Soll unsere Gemeinde einem Gemeindeverband beitreten?
Seit ein paar Jahrzehnten schießen junge biblische Gemeinden im deutschsprachigen Raum wie Pilze aus dem Boden. Viele sind durch langfristige hartnäckige Missionsarbeit entstanden. Manche sind das Ergebnis von Neulandarbeit der freikirchlichen Bünde. Andere nicht. Nicht wenige formierten sich, als älter gewordene kirchliche Jugendgruppen ihren Weg in der Bibel suchten oder als Geschwister die Volkskirchen verließen. Mancherorts fanden sich Christen verschiedener Prägung in Hauskreisen zusammen und entdeckten dabei ein gemeinsames Anliegen für biblische Gemeinde. Das Wort der Wahrheit des Evangeliums bringt Frucht und wächst unter uns! Halleluja!
Früher oder später tauchen wichtige Fragen in den Neuanfängen auf: „Wie werden wir uns organisieren? Wohin werden wir uns orientieren? Sollen wir uns einem Gemeindeverband anschließen?“
Der Gedanke, einem Gemeindeverband beizutreten, liegt nahe. Als selbständige Gemeinde im luftleeren Raum zu schweben, kann befremdend sein. Außerdem stammen manche Gemeindeglieder aus Gemeinden, die in einem Bund sind. Sie hegen den durchaus verständlichen Wunsch, dass sich die jungen Gemeinden ihrem herkömmlichen Gemeindeverband anschließen. Zudem kommt das oft beobachtete Phänomen, dass Vertreter bestehender Gemeindeverbände neu entstandene Gemeinden besuchen und den Beistand ihrer Denomination anbieten. Finanzhilfe, Prediger, Jugendmitarbeiter und andere Formen der Unterstützung stehen den Gruppen zur Verfügung, die ihrem Dachverband beitreten. Was soll eine junge Versammlung tun?
Wie in allen Gemeindefragen sollen wir die Heilige Schrift befragen. Dort entdecken wir zwei richtungsweisende biblische Prinzipien, die in einem gewissen Spannungsverhältnis zu stehen scheinen:
Christonomie und gegenseitige Kooperation
Ich gebe zu, dass ich in diesem Kontext die Wendungen „Unabhängigkeit“ oder „Autonomie“ nur ungern verwende, zumal sie problematisch sind und leicht missverstanden werden. Wir würden nie behaupten, dass unsere Gemeinde autonom (d.h. unter dem eigenen Gesetz stehend oder selbstregierend) im absoluten Sinn sein soll. Zudem heißt „unabhängig“ in modernem Sprachgebrauch so viel wie „nicht von der Meinung anderer beeinflusst“. Außerdem habe ich diese Begriffe noch nicht in meiner Konkordanz gefunden. Daher verwende ich den von Hesselgrave geprägten Begriff – die Christonomie.
Die Christonomie der Gemeinde besagt, dass jede örtliche Gemeinde unter dem Gesetz Christi – unter der uneingeschränkten Autorität Christi – steht, wie der Leib unter seinem Haupt. Die lokale Gemeinde ist genau gesagt nicht autonom (selbstregierend). Sie soll viel mehr vom Himmel her regiert werden. Mit dem Herrn in ihrer Mitte ist jede lokale Versammlung mit himmlischer Vollmacht ausgestattet und handelt stellvertretend für Ihn! Sie führt auf Erden das aus, was schon im Himmel beschlossen worden ist (Matth. 18,17-20). Die biblische Leitungsstruktur ist Ausdruck dieser Christonomie. Im Neuen Testament stand nicht ein Mann, sondern mehrere Ältesten oder Aufseher jeder Gemeinde vor (Apg. 14,23; 20,17.28; Phil. 1,1; 1.Tim. 4,14; Tit. 1,5; Jak. 5,14). Sie führten ihren Hirtendienst unter der lokalen Herde („die bei euch ist“) als Unterhirten unter der Vollmacht des Erzhirten, Christus, aus (1. Pet. 5,1-4).
Die lokale Gemeinde und ihre Ältesten stehen vor dem Herrn. Sie allein sind betraut mit den Belangen der Gemeinde. Insofern sind die Gemeinden im Neuen Testament autonom oder unabhängig. Kein Außenstehender, keine andere Gemeinde oder Gemeindegruppe hat Autorität über sie.
Im Neuen Testment steht die gegenseitige Kooperation der Gemeinden der Christonomie gegenüber. Die Gemeinde Gottes ist eine Herde mit einem Hirten (Joh. 10,16). Paulus setzte alles daran, die Einheit zwischen den Schafen aus dem jüdischen Hof und aus den Nationen zu bewahren. Die gemeinsame Hilfsaktion der Gemeinden in Mazedonien und Achaja an die armen Christen in Judäa war ein Paradebeispiel dafür (Röm. 15,25-27; 2. Kor. 8,1-15). Diese Versammlungen erwählten sogar offizielle Gesandte, um ihr Vorhaben auszuführen (2. Kor. 8,19.23). Verschiedene Gemeinden unterstützten zusammen Missionare, auch wenn sie nicht von der betreffenden lokalen Gemeinde ausgesandt worden waren (Röm. 15,22-24; Phil. 1,5; 4,14-18; 3. Joh. 6-8). Gemeinden empfahlen schriftlich Mitarbeiter aus ihrer Mitte anderen Gemeinden zum Dienst (Apg. 18,27-28). An vielen Stellen in der Apostelgeschichte und in den Briefen wird deutlich, dass reger Verkehr, Kommunikation und Kooperation zwischen den Gemeinden durch reisende Mitarbeiter gepflegt wurde (Apg. 14,21-27; Röm. 16,1f u.a.m.). Offenbar betrachteten sich die Versammlungen zur neutestamentlichen Zeit nicht als unabhängig im absoluten Sinn, sondern sie suchten sinnvolle Formen der regionalen und überregionalen Zusammenarbeit.
