Gemeinde & Mission

Unnütze und nützliche Menschen

von Lennox Gilbert

übersetzt von Christian Odenwald (letzter Teil des Kommentars zum Titusbrief)

„Törichte Streitfragen aber und Geschlechtsregister und Zänkereien und gesetzliche Streitigkeiten vermeide! Denn sie sind unnütz und wertlos. Einen sektiererischen Menschen weise nach einer ein- und zweimaligen Zurechtweisung ab, da du weißt, dass ein solcher verkehrt ist und sündigt und durch sich selbst verurteilt ist!“ (Titus 3,9-11)

Während wir versuchen, uns dem Wohltun zu widmen, herrscht andauernd die große Gefahr, dass unsere Hingabe von zwei Arten von Menschen, die sich (leider) oft in christlichen Gemeinden vorfinden, abgelenkt und zerstört wird.

Ein unnützes Leben

Die erste Art sind Personen, die sich für kontroverse Diskussionen und für Auseinandersetzungen begeistern, die nirgendwo hinführen, die nicht Gewinn bringend und nutzlos sind. Sie fördern weder Leben, noch geistliche Gesundheit noch christusähnliche Schönheit. Der Rat von Paulus an Titus ist, diese Art von Diskussionen zu vermeiden. Das bedeutet nicht, dass er jeglicher Auseinandersetzung aus dem Weg gehen sollte. Manche Diskussionen sind wichtig und wir sollten anmerken, dass Paulus selbst, wie der Herr Jesus vor ihm, in viele Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Menschen involviert war. Aber es gibt viele Diskussionen, die nicht Gewinn bringend und nutzlos sind. Alle von uns – und besonders christliche Leiter – müssen lernen, diesen Unterschied zu erkennen.

Ich bin in einer Gemeinde aufgewachsen, wo ich bedauerlicherweise Zeuge vieler Auseinandersetzungen war. Sie waren eine schlimme und furchtbare Verschwendung von Zeit sowie von intellektueller und emotionaler Energie. Sie müssen auch für den Herrn eine große Betrübnis gewesen sein. Oft waren Leute in diese Auseinandersetzungen verwickelt, die nicht wirklich wussten, wovon sie sprachen, die aber gerne spekulierten und provozierten. Es waren Leute, die ein bestimmtes Steckenpferd hatten oder ein bestimmtes „Hühnchen zu rupfen“ hatten.

Beispielsweise sind manche Diskussionen über das zweite Kommen Christi oder über Gottes Souveränität und den menschlichen freien Willen wichtig und gesund. Aber oft erzeugen sie weit mehr Spannung als Licht und führen zu erhitzten Gemütern und Kopfschmerzen. Über die Jahre habe ich viele Spekulationen und Vorhersagen über die Wiederkunft Christi gehört, von denen sich viele als falsch herausgestellt haben. Ich habe nie beobachten können, dass solche Spekulationen und Auseinandersetzungen zu mehr Heiligkeit geführt haben.

Besonders jüngere Leiter sollten nutzlose und Zeit verschwendende Auseinandersetzungen vermeiden. Es wäre für Titus verlockend gewesen zu versuchen, jedem kontroversen Thema nachzugehen. Aber es wäre ein Fehler gewesen. Er musste sich darauf konzentrieren, das Wort in positiver Weise zu lehren. Er durfte sich nicht erlauben, in die umstrittenen Themen hineingezogen zu werden, die für jene Leute so faszinierend sind, die wenig Interesse an geistlichem Wachstum, Heiligkeit und gütigem, aufopferndem Dienst haben. Wenn man in diese Dinge hineingezogen wird, werden sie Gottes Absicht hindern, uns zu Menschen mit schönem Charakter zu machen, die das Evangelium schmücken.

Die zweite Art von solchen nutzlosen Menschen ist die, die Spaltungen verursacht. Oft findet sich eine solche Person unter denen, die bereits mit nutzlosen Spekulationen und Auseinandersetzungen beschäftigt sind. Das sind die Leute, die Menschen dazu zwingen, Partei zu ergreifen und die sich mit anderen zusammentun, die ihnen zustimmen. Manche dieser Spaltungen können über theologische Angelegenheiten entstehen. Beispielsweise haben Auseinandersetzungen über das Wirken des Heiligen Geistes oder die Rolle der Frau in vielen Gemeinden enorme und sehr traurige Spaltungen verursacht. Aber im Grunde haben die meisten Auseinandersetzungen in der Gemeinde keine direkte Verbindung mit der Theologie. Sie haben mit Verhalten zu tun.

Und jetzt sind wir wieder zurück bei den bösen, wilden Tieren! Man achte wieder auf Paulus´ Liste, wie er früher war: „Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mancherlei Begierden und Lüsten, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst, einander hassend.“

Bosheit und Neid sind oft der wirkliche Grund für Spaltung. Wut darüber, seinen Willen nicht durchsetzen zu können, oft verkleidet als „gerechter Zorn“, hat die Sehkraft vieler Leiter getrübt und zu allen Arten von gottlosem, schädlichem Verhalten geführt. Zorn darüber, zurechtgewiesen oder sogar gemaßregelt zu werden, kann dazu führen, dass eine Person Familie und verständnisvolle Freunde um sich schart, um einen Machtblock zu formen und zu versuchen, das Gemeindeleben zu stören und die Leiterschaft in eine Ecke zu drängen. Für eine Position oder einen Dienst übersehen zu werden, kann zu einer schwelenden Feindschaft führen, was im Kopf dieser Person wiederum eine dunkle Wolke über alles andere in der Gemeinde legt. Es kann auch leicht dazu führen, dass die Person Kontakt zu anderen Leuten aufnimmt, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben und sehr bald entsteht eine murrende und möglicherweise spaltende Minderheit in der Gemeinde.

