Unsere eigene Unzulänglichkeit
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Heute wollen wir uns mit einem Hindernis beschäftigen, das unsere Fähigkeit, als Insider zu leben, beeinträchtigt. Wenn wir uns damit nicht auseinander setzen, dann wird es uns aus der Bahn werfen. Es ist das Gefühl, dass wir so etwas nicht können. Das kann verschiedene Ursachen haben.
Wir betrachten unser Leben und denken: Wie kann mich Gott für andere Menschen verwenden, wenn in meinem eigenen Leben noch so viel fehlt? Wie kann ich Menschen über „Frieden mit Gott“ erzählen, wenn ich mir über meine Arbeit, meine Finanzen und die Freunde meiner Kinder Sorgen mache? Wer bin ich, dass ich irgend jemandem auch nur irgendetwas sagen kann?
Andere fühlen sich nicht geeignet wegen einer zerbrochenen Beziehung. Vielleicht haben sie in ihrer Ehe einige schwere Kämpfe auszufechten. Oder sie fühlen sich kraftlos, weil sie versuchen, sich von einer Scheidung zu erholen, die noch nicht lange zurück liegt. Viele haben Sorgen wegen der Kinder oder Konflikte mit der Verwandtschaft; oder sie haben sich am Arbeitsplatz Feinde gemacht. Wir fühlen uns wegen solcher Beziehungsschwierigkeiten schuldig – wir fühlen uns als Versager, die nicht das Recht haben, anderen einen Rat zu geben.
Manchmal ist es wahr. Manchmal versagen wir wirklich. Wir verlieren wirklich unsere Glaubwürdigkeit. Was sind die gängigen Einwände gegen das Evangelium, die ich von Menschen höre, die im Berufsleben stehen? Sie haben schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die sich selbst als Christen bezeichnen. Es ist genauso, wie der Apostel Paulus festgestellt hat: „Denn der Name Gottes wird euretwegen unter den Nationen gelästert.“1
Es ist möglich, dass wir das Evangelium durch unsere Lebensweise in Verruf bringen. Aber das geschieht nicht so oft, wie wir meinen, oder aus den Gründen, die wir uns vorstellen. Meistens liegt der Ursprung unserer Gefühle der Unzulänglichkeit in einer der vielen Lügen, die Satan uns auftischt, damit er uns weiter beeinflussen kann. Wir hören ihn sagen: „Echte Christen haben keine Probleme. Sie versagen nicht so wie du! Bring zuerst dein eigenes Leben in Ordnung, bevor du versuchst, jemand anderem zu helfen.“ Wir hören darauf – und halten den Mund.
Aber nehmen wir einmal an, es ist wahr! Nehmen wir an, ich habe tatsächlich mein Zeugnis zerstört, weil es sich herum gesprochen hat, dass ich jemanden bei einem Geschäft betrogen habe. Wie werde ich mit dieser Situation umgehen? Werde ich es dabei belassen und den Rest meines Lebens darunter leiden? Oder werde ich ans Licht treten und die Situation bereinigen und überwinden? Heilung kommt dann, wenn wir ehrlich sind, zuerst vor Gott, und dann vor anderen. Ob wir nun tatsächlich unsere Glaubwürdigkeit verloren haben, oder ob unsere Gefühle der Unzulänglichkeit unserer eigenen Phantasie entspringen: die bestmögliche Umgebung für geistliches Wachstum ist diejenige, in der wir uns von Gott im Leben von anderen Menschen gebrauchen lassen. Wenn wir uns darauf einlassen, dann werden wir entdecken, dass Gott sogar unsere Schwachheiten zu unserem Nutzen und zum Nutzen für andere gebrauchen kann.
Mikes Zeugnis
Viele Jahre basierte mein Leben auf zwei falschen Annahmen: als erstes glaubte ich, dass ich eine bestimmte Stufe von Fachwissen oder Kompetenz brauche und dass ich mein Leben in Ordnung bringen muss, bevor Gott mich verwenden kann. Ich glaubte immer, dass ich diese Stufe noch nicht erreicht hatte. Außerdem glaubte ich, dass die Dinge, die ich über Christus zu sagen hatte, wertlos würden, wenn die Menschen von meinen Schwächen und Kämpfen wüßten. Wie Sie sich sicher vorstellen können, bekam ich dadurch Schuldgefühle, Angst und tiefe innere Unzufriedenheit.