Organisationsmodelle der Gemeinden
Kirchen sind auf verschiedene Weise organisiert und widerspiegeln oft die politische Verhältnisse zur Zeit ihrer Gründung. Die Kirche Roms erinnert stark an das kaiserliche Rom, mit seinem Cäsar und Senat in der Hauptstadt und mit seinen Statthaltern und Beamten verteilt durchs Reich. Landeskirchen orientieren sich an dem jeweiligen Staat (z.B. die Kirche Englands). Die heutigen Freikirchen schauten ihre demokratischen Strukturen von ihren weltlichen Regierungen ab und sind wie Parlaments- oder Präsidialdemokratien aufgebaut. Eine typische Organisationsstruktur ist hier abgebildet. Es ist zu beachten, dass diese Struktur einer Freikirche dem siebenarmigen Leuchter Israels in vieler Hinsicht ähnelt.
Örtliche Gemeinden (Wählerschaft)
Abgeordnete der Gemeinden (Legislative)
entsandt an die
Bundesversammlung
Arbeitsgremien: (Ministerien der Ausbildung, Mission, Bundesregierung)
Jugend usw.
Bundesvorstand (Bundesregierung)
Bezeichnenderweise fehlt jede Spur dieser Strukturen im Neuen Testament. An deren Stelle entdeckt man die Christonomie, die in den Sendschreiben (Offb. 2-3) so deutlich zu erkennen ist. In der dramatischen Eröffnungsszene des Buches, das sich mit Gottes Thron (Regierungswege und Gerichte) beschäftigt, schaut der Seher den verherrlichten Menschensohn inmitten der sieben goldenen Leuchter! Die Organisation ist einfach. Die Regierung Christi geschieht unmittelbar. Obwohl das Buch an alle sieben Gemeinden gerichtet ist (Offb. 1,4), erkennt der Auferstandene die Stärken und Schwächen von jedem einzelnen Leuchter und richtet eine persönliche Botschaft an jede Ortsgemeinde. Die christonomische Regierungsform:
Leuchter
Leuchter Leuchter
Menschensohn
Leuchter Leuchter
Leuchter Leuchter
Der Gemeindeverband – Argumente pro und kontra
Das biblische Vorbild der Kooperation zwischen Gemeinden zur neutestamentlichen Zeit wiegt bei Verfechtern des Gedankens eines Gemeindeverbandes schwer. Sollte man nicht die Zusammenarbeit organisieren und koordinieren? Verschiedene Argumente werden für den Beitritt zu einem Gemeindeverband angeführt. Ich nenne nachfolgend einige aus meiner persönlichen Erfahrung.
Die Lehre der Entwicklung
Spender erklärt, wie diverse Gemeindestrukturen, die zur neutestamentlichen Zeit nicht existierten, trotzdem vom Neuen Testament abgeleitet werden: „Es waren immer Meinungsverschiedenheiten darüber, wie Gemeinden sich einander gegenüber verhalten sollen. Dass man sie in organisatorische Verbindung zueinander brachte, begann aus harmlosen Gründen. Aber die logischen Schritte von Kooperation, zu Konzil, zum Bund, zur Denomination sind klein. Oft verfolgte die Verteidigung dieser Kirchenstrukturen eine Beweisführung, die später als die „Lehre der Entwicklung“ bekannt wurde. Mit Entwicklung ist das Wachstum und die Verfeinerung von Prinzipien gemeint, die nur als Ansatz in der Schrift zu sehen sind. Es handelt sich hier um eine Art gewagte lehrmäßige Schlussfolgerung. Sie besagt, dass, obwohl die Schrift ein Schiff vom Stapel ließe, sie es nicht zum Endziel führen könne. Natürlich bewegt sich die Entwicklung immer in Richtung größerer Komplexität. Die daraus folgenden kirchlichen Strukturen haben sich vervielfältigt, während sie auf die Urkirche hinzeigen, der sie entsprungen sind.“
Das Neue Testament helfe uns nicht weiter
Ladd vertritt einen sehr aktuellen hermeneutischen Ansatz (Anm.d.Red.: Ansatz des Schriftverständnisses), der von vielen Theologen und Missiologen heutzutage geteilt wird: „Es ist wahrscheinlich, dass es in apostolischer Zeit keine maßgebliche Vorgabe von Leitungsstruktur gab und dass die Organisationsstruktur der Gemeinde kein essentielles Element der Theologie der Gemeinde ist.“ Ladds Einfluss auf Gilbert Bilezikan (Bill Hybels Mentor) war grundlegend und ist daher für uns sehr aktuell. Der Missiologe Ralph Winter hat irgendwo geschrieben: „Lasst uns die Tatsache anerkennen, dass die Struktur, die so liebevoll „die neutestamentliche Gemeinde“ genannt wird, im Wesentlichen die christliche Synagoge ist.“ Dieser etwas agnostische Zugang ebnet das Spielfeld für jede Art Gemeindestruktur und bereitet den Weg für radikale Kontextualisierung (Anm. d. Red.: Anpassung des Gemeindebaus an die vorherrschende Kultur) auf den Missionsfeldern.
Diese ersten zwei Argumente für einen Gemeindebund (oder für jede Art Gemeindestruktur, die nicht im Neuen Testament vorkommt) legen uns nahe, dass das Neue Testament unzureichende Auskunft über Gemeindestrukturen geben würde. Das mag eine große Flexibilität angesichts der Wandlung der Zeiten und der Unterschiedlichkeit der Kulturen ermöglichen, aber diese Hermeneutik gerät in Konflikt mit klaren Aussagen der Briefe.
