeugenaussagen, und die Gemeinde distanziert sich geschlossen von der Sünde und von dem Täter in ihrer Mitte aufgrund von Zeugenaussagen. Zeugenaussagen sind das Ausschlaggebende! Dieses Prinzip muß in unserer individualistischen Zeit besonders betont werden. Durch die Zeugenaussagen von zwei oder drei wird die Sache bestätigt. Man kann natürlich zusätzliche Fragen stellen, um Mißverständnisse zu klären, aber ihr Zeugnis muß ernst genommen werden. Gemeindezucht darf niemals aufgrund eines einzelnen Zeugen erfolgen. Wir dürfen nicht einander verdächtigen und einander mutmaßliche Untaten unterschieben! Alles muß aufgrund von zwei oder drei Zeugenaussagen stattfinden (besonders im Falle der Anschuldigungen gegen Älteste, 1Tim. 5,19).

Die Gemeinde hat diese Aufgabe verantwortungsbewußt wahrzunehmen. Bei unserem modernen Lebensstil, durch den wir ständig dem Einfluß der Welt ausgesetzt sind, durch Lektüre, durch das Fernsehen und allerlei sonstigen Medien, die unsere Häuser bis hinein in unser Schlafzimmer überfluten, ist es sehr wichtig, daß Christen ein gottgemäßes Urteil über Sünde fällen kann. Muß unsere Gemeinde jemand ausschließn, ist es gut, wenn wir uns vor Gott demütigen, als einzelne unser Herz erforschen und uns fragen: „Oh, Gott, warum? Wo haben wir versagt? Wenn wir unsere Aufgabe als Gemeinde wahrgenommen hätten, hätten wir vielleicht dem Bruder vorher helfen können, und es wäre vielleicht gar nicht vorgefallen!“ Gemeindezucht ist ein Erziehungsmittel Gottes. Die Gemeinde wird dazu erzogen, Sünde zu verabscheuen und zu fürchten. Das Himmlische am Himmel werden unter anderem die Bewohner sein. Das sind Menschen, die auf dieser Erde gelernt haben, Sünde zu hassen.

4. Wenn nicht alle Glieder den Zuchtbeschluß mittragen können

Was tun wir dann? In Salzburg haben wir genau das erlebt. Es wurde jemand ausgeschlossen, doch ein Ehepaar wandte ein: „Wir waren nicht zugegen und haben es nicht gesehen und werden deshalb den Gemeindebeschluß nicht mittragen!“ Nun, daß sie bei der Untat nicht anwesend waren, stimmte. Aber sie hatten genauso die Zeugenaussagen gehört, wie alle anderen. Wenn dann nicht die ganze Gemeinde sagen kann: „Wir tragen die Entscheidung mit!“, ist das ein trauriges Zeichen von geistlicher Schwäche. Doch die Schrift weiß dazu etwas zu sagen. In 2. Korinther 2, 6f steht: „Geügend ist einem solchen diese Strafe, die von den meisten (Mehrheit) beschlossen wurde.“ Die Mehrheit hatte beschlossen, Stellung mit Gott gegen den Übeltäter in ihrer Gemeinde zu beziehen, aber nicht alle! Die Zuchtmaßnahme erwies sich trotz der fehlenden Zustimmung mancher Geschwister als erfolgreich.

5. Und wenn der sündige Bruder schwerhörig ist

heißt der nächste Schritt Gemeindeausschluß: Vers 17b: „Wenn er aber auch die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide (d.h. keinen religiösen Umgang mit ihm haben) und wie der Z©llner (keinen gesellschaftlichen Umgang mit ihm pflegen).“ Erst bei der Aufhebung seines Ausschlusses anläßlich seiner Umkehr darf man wieder in geschwisterlichen oder gesellschaftlichen Kontakt mit einem Ausgeschlossenen treten.

Leider muß man in dieser Hinsicht anmerken, daß manche extreme Gruppierungen und Sekten weit über die Schrift hinausgehen. Sie fordern, daß Gemeindeglieder ihre Verbindung zu ausgeschlossen Ehepartnern oder Familienmitgliedern abbrechen. Diese groteske Forderung ist auf eine Vermischung unserer verschiedenen Beziehungen und Verantwortungsbereiche zurückzuführen.

6. Die himmlische Autorität der örtlichen Gemeinde

wird in Vers 18 bis 20 verdeutlicht: „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr etwas auf der Erde bindet, wird es im Himmel gebunden sein. Wenn ihr etwas auf der Erde löst, wird es im Himmel gelöst sein. Wiederum sage ich euch, wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen, irgend eine Sache zu erbitten, so wird es ihnen werden von meinem Vater, der im Himmel ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“

Petrus war mit apostolischer Autorit-ä ausgerüstet. Was er auf Erden band oder löste, war im Himmel gebunden (Matt. 16,19). Hier sehen wir, daß eine örtliche Gemeinde, die gerade groß genug ist, um sich in einer Behindertentelefonzelle zu versammeln, mit ähnlicher Vollmacht ausgestattet ist! Die Versammlung ist eine Kolonie des Himmels in einer höllischen Welt und ist damit beauftragt, hier im Interesse des Himmels zu handeln! „Wo ist das Hauptquartier ihrer Kirche? Wo ist die Zentrale?“ wollen Menschen immer wieder wissen. Unser Hauptquartier ist nicht in Rom, in Brooklyn, oder Salt Lake City. Unser Hauptquartier ist dort, wo unser Haupt quartiert ist – im Himmel! Jede auch winzige Gruppe von Gläubigen, die sich als Gemeinde versteht und danach handelt, ist bevollmächtigt, im Interesse und in Gemeinschaft mit dem Himmel zu handeln. Welch ein Vorrecht!