Ich hatte diese Gedanken nicht aus der Schrift. Sie stammten aus meiner Kindheit. Meine frühesten Erinnerungen an meinen Vater reichen zurück zu einer Situation, wie er uns wieder für eine Reise verläßt. Seine Arbeit als politischer Stratege und Organisator forderte von ihm lange Perioden der Abwesenheit. Meine Mutter blieb mit uns zwei kleinen Jungen zu Hause. Ich war der älteste. Mutter kämpfte mit Anfällen von schweren Depressionen und so wussten wir nie, was der Tag für uns bringen würde. Würde es ihr gut gehen, oder schlecht?
Als Kind suchte ich nach Sicherheit. Ich sehnte mich nach Stabilität und Gewissheit. Ich entdeckte bald, dass meine Eltern mich lobten, wenn ich etwas leistete. Ich lebte in einer Welt, in welcher der Vater abwesend war und die Mutter mit dem Alltag zu kämpfen hatte. Für mich war dieses Lob das beste, was ich bekam in meiner Sehnsucht nach Liebe und Annahme. Durch Leistung konnte ich mein unsicheres Leben in den Griff bekommen.
Dieses Verhaltensmuster nahm ich in mein Erwachsenenleben mit, und auch in mein Glaubensleben. In Situationen, die ich nicht im Griff hatte, fühlte ich mich unwohl. Aus diesem Grund stellte der Glaube, allein durch seine Definition, für mich ein spezielles Problem dar. „Glaube ist…Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“2 In anderen Worten, es ist nicht wirklich Glaube, wenn wir nicht über das hinauskommen, was wir selbst im Griff haben. Das war ein Furcht einflößender Gedanke für mich. Ich hatte Angst davor, Gott zu folgen, wohin Er mich führen wollte, weil dann meine Unfähigkeit sichtbar werden und ich als Versager dastehen würde. Ich fand es sehr schwer, damit aufzuhören, mein Leben immer zu beherrschen und Gott auf seinen Ruf hin im Glauben zu folgen.
Im Laufe der Jahre hat Gott mich allmählich von diesen tief verwurzelten Verhaltensweisen befreit, die mich gefangen gehalten hatten. Der Brief, den der Heilige Geist am meisten dazu benutzte, um mich zu befreien, ist der zweite Brief des Paulus an die Gläubigen in Korinth. Ich erkannte folgendes:
Ein Mann wird angegriffen
Die Glaubwürdigkeit von Paulus wurde angegriffen, als er diesen zweiten Brief an die Christen in Korinth schrieb. Einige Menschen versuchten, seine Glaubwürdigkeit als Apostel und Verkünder des Evangeliums in Misskredit zu bringen. Sie versuchten, seinen Einfluss zu untergraben mit dem Ziel, die Gläubigen in Korinth selbst zu beeinflussen. Sie waren Irrlehrer!
Im vorhergehenden Brief hatte Paulus die Korinther mit einigen schwierigen Situationen innerhalb der Gemeinde konfrontiert, wie Streitigkeiten, sexueller Unmoral, Gerichtsprozesse, und Durcheinander in den Gottesdiensten. In diesem zweiten Brief an die Korinther können wir erkennen, dass es Paulus ein Anliegen war, zu erfahren, wie dieser erste Brief aufgenommen worden war. Er machte sich auch Gedanken darüber, dass einige den Umstand anscheinend falsch interpretierten, dass er sie nicht wie geplant besucht hatte. Offensichtlich benutzten einige Menschen diese Tatsachen – den strengen Brief und die aufgeschobene Reise – um Streit zu säen und Paulus‘ Autorität zu untergraben. Sie sagten: „Paulus liebt euch nicht wirklich. Seht euch nur den Brief an, den er geschrieben hat! Und dann ist er nicht einmal erschienen, obwohl er euch gesagt hat, er würde kommen. Er kann kein wirklicher Apostel sein. Echte Apostel machen so etwas nicht. Ihr solltet uns nachfolgen. Wir sind als Führer glaubwürdiger als er.“
Paulus wusste über diese Vorgänge Bescheid, als er den Brief schrieb. Er wusste, dass es Menschen gab, die versuchten, die Macht an sich zu reißen und die dazu seine Glaubwürdigkeit in Frage stellten. Sie forderten Beweise, dass Paulus ein Apostel sei. Paulus hasste so eine Vorgangsweise, denn er wollte nicht mit dem angeben, was der Herr durch ihn gewirkt hat. Aber er ließ sich auf ihr törichtes Spiel ein. Er wusste, es würde dazu dienen, seine geistlichen Kinder eine der größten Wahrheiten des Christenlebens zu lehren.