Wenn Paulus sich als weiser Baumeister bezeichnet, ermahnt er uns, darauf zu achten, wie wir bauen (1. Kor. 3,10). Wie wir die Strukturen der Gemeinde aufbauen, kann nicht so unwesentlich sein. Ein „weiser Baumeister“ wird wohl einen Entwurf, einen Bauplan bei sich haben. In den Schriften von Lukas und Paulus lässt Gott uns über die Schulter des Heidenapostels schauen. Paulus war sowohl ein „Prototyp-Christ“ als auch ein „Prototyp-Gemeindegründer“ (1. Tim. 1,12-16). In seinem Dienst und in seinem Schriftverkehr haben wir einen weisen Bauplan.
Paulus schreibt an Timotheus, damit wir wissen, wie wir uns im Haus Gottes zu verhalten haben (1. Tim. 3,14-15). Die dort offenbarte Hausordnung ist mit Anweisungen über Organisationsstruktur geradezu beladen. Anordnungen für die Gemeindezusammenkunft, die Führung der Gemeinde durch Aufseher und Diakone oder Diakoninnen, ihre Qualifikationen zum Dienst, die Verzeichnung und Betreuung der Witwen, die ordentliche Entlohnung von Ältesten im vollzeitlichen Dienst, sowie die Einsetzung und Züchtigung derselben sind dort zu lesen.
Paulus ließ Titus in Kreta, weil die Leitungsstrukturen mangelhaft waren. Sein Auftrag enthält klare Anweisungen betreffend der Organisationsstrukturen der Gemeinde – Anstellung qualifizierter Ältester in jeder Stadt (Tit 1,5). Wenn nicht nur die jüdischen Gemeinden (Apg. 15,2.4; s. Jak. 5,14; 1. Pet. 5,1-4), sondern auch die Gemeinden unter den Nationen dieselbe Leitungsstruktur – Führung einer Ältestenschaft – praktizierten (Apg. 14,23; 20,17.28; Phil. 1,1; 1. Tim. 4,14; Tit. 1,5), kann man doch nicht von der christlichen Synagoge reden!
Als Gott die Errichtung seines Hauses im Alten Bund in Auftrag gab, ließ Er dem Vorstellungsvermögen der Handwerker keinen Raum (Apg. 7,44; Heb. 8,5; 9,23-24; 2. Mo. 25,40; 26,30; 27,8; 4. Mo. 8,4). Gott weiß, was Er will. Selbst der Grundriss des Objekts verkündigte ewige himmlische Wahrheit. Und auch heute lässt der Herr uns nicht die beste Hausordnung für Seine Familie erraten. Er hat sie im Neuen Testament geoffenbart.
Die Schrift genügt. Als Mitarbeiter im Gemeindebau wollen wir die klaren Anweisungen der Apostel befolgen. Es geht uns nicht um die blinde Nachahmung von Methodik, die manchmal zeit- und kulturbedingt war. Wir wollen deren Praxis und die der Gemeinden gründlich untersuchen, um die zugrundeliegenden zeitlosen Prinzipien zu entdecken, um sie dann in unserer Zeit und Kultur anzuwenden. Es sei fern, dass wir ein Fragezeichen dort einfügen, wo der Heilige Geist in der Schrift einen Punkt gesetzt hat. Vertreter der Lehre der Entwicklung sehen einen Ansatz für die Entwicklung von späteren Strukturen in der Beziehung zwischen Antiochia und Jerusalem.
Der Präzedenzfall von Jerusalem und Antiochia
„Die Gemeinde in Jerusalem verfolgte ganz aufmerksam die Ausbreitung des Evangeliums. Wurde das Evangelium von neuen Gruppen aufgenommen, bildeten sich also neue Gemeinden, so musste anfänglich der Gemeinde in Jerusalem darüber Rechenschaft abgegeben werden (Apg. 8,14; 11ff).“
Ich meine, dass die o.a. Aussage die zitierten Stellen überstrapaziert. Zunächst einmal ist die Rede von zwei außerordentlichen Erkundigungen der Jerusalemer, und das in atemberaubenden Augenblicken, als das Evangelium von den Nationen angenommen wurde. Die Bekehrung von „Kornelius & Co“. (Apg. 10,1-11,18) stellte die herkömmliche jüdische Vorstellung von Heiligung auf den Kopf, und die Bekehrung der Griechen in Antiochia läutete eine neue Phase der Weltevangelisation ein. Von dieser Stelle ausgehend kann man kaum behaupten, dass dies die übliche Praxis der Jerusalemer Gemeinde war. Außerdem sagt der Text kein Wort über eine Rechenschaft gegenüber Jerusalem, sondern genau das Gegenteil! „…als
Verschiedene Varianten des zweiten Arguments bekommt man zu Ohren:
„Die Gemeinden stimmten ihr Vorgehen miteinander ab. Apg. 15, das sogenannte „Apostelkonzil“, ist dafür ein gutes Beispiel. Dabei erstellten die Gemeinden auch verbindliche Richtlinien (Apg. 15,22-31), den Brief der Jerusalemer Gemeinde an die Gemeinde in Antiochia.“
Das Apostelkonzil ist ein viel zitierter Präzedenzfall für die Bildung von Frei- und Volkskirchen. Aber war das ein Gemeindekonzil, zu dem die Gemeinden zusammenkamen, um ihr gemeinsames Vorgehen abzustimmen? Männer von Judäa reisten nach Antiochia, einem wichtigen Stützpunkt des Evangeliums, und beunruhigten die Christen dort mit ihrer Irrlehre. Es bestand die Gefahr, dass diese Irrlehre unter Christen aus den Nationen weltweit verbreitet würde. Die lokale Gemeinde zu Antiochia beschloss, eine Gesandtschaft nach Jerusalem zu entsenden (Apg. 15,1-2). Professor Gooding bemerkt dazu: „Dafür gab es zwei Gründe. Die Irrlehrer, durch die der Streit in Antiochien begonnen hatte, behaupteten, sie kämen von den Aposteln in Jerusalem (Apg. 15,24). Natürlich wollte die Gemeinde in Antiochien sich davon überzeugen, dass dies nicht so war. Außerdem war es natürlich, dass die Gläubigen in Antiochien sich in Lehrfragen an die Apostel wendeten. Wir alle tun das noch heute, nur dass wir uns nicht persönlich an sie wenden, sondern an ihre apostolischen Schriften.“
Als Antiochia die Initiative ergriff, die gesetzlichen Füchse zurück in ihren Bau in Jerusalem zu verfolgen, machten sie somit die Aposteln und die Ältesten dieser Gemeinde auf ein loderndes Problem in ihrer eigenen Mitte aufmerksam. Diese Herausforderung fürs Evangelium war noch nicht in ihrer eigenen Gemeinde ausgefochten worden. Die Führer dieser Gemeinde berieten darüber zusammen, und fanden eine Lösung (Apg. 15,6).