Oft wird gefragt: „Ab wann wird eine Gemeinde Gemeinde?“ Manche sind der Auffassung, daß die Anwesenheit von zwei oder drei dazu ausreicht. Aber die zwei oder drei in unserem Text, sind nicht nur anwesend! Sie kommen auch überein, im Interesse des Himmels zu handeln, betrachten sich für einander verantwortlich und sind bereit, wenn es für ein Gemeindeglied hilfreich ist, auch Gemeindezucht zu üben! Das ist eine einfache und dynamische Definition von Gemeinde! Nicht in einem Diözesanrat oder gar einem Presbyterium wird der Beschluß gefaßt, sondern dort, so sagt unser Herr, „wo zwei oder drei in meinem Namen, nach meiner Art, in meinem Interesse, bewußt in meinem Auftrag versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte.“

7. Wenn ein Ausgeschlossener zu uns kommt

Wie reagieren wir? Die Gemeinde erkennt den Beschluß der anderen Gemeinde an! „Unabhängigkeit und Autonomie der örtlichen Gemeinde“ sind  Begriffe, die nicht nur biblischer Erwähnung entbehren, sie sind auch vielerorts überbetont. Die Devise lautet mancherorts: „In unserer Gemeinde tun wir, was wir wollen. Was Ihr macht, ist uns egal!“ Natürlich sind wir unserem auferstandenen Haupt direkt verantwortlich, und wir treffen Entscheidungen nicht unter Druck von einer anderen Gemeinde oder gar von einem Führungsgremium einer Denomination. Vergessen wir dabei nicht, daß wir alle vom Himmel abhängig sind. Wenn die Gemeinde im Dorf X Teil des Leibes und von ihrem himmlischen Haupt abhängig ist und die Gemeinde in der Stadt Y schaut ebenfalls auf zu dem gleichen himmlischen Haupt, so sind wir voneinander gar nicht so unabhängig, wie wir vielleicht meinten! Ist die Gemeinde Gottes – der Leib Christi – ein „Eins“, so besagt diese Einheit, daß wir uns in unserem Urteil über Sünde gegenseitig anerkennen.

Die Entscheidungen einer Gemeinde werden, sofern sie gerecht sind, vom Himmel mitgetragen. Sie gingen hoffentlich ursprünglich auch vom Himmel aus! Wer also ihre Gemeindezucht nicht anerkennt, verachtet einen Beschluß, der im Himmel gefaßt wurde! Auch wenn Gemeinden Fehler machen, zollen wir ihnen trotzdem einen Vertrauensvorschuß. Die Gemeinde, die einen Bruder ausgeschlossen hat, hat in der Regel die Zeugenaussagen gehört und sorgfältig geprüft. Sie urteilt nicht vom Hörensagen oder von einseitiger Berichterstattung. Hie und da kommt es vor, daß ungerechte Gemeindezuchtbeschlüsse gefaßt werden. Vor allem, wenn Machtpolitik oder der Klubzwang einer exklusiven Bewegung im Spiel sind, werden Leute an den Rand gedrängt. Aber wenn dieser Mißbrauch vorzuliegen scheint, soll erst nach einer sorgf-ltigen Prüfung anhand von Zeugenaussagen und nach eingehenden Überlegungen und Überprüfungen der Zuchtbeschluß einer anderen Gemeinde nicht mehr anerkannt werden.

8. Vergebung und Wiederherstellung

„Dem Betreffenden genügt diese Strafe, von den meisten [der Gemeinde], so daß ihr im Gegenteil vielmehr vergeben und ermuntern solltet, damit der Betreffende nicht etwa durch übermäßge Traurigkeit verschlungen werde. Darum ermahne ich euch, ihm gegenüber Liebe [zu üben]. Wem ihr aber etwas vergebt, dem vergebe auch ich damit wir nicht vom Satan übervorteilt werden; denn seine Gedanken sind uns nicht unbekannt“ (2Kor. 2,6-11).

Voraussetzung für die Wiederaufnahme eines Ausgeschlossenen ist die Umkehr. Wie echte Buße aussieht, wird in 2. Korinther 7 beschrieben. Wenn diese stattfindet, sollte man auch nicht zögern, den Betroffenen wieder einzugliedern. Gemeindezucht sollte nie eine Bestrafung sein, wo man z. B. sagt: „Du bist für acht Monate ausgeschlossen. Vorher brauchst du dich gar nicht sehen lassen.“ Gemeindezucht ist vielmehr eine Maßnahme, um die Wiederherstellung des gefallenen Bruders zu beschleunigen. Wenn wir einmal die schwere Verantwortung haben, mit einem bußfertigen Bruder zu sprechen, so wollen wir ja nicht vergessen, welchen Schuldenberg Gott uns vergeben hat. Sonst laufen wir Gefahr, unbarmherzig mit dem Bußfertigen zu verfahren (vgl. Matt 18,21.22.35). Biblische Zucht geschieht in einem Geist der Sanftmut und Demut (Gal. 6,1f).

Gottes Zielsetzung bei seiner liebevollen väterlichen Züchtigung und durch Gemeindezucht ist die Erziehung und Wiederherstellung seines Kindes. Gemeindezucht ist nicht dazu da, problematische Leute unschädlich zu machen oder eine bestimmte Vorstellung von Christentum in einer Gemeinde durchzuboxen. Unser Ziel ist vielmehr, durch tätige Liebe unseren Bruder zu gewinnen, ihm zu vergeben, ihn wiederherzustellen und aus ernster Gefahr zu retten (Matt. 18; 2 Kor. 2; Gal. 6; Jak. 5).

FUSSNOTEN:

{1}Metzger, Bruce M.: A Texual Commentary on the Greek New Testament. A Companion Volume to the United Bible Societies’Greek New Testament (third edition). Stuttgart. United Bible Societies, 1971.