Es fällt auf, dass Menschen, die damit beschäftigt sind, positive, liebevolle und gute Dinge füreinander zu tun, selten Spaltungen verursachen. Sie haben eine andere geistige Haltung. Ihr Fokus liegt darauf, wie sie anderen am besten dienen können, wie sie ermutigen können, wie sie lieben können. Ihr Fokus liegt darauf, wie sie aufbauen können, statt wie sie niederreißen können. Sie haben gelernt, das wirklich Wichtige vom Belanglosen zu unterscheiden.

Paulus drängt Titus, das sehr ernst zu nehmen. Eine Person, die Menschen gegeneinander aufwiegelt und Spaltung verursacht, soll erst gewarnt werden und wenn es noch einmal vorkommt soll sie ein zweites Mal gewarnt werden. Ein drittes Auftreten soll eine Entfernung aus der Gemeinde zur Folge haben. Warum nimmt er das so ernst? Eine Person, die mit anderen nicht auskommt, die zwischenmenschliche Fähigkeiten nicht lernen will – besonders Demut und ein Dienerherz, die zum gemeinsamen Leben und Arbeiten notwendig sind – kann enormen Schaden anrichten, nicht nur an den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde, sondern am Evangelium selbst. Die Person, die spaltet, ist verdreht, sündhaft und verurteilt sich selbst: der Schaden ist offensichtlich. Paulus weist Titus an, dass weise Älteste eingreifen und solche Leute entfernen sollen.

Ein nützliches Leben

Am Ende folgt eine Herausforderung an uns alle: Lerne, ein fruchtbares Leben zu führen1

Wenn ich Artemas oder Tychikus zu dir senden werde, so beeile dich, zu mir nach Nikopolis zu kommen! Denn ich habe beschlossen, dort zu überwintern. Zenas, dem Gesetzesgelehrten, und Apollos gib mit Sorgfalt das Geleit, damit ihnen nichts mangelt! Lass aber auch die Unseren lernen, sich für die notwendigen Bedürfnisse um gute Werke zu bemühen, damit sie nicht unfruchtbar seien! Es grüßen dich alle, die bei mir sind. Grüße, die uns lieben im Glauben! Die Gnade sei mit euch allen!“ (Titus 3,12-15)

Es scheint fast so, als ob Paulus bereits am Schluss ist, wenn er sich am Ende ein paar persönlichen Anweisungen widmet – aber das ist er nicht! Er erwähnt Zenas, den Gesetzesgelehrten und trägt Titus praktisch auf alles zu tun, was er kann, um ihm und seinem Gefährten Apollos auf ihrem Weg zu helfen. Er soll sicherstellen, dass sie alles haben, was sie brauchen. Das ist ein Beispiel aus dem wirklichen Leben dafür, worüber Paulus gesprochen hat – eifrig zu sein Gutes zu tun. Paulus selbst ist nicht in der Lage, Zenas und Apollos zu helfen, aber Titus kann es. Und wenn er es kann, sollte er es auch tun. Es ist keine Zauberei; es ist einfach, aber wohlüberlegt und sehr effektiv.

Es zeigt auch, wie praktisch Paulus war, wenn es darum ging anderen beizubringen, Gutes zu tun. Er zögerte nicht, ein Bedürfnis aufzuzeigen, das Titus erfüllen konnte. Manche Menschen sehen unmittelbar, was getan werden muss und beginnen sofort. Andere brauchen die Art von Impuls, die Paulus Titus gegeben hat, um in Fahrt zu kommen. Wenige von uns, wenn überhaupt jemand, würden der Wichtigkeit von Eifer zum Wohltun widersprechen. Aber was bedeutet das praktisch für uns? Wenn es darum geht Gutes zu tun, ist oft ein Erziehungsprozess nötig. Die Ältesten sollten darin die Führung übernehmen. Menschen brauchen Vorbilder, denen sie folgen können und sie sprechen auf Ermutigung, Ideen und Inspiration an.

Deshalb sollten wir fragen: „Was sehen die Menschen in ihren Ältesten und Leitern in Bezug darauf eifrig in guten Werken zu sein? Welches Beispiel wird gesetzt?“ Das ist keine Theorie und kein unklarer Anspruch. Menschen mit schönem Charakter tun schöne, gute Dinge. Paulus sagt: „Lass aber auch die Unseren lernen, sich für die notwendigen Bedürfnisse um gute Werke zu bemühen, damit sie nicht unfruchtbar seien!“ Das gilt für jeden. Das sind die Merkmale, die jedes Gemeindeglied kennzeichnen sollen. Dadurch wird für alle gesorgt und alle werden ein erfülltes, fruchtbares Leben führen.

Wir müssen nicht warten, bis wir alle Flecken und Runzeln unseres Charakters in Ordnung gebracht haben, denn wenn wir darauf warten, werden wir ein Leben lang warten. Unser Leben ist nicht vollkommen, aber es kann fruchtbar und zunehmend attraktiv sein. Wenn wir lernen unser Leben mit guten Werken zu füllen, so ist das schon ein Hauptelement in dem Prozess Jesus ähnlicher zu werden.

Schließlich beendet Paulus seinen Brief mit gemeinsamen Grüßen. Das ist eine Erinnerung an die Wichtigkeit von engen Beziehungen der Liebe und Unterstützung füreinander als Glieder eines Leibes. So streben wir danach, ein fruchtbares und attraktives Leben zu führen, das die Aufmerksamkeit auf das Evangelium und auf die Güte Gottes lenkt, der so großzügige Vorsorge für uns getroffen hat für sein großes Ziel, wahre Schönheit in uns hervorzubringen.