Aber in dem „Apostelkonzil“ finden wir kein Vorbild für einen Gemeindeverband, der das Vorgehen der Gemeinden abstimmt. Nur die zwei beteiligten Parteien waren zugegen. Die Gesandtschaft aus Antiochia berichtete lediglich von dem Vorstoß des Wortes Gottes unter den Nationen und überließ den Jerusalemern das Wortgefecht. Bruce schreibt dazu: „Es war ein Treffen der Führer der Gemeinde Jerusalems; es war nicht eine zwischengemeindliche oder „ökumenische“ Beratung, auch dann, wenn die Boten der Gemeinde Antiochias, mit Paulus und Barnabas anwesend waren.“
Darüber hinaus fand diese Zusammenkunft aufgrund eines bestimmten Problems statt. Jeglicher Hinweis auf eine regelmäßige Einrichtung (Bundeskonferenz) fehlt. Das 15. Kapitel der Apostelgeschichte betont vielmehr die Zuständigkeit einer örtlichen Gemeinde für die Tätigkeit ihrer („Möchtegern“-)Lehrer und ist kein Präzedenzfall für eine evangelikale Glaubenskongregation.
Nachdem die Jerusalemer Gemeinde vor der eigenen Tür gekehrt hatte, verfassten ihre Ältesten und die Apostel einen Brief (den Kompromissvorschlag des Jakobus) an die Gemeinden aus den Nationen. Der Brief und Führer unter den Brüdern sollten bestätigen, dass die Irrlehrer nicht von Jerusalem entsandt wurden. Das Konzil empfahl einen modus vivendi für den Umgang der Christen aus den Nationen in strittigen Fragen wegen ihrer „schwachen“ Brüder aus der Beschneidung. Der Brief stand im Einklang mit den Unterweisungen des Paulus zum selben Thema in Römer 14-15. Die Zugeständnisse ans jüdische Empfinden stellten keinen Kompromiss hinsichtlich des Evangeliums dar. Christen allenthalben sollten erkennen, dass die Apostel in Jerusalem, Paulus und Barnabas, dieselbe Heilslehre vertraten. Diese Einheit der Apostel ist jetzt überaus deutlich im Neuen Testament verankert. Hier ist kein Präzedenzfall für ein Gremium von Gemeinden, die gemeinsame verbindliche Richtlinien für sich beschließen. Wir haben doch die apostolischen Schriften.
Mit der Erwähnung verbindlicher Richtlinien geht die Kernfrage nach Autorität einher. Bruce schreibt dazu: „Es ist zu beachten, dass es keine Spur davon gibt, dass die Muttergemeinde Autorität besaß, den autonomen Gemeinden in Antiochia oder Kleinasien etwas aufzuerlegen, wie Hort deutlich macht, und dass kein Verb des Befehls im Brief verwendet wird, obwohl die griechische Sprache einen reichhaltigen Vorrat solcher Begriffe besitzt. Jeglicher Hinweis auf eine Zentral- oder Metropolitanvollmacht, welche die verschiedenen Gemeinden anerkennen, fehlt …
Bruce bezieht sich wiederum auf Horts Werk: „Natürlich war die Autorität der Apostel nicht örtlich begrenzt. Die Gemeinde in Jerusalem und ihre Ältesten nahmen aber an ihrer höherstehenden Autorität nicht teil.“ Daher kann dieser Brief nicht als Legitimation für verbindliche Richtlinien einer bestimmten Gemeinde oder Gemeindegruppe über andere Gemeinden herhalten.
Das einheitliche Zeugnis vor der Welt
Manchmal appellieren die Vertreter des Bundesgedankens an die Notwendigkeit eines einheitlichen Zeugnisses vor der Welt. Im Gespräch mit einigen Brüdern bekam ich den deutlichen Eindruck, dass wir gegen die christliche Einheit stünden, wenn unsere Gemeinde nicht einem bestehenden Gemeindeverband beitreten würde.
Unser Zeugnis von der Einheit der Gemeinde vor den skeptischen Augen der Welt ist ein Anliegen ersten Ranges. „Es ist wichtig zu erkennen, dass kein (Bibel)Wort die EINE Ecclesia als eine Zusammensetzung von vielen Ecclesiae darstellt. Paulus schreibt jeder Ecclesia ihre eigene entsprechende Einheit zu. Jede ist ein Leib Christi und ein Heiligtum des Geistes, aber jegliche Gruppierung der Gemeinden in Bestandteile des Ganzen oder in einem umfassenden Ganzen wird unterlassen.“
Die Gemeinde ist nicht die Summe von kirchlichen und freikirchlichen Körperschaften, wie sie manchmal beschrieben wird. Die Gemeinde Gottes wird machmal mit einer schönen Wiese mit einer großen Blumenvielfalt (die verschiedenen Kirchen) verglichen. Aber so ist das nicht. Sowohl die Gemeinde Gottes als auch die örtlichen Gemeinden werden gleichfalls Braut oder Verlobte genannt (Eph. 5,25-27; 2. Kor. 11,2), die Herde Gottes mit einem Hirten (Joh. 10,16; Apg. 20,28; 1. Pet. 5,1-4), Gottes Tempel (Eph. 2,21-22; 1. Pet. 2,4-5; 1. Kor. 3,16-17) oder Leib (1. Kor. 12, 12-27; 1. Kor. 10,15-17). Daher konnte Paulus schreiben: „… der Versammlung Gottes, die in Korinth ist …“ (1. Kor. 1,2; 2. Kor 1,1). Jede örtliche Gemeinde ist eine sichtbare (allerdings unvollkommene) Raum-Zeit-Darstellung der einen Gemeinde Gottes. Wenn Paulus für Harmonie und Einheit in der örtlichen Gemeinde plädiert, argumentiert er von der Bildung des einen universalen Leibes durch das Wirken des Geistes (1. Kor. 12,12-27). Die Einheit wird vor allem in der örtlichen Gemeinde dargestellt (1. Kor. 10,17; 12,12ff), aber dann auch in der Kooperation zwischen Christen und Gemeinden (Eph. 4,1-16). Es gibt kein biblisches Vorbild für eine andere, für eine organisatorische Einheit, einen Gemeindeverband, oder „Gemeinschaftskreis“ , weil der Organismus Gemeinde sich nicht organisatorisch darstellen lässt. Auch wenn der Leser der Überzeugung wäre, dass eine örtliche Gemeinde lediglich eine Darstellung des einen Leibes (Eph. 4,4) ist, ohne selbst ein Leib zu sein, bleibt das Grundargument intakt.
Welches Zeugnis legen wir ab, wenn unsere Gemeinde einem von der Vielzahl der Gemeindeverbände beitritt? Welches Zeugnis geben die vielen Volks- und Freikirchen ab? Die evangelischen Kirchen sind zugleich größer (viele Glieder sind Namenschristen) als auch kleiner (viele Bluterkaufte gehören nicht zu den Kirchen) als der Leib Christi. Jeder Bund evangelikaler Gemeinden ist zumindest kleiner.
Harold St. John geht auf die obige Frage ein: „Wir finden die Straßen bestreut mit Gemeinden, die den Namen von großen christlichen Leitern (Wesley oder Calvin) tragen, von Gemeindestrukturen (Presbyterianer oder Episkopalianer), von einer besonderen Lehre (Baptisten), oder von einem geographischen Ort (Anglikaner oder Römische), und darüber hinaus mit vielen kleineren Gruppierungen. In vielen Fällen wurden diese Gruppen durch einen Protest des Heiligen Geistes ins Dasein gerufen. Irgend eine biblische Wahrheit war verwässert, verzerrt oder verneint worden. Es ist wichtig, zu sehen, dass die Urkirche alle diese Lehren und Loyalitäten hochhielt, für die diese Gruppen stehen, aber sie weigerte sich, ihre Parteietiketten zu verwenden.“
Paulus ermahnt uns „durch den Namen des Herrn Jesus Christus“, diese menschliche Praxis zu unterlassen (1. Kor. 1,1.10-15). Wenn wir über die heutige Kirchenlandschaft schauen, drängt sich die Frage auf: „Ist Christus zerteilt?“ Nein! Aber die Vielfalt von Namen vermittelt diesen falschen Eindruck.
Und wenn wir einen neuen, noch biblischeren Bund gründeten?
Gooding erläutert: „Jeder Zusammenschluss trennt. Nehmen wir eintausend Gemeinden, die bisher mit Freude Gemeinschaft und Austausch pflegten, aber dabei autonom geblieben sind. Versuchen wir nun, sie in irgend einer Art Verband zu organisieren. Zweifellos werden das einige über sich ergehen lassen. Andere werden darauf bestehen, ihre ursprüngliche Freiheit zu bewahren, nicht weil sie die Freiheit als Luxus sehen, den man sich gönnt, sondern weil sie die Freiheit als Verantwortung vor Gott betrachten. Dann muss man nur noch Namen für die beiden Gruppen erfinden und schon macht man der Welt in aller Öffentlichkeit deutlich, welchen Zwiespalt die Verbindung von einigen Gemeinden angerichtet hat.“
Roland Allen beschreibt, wie Paulus die christliche Einheit unter den Gemeinden förderte. Ich fasse seine Hauptaussagen wie folgt zusammen:
1. Paulus lehrte die Einheit als eine Selbstverständlichkeit. Er lehrte die Menschen, die Einheit als Tatsache in der christlichen Erfahrung zu verwirklichen … Ihr Leiden sollte sie an das Leiden ihrer Geschwister an anderen Orten erinnern. Er lehrte die Gastfreundschaft. Zu allen Zeiten und in allen Umständen hielt er ihnen die Einheit vor Augen.
2. Paulus nützte seine besonderen Voraussetzungen als Mittler zwischen Juden und Griechen völlig aus. Als Pharisäer mit einer griechischen Ausbildung lebte er gemäß dem Gesetz in Jerusalem und verteidigte dabei die Freiheit der Griechen. Die Führer der Gemeinde in Jerusalem vertrauten ihm. Seine Reisen nach Jerusalem trugen dazu bei, die Juden und Griechen in der einen Gemeinde zusammenzuhalten.
3. Paulus bewahrte die Einheit dadurch, dass er gemeinsame Liebestaten einleitete und andere dazu ermutigte. Sein Eifer für die Sammlung für die armen Heiligen Jerusalems war ein Beweis der Einheit gegenüber der skeptischen jüdischen Partei.
4. Paulus förderte die Kommunikation zwischen den Gemeinden. Er ermutigte Gemeinden zur Mitarbeit auf ein gemeinsames Ziel hin. Die Sammlung für Jerusalem war ein gemeinsames Unterfangen von Gemeinden aus vier Provinzen. Alle entsandten Boten nach Jerusalem. Somit förderte sie nicht nur die Gemeinschaft zwischen Jerusalem und den Provinzen, sondern unter den vier Provinzen selbst.
Wenn uns die christliche Einheit ein Anliegen ist, sollten wir uns Paulus zum Vorbild nehmen.
Die finanzielle Unterstützung von Mitarbeitern und Missionaren
Finanzen stellen für kleine Gemeinden ein großes Problem dar. Mit der Beschaffung von Räumlichkeiten und der Finanzierung eines Mitarbeiters aus den eigenen Reihen sind kleine Versammlungen oft überfordert. Der angebotene Rückhalt eines großen Gemeindeverbandes wird hier attraktiv. Außerdem tut Gott weltweit Großartiges durch das Bemühen der Gemeindeverbände und ihrer Missionare.
Zur neutestamentlichen Zeit wurde das Werk und die Mission von den Gemeinden auf verschiedene Art und Weise finanziell getragen (1. Tim. 5,17-18; 1. Kor. 9,14; Gal. 6,6 u.a.m.). Der Missionar, Paulus, erhielt Gaben von verschiedenen Gemeinden, auch wenn er nicht von ihnen ausgesandt wurde (Phil. 4,14-18, Röm. 15,22-24). Das scheint die übliche Praxis unter den damaligen Christen gewesen zu sein (3. Joh. 6-8). Wir finden keinen Hinweis darauf, dass ein übergemeindliches Gremium für den Unterhalt der Mitarbeiter erforderlich war. Christen helfen Christen. Ein Dachverband kann die Sache regeln, aber er ist keine Gelddruckerei! Das Geld kommt von großzügigen Christen.
Wenn eine örtliche Gemeinde einen Missionar der Gnade Gottes anbefiehlt (Apg. 13,1-4; 14,26-27; 18,27-28), ist das auch eine Empfehlung dieser Person an andere Gemeinden und Christen. Somit sagen wir: „Unsere Gemeinde hat diese Schwester entlassen. Der Heilige Geist hat sie zu Seinem Werk berufen. Wenn ihr als Gemeinde ihr irgendwie behilflich sein könnt, fördert ihr das Werk eines bewährten Mitarbeiters.“ Die Ältesten der Sendungsgemeinde sollen in Kontakt mit den ausgesandten Personen bleiben. Sie brauchen Unterstützung und persönliche Betreuung. Betreuung und Kommunikation unter Gemeinden sind erforderlich, ein „denominationelles Gremium“ nicht unbedingt.
Ein Bund ungebundener Gemeinden?
Manche Bünde bekennen sich in ihren Satzungen zu der Unabhängigkeit der örtlichen Gemeinde. Ein Vertreter des Bundesgedankens formulierte es so: „… einen Bund freier, ungebundener, unabhängiger Gemeinden zu gründen.“ Das widersprüchliche Sprachgewirr zeigt, wie schwer bibeltreue Christen sich in dieser Frage tun. Es ist schwer, gleichzeitig auf beiden Seiten vom Pferd zu fallen!
Weitere Argumente für die Selbständigkeit der Gemeinden
Nicht nur einzelne Menschen haben den Hang zu religiösen Organisationsstrukturen. Totalitäre Regime unterstützen ebenfalls diese Idee. So verschieden die politischen Ansätze von einem Stalin oder Mao, von einem Hitler oder Honecker gewesen sein mögen, eines hatten sie gemeinsam: die christlichen Gemeinden möglichst überschaubar zu organisieren und sie dadurch zu kontrollieren.
Das rapide Wachstum der Hausgemeinden in China beweist, dass einfache Gemeindestrukturen wirksam sein können. Bruce weist darauf hin, „dass geistliche Freiheit eher dort erhalten bleibt, wo das biblische Prinzip der administrativen Unabhängigkeit von jeder einzelnen örtlichen Gemeinde aufrecht erhalten wird … Wenn der Staat feindselig ist, kann er eine zentral organisierte Körperschaft eher lähmen, als eine Vielzahl nicht verbündeter Gemeinden, wo jede durch ihre eigenen Ältesten und Diakone selbstständig geleitet und verwaltet wird.“
Wenn ich an die Geschichte der protestantischen Denominationen in meinem Heimatland (USA) denke, fällt mir ein weiterer Grund für die Selbstständigkeit der Gemeinden ein. Ich wuchs in einer guten, bibeltreuen „Südlichen Baptistengemeinde“ auf. Jedes Jahr hörte ich die Appelle unseres Pastors: „Leute, ihr müsst mit auf die Bundeskonferenz fahren! Die „Liberalen“ (Bibelkritiker) bekleiden doch schon viele Ämter. Ein paar Ausbildungsstätten sind bereits fest in ihren Händen. Andere stehen in Gefahr. Wir müssen gute Abgeordnete wählen!“ Auch wenn bibeltreue Streiter diese Denomination retteten, ist die Mehrzahl der protestantischen Kirchen den Bach hinuntergegangen. Parallelentwicklungen sind auch in anderen Ländern zu finden.
Wie der sprichwörtliche Fisch, der am Kopf zu stinken beginnt, fängt alles mit der Infiltrierung der Ausbildungsstätten und Bundesgremien an. Irrlehrer nisten gerne dort, wie die Vögel des Himmels in den Zweigen des Senfbaums. Wenn der junge Absolvent von dem Seminar seiner Denomination kommt, bringt er seinen Sauerteig mit. Auch dem bibelkritischen Bundesfunktionär liegt ein gewaltiger Wirkungskreis zu Füßen.
Biblische Gemeindestruktur ist kein Garant für die lehrmäßige Reinheit, aber sie bietet doch einen gewissen Schutz. Wie wurde Irrlehre zu neutestamentlicher Zeit bekämpft? Als Paulus von den Ephesern Abschied nahm, rechnete er mit Wölfen und verkehrten Sektierern. Er vertraute ihre Bekämpfung den Aufsehern der Gemeinde an. Die Bekämpfung von Irrlehrern und Sektierern ist eine wesentliche Aufgabe der Gemeindeältesten (Tit. 1,9). Die Häresie genoss ihre Blütezeit zur Abfassungszeit der Epistel, aber es ist interessant festzustellen, dass Gemeinden in verschiedenen geographischen Gegenden mit unterschiedlichen Spielarten zu tun hatten. Obwohl die Irrlehrer gerne reisten, blieben ihre Wirkungskreise oft isoliert. Dies mag wohl eine gottgewollte Auswirkung der Selbstständigkeit der Gemeinden sein.
Das Problem der einseitigen Betonung der Selbständigkeit
Die biblische Lehre ist immer gesund und ausgewogen. Wenn das biblische Prinzip der Ungebundenheit der örtlichen Gemeinde (Christonomie) nicht in dem größeren Kontext der Gemeinschaft und Kooperation ausgelebt wird, besteht unser Bekenntnis zur christlichen Einheit und Bruderliebe aus leeren Worten. Unser Gemeindeleben gibt dann ein Zerrbild der Wahrheit Gottes ab.
Die Schrift mahnt uns, die gesamte christliche Bruderschaft zu lieben (1. Pet. 2,17). Wir sollen nach Frieden mit all denen trachten, „die den Herrn aus reinem Herzen anrufen“ (2. Tim. 2,22). Mit ganzem Einsatz müssen wir die gottgeschenkte Einheit des Geistes bewahren. Anders zu handeln wäre unserer Berufung unwürdig (Eph. 4,1-3). Unsere Lernbereitschaft wird sogar von Gott angesprochen, denn Er will, dass wir imstande sind, „mit allen Heiligen“ Seinen vierdimensionalen Ratschluss zu erfassen (Eph. 3,18). Zu alledem kommt das Vorbild der christlichen Gemeinden im 1. Jahrhundert, die diese erhabenen Prinzipien durch praktische Gemeinschaft und Kooperation auslebten.
Alexander Strauch äußert sich wie folgt zu diesem Thema: „Wie können autonome, lokale Gemeinden voneinander abhängig sein? Dieses Thema ist im Wesen komplex, in der Anwendung frustrierend, im Zeitalter der Ökumene relevant und unter konservativen, bibeltreuen Gemeinden explosiv. Angesichts der zwischengemeindlichen Beziehungen begeben sich Älteste auf ein Drahtseil. Sie müssen ihre Herde vor lehrmäßigem Irrtum bewahren und zugleich in einer furchtbar zertrennten christlichen Kommunität die Einheit der Gemeinde Jesu Christi und die Liebe Christi für alle Christen und örtlichen Gemeinden zum Ausdruck bringen – eine beinahe unmögliche Aufgabenstellung …“
Die meisten Leser dieser Zeitschrift teilen ein großes gemeinsames Anliegen für die Reinheit in der Lehre. Die Gesundheit der Gemeinde ist uns eminent wichtig. Auch haben wir einiges über Gemeindebau nach dem Neuen Testament erkannt, und das wollen wir ohne Abstriche umsetzen (1. Kor. 3,10). Aber Geschwister, es ist durchaus möglich, die Wahrheit mit einer fleischlichen, sektiererischen Gesinnung zu vertreten. Wie leicht kommt der Gedanke hoch: „Unsere Gemeinde ist irgendwie besser, treuer …“ Vielleicht kapseln wir uns deswegen unnötigerweise von Kontakten zu Gemeinden aus anderen Gemeindebewegungen ab. Ich weiß um das Problem, denn ich kenne mein eigenes Herz. Es gibt wahrscheinlich genügend religiöses Fleisch im Werk des Herrn, um einen Schlachthof aufzumachen.
Auch wenn die Gesundheit unserer Gemeinden unser Hauptanliegen bleiben soll, merken wir wohl, dass die Kooperation zwischen den Gemeinden der ersten Stunde auch nicht gerade unter idealen lehrmäßigen Voraussetzungen stattfand. Wir können (und sollen) nicht mit allen kooperieren, aber der Mangel an Zusammenarbeit soll nicht an unserer Herzensenge liegen. In Salzburg treffen wir uns mit Pastoren und Ältesten aus einigen freikirchlichen Gemeinden regelmäßig zum Gebet. Mit zwei dieser Gemeinden steht eine gemeinsame Evangelisation ins Haus, und gemeinsame Schulungen sind im Gespräch. Dieselben Geschwister werden auf unsere Tagungen eingeladen. Diese Gemeinschaft ist sehr bereichernd. Übergemeindliche Foren sind gute Möglichkeiten der Gemeinschaft, Förderung und sinnvollen Zusammenarbeit mit Geschwistern aus verschiedenen bibeltreuen Bewegungen.
Ein weiteres Problem ist das einseitige Verständnis der Selbstständigkeit. „Das Argument der Autonomie ist oft als Ausrede angeführt worden, keinen Rat von außerhalb der Gemeinde zu holen, auch wenn solcher Rat bitter nötig gewesen wäre. Sie ist auch als Ausrede strapaziert worden, um jegliche Form der zwischengemeindlichen Kooperation zu vereiteln …“
Wer die Christonomie als Gemeinde-Individualismus versteht, der versteht sie falsch!
Ratschläge
Und was sollen wir tun, wenn wir mehrere Gemeinden werden, die einen großen Konsens teilen? Das ist die konkrete Situation von ein paar Dutzend Gemeinden in Österreich und Bayern. Je breiter der herrschende Konsens unter Gemeinden ist, desto enger können sie zusammenarbeiten. Das Prinzip der Ungebundenheit wird dabei nicht notwendigerweise verletzt.
Für Gemeinden, die nicht eine zusätzliche „denominationslose Denomination“ werden wollen, sind die folgenden Ratschläge vielleicht eine Hilfe: Achten wir darauf, welches Selbstverständnis wir haben, wie wir über uns (und andere) reden und welche Strukturen wir aufbauen.
Das Selbstverständnis ist entscheidend. Wir sind ein ziemlich großer Haufen junger selbstständiger österreichischer Gemeinden. Aber wir sind mehr. Unsere Entstehungsgeschichte ähnelt einem Stammbaum. Wir sind eine Bewegung. Das können und wollen wir nicht leugnen. Und vielleicht finden wir gerade hier ein hilfreiches Alternativmodell zum organisierten Gemeindeverband.
Die christliche Bewegung
Mein Websters Dictionary definiert „movement“ (Bewegung) folgendermaßen: „… eine locker organisierte Gruppe verschiedenartiger Menschen oder Organisationen, die zu einem allgemein akzeptierten gemeinsamen Ziel tendieren.“ Eine klassische Bewegung setzt sich aus einigen Elementen zusammen. Zunächst wirkt ihr allgemein akzeptiertes gemeinsames Ziel wie Klebstoff, um die Gruppe zusammenzuschweißen, oder wie ein Kompass, der den Menschen ihre gemeinsame Richtung anzeigt. Wenn die Zielvorstellung die Richtung angibt, können heterogene Spieler ihre Verschiedenartigkeit behalten, weil die Einheit nicht in der Konformität, sondern in der Ausrichtung besteht. Man betont den Mittelpunkt, nicht die Peripherie. Die „Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (Abolition Movement)“ des 19. Jahrhunderts bestand aus ganz verschiedenen Organisationen, religiösen Gruppen und Einzelpersonen. Doch ihr gemeinsames Ziel vereinigte sie.
Dann haben viele Bewegungen weder ein Hauptquartier noch ein Oberhaupt. Ihre Zusammenarbeit erwächst von der Basis her. Da die Bewegung nicht eine Organisation mit formeller Mitgliedschaft ist, hat sie undefinierte Grenzen. Man kann in manchem mitmachen, ohne einem Klubzwang ausgesetzt zu werden. Eine Bewegung ist eben flexibler als eine Organisation. Schließlich ist sie eben in Bewegung, d.h. dynamisch.
Die Gemeinden des Neuen Testaments waren eine Bewegung in diesem Sinn. Sie hatten ein gemeinsames Ziel (Matth. 28,18-20; Eph. 4,16 usw.). Lehrmäßig betonten sie den Mittelpunkt (Kol. 1,17-18; 2,19), nicht die Peripherie (1. Tim. 1,3-5). Sie hatten kein Oberhaupt, zumindest nicht auf dieser Erde. Die christliche Bewegung war verschiedenartig und in unterschiedlichen Situationen flexibel in ihrer Arbeitsweise (vgl. Petrus und Paulus), aber sie verfolgte ihr gemeinsames Ziel. Die Gemeinde war eben in Bewegung.
Die gemeinsame Entstehungsgeschichte dieser österreichischen Gemeinden, ihr breiter Konsens und ihre geographische Nähe ermöglichen eine besonders enge Zusammenarbeit. Den möglichen unerwünschten Nebenwirkungen, andere Christen in der größeren christlichen Bewegung zu ignorieren oder die Eigenständigkeit der örtlichen Gemeinden aufzugeben, muss man entschlossen widerstehen.
Unsere Sprache verrät uns
Achten wir darauf, wie wir reden. In Salzburg sind wir eine christliche Gemeinde in Salzburg-Loig. Die Baptistengemeinde? Das sind die Geschwister in der Schumacherstraße.
Denken wir auch sorgfältig über Strukturen nach. Ein Beispiel: Seit dreizehn Jahren kommen Älteste aus etwa 35 Gemeinden in Österreich und Bayern zu Maria Empfängnis (8. Dezember) zusammen. Unsere Ziele sind die Vertiefung der brüderlichen Gemeinschaft, Informationsaustausch, Beratung über sinnvolle Zusammenarbeit und gemeinsames Gebet. Brüder berichten über Evangelisation, über das Fortschreiten der Gemeinden bzw. über die Hindernisse dazu und über mögliche Förderung durch begabte Brüder. An dem Treffen werden Vorträge über aktuelle Themen gehalten. Manchmal kommen Strömungen, wertvolle Bücher oder Kursmaterial zur Sprache. Einsätze, Jugendkonferenzen, Schulungen, Konferenzen, gemeinsame Kinderlager und dergleichen werden vorgestellt.
Dieses Treffen könnte sich sehr leicht zu einer Bundesstruktur weiterentwickeln. Aber diese Entwicklung will keiner von uns. Darum beschlossen wir alle einstimmig, dass dieses Gremium nicht beschlussfähig ist! An diesem Tag wird keine Entscheidung gefällt. Wenn Geschwister sich irgendwo engagieren wollen, wenn Gemeinden an einem Projekt teilnehmen wollen, entschließen sie sich dazu in ihrer Gemeinde. Das Entscheiden obliegt den örtlichen Gemeinden.
Was sollen die neu entstandenen Gemeinden tun?
Halten wir fest an unserem Haupt. Geben wir Ihm Vorrang in allen Dingen. Praktizieren wir die Christonomie und erleben wir Seine Herrschaft in unseren Gemeinden. Dann suchen wir Möglichkeiten, von anderen zu lernen und auch, wo es möglich und sinnvoll erscheint, mit anderen zusammenzuarbeiten. Gott sei die Herrlichkeit in der Gemeinde!