Das Spiel
Bevor er dieses törichte Spiel begann, wollte er seinen geistlichen Kindern etwas sagen. Er wollte, dass sie die Wahrheit über ihn erfahren. So schrieb er: Es gibt eigentlich nur einen Beweis, dass ich für Euch ein Apostel bin, und diesen Beweis habe ich erbracht. Ihr seid der Beweis! „Unser Brief seid ihr, eingeschrieben in unsere Herzen…geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes.“3 Jeder von euch, jeder einzelne eurer Namen ist hier in mein Herz geschrieben, sagt Paulus. Ihr wisst es, und ich weiß es auch. Das ist mein Empfehlungsschreiben – das einzige, das ich brauche, um zu beweisen, dass ich ein echter Apostel bin. Wenn das klar ist, dann ist diese ganze dumme Diskussion zu Ende. Damit machte Paulus den ersten Schritt in diesem Spiel. Wenn sie sich rühmen und mit ihm vergleichen wollen, bitte sehr!
„Was aber jemand wagt – ich rede in Torheit – das wage auch ich.
Sie sind Hebräer? Ich auch.
Sie sind Israeliten? Ich auch.
Sie sind Abrahams Nachkommen? Ich auch.
Sie sind Diener Christi? – (Ich rede unsinnig) – ich über die Maßen. In Mühen um so mehr, in Gefängnissen um so mehr, in Schlägen übermäßig, in Todesgefahr oft. Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Schläge weniger einen bekommen. Dreimal bin ich…geschlagen worden, einmal gesteinigt, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten…oft…in Gefahren von Räubern…von meinem Volk…in Gefahren in der Stadt…in der Wüste…auf dem Meer…unter falschen Brüdern;…in Hunger und Durst…in Kälte und Blöße; außer dem Übrigen (noch) das, was täglich auf mich eindringt: die Sorge um alle Gemeinden.“4
„Nun, weil wir gerade dabei sind, uns hervorzutun“, fährt Paulus fort „werde ich euch sagen, worauf ich wirklich stolz bin!“ „Wenn gerühmt werden muss, so will ich mich der Zeichen meiner Schwachheit rühmen.“5
Der große Widerspruch
Seine Schwachheiten! Hier steht ein Mann, dessen Glaubwürdigkeit als Apostel in Zweifel gezogen wird. Er wurde dazu herausgefordert, sie zu beweisen. Seine geistlichen Kinder fragen sich, ob er das kann – und was aus ihnen wird, wenn all das vorbei ist. Und Paulus beginnt, über seine persönlichen Schwächen zu sprechen! Das ist so, als ob Sie in der Endauswahl für ein wichtiges Projekt stehen. Nur noch Sie, und drei andere sind zur Auswahl. Dann gehen Sie zu dem entscheidenden Bewerbungsgespräch mit dem Personalchef und einigen Managern. In dem Gespräch sprechen Sie aber nicht über die Vorteile, welche das Unternehmen durch Sie hätte, wenn Sie eingestellt würden, sondern reden nur über Ihre Fehler und Ihr Versagen in der Vergangenheit.
Der Fehler, über den Paulus sprechen wollte, ereignete sich ganz am Anfang seines Dienstes. Es war sein aller erster Versuch, Christus zu predigen. Es geschah in Damaskus, kurz nach seiner Bekehrung. Er sagte: „In Damaskus bewachte der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener, um mich gefangen zu nehmen, und durch ein Fenster wurde ich in einem Korb durch die Mauer hinabgelassen und entrann seinen Händen.“6 In welchem Zusammenhang steht dieses Ereignis mit den Schwächen von Paulus? Wir müssen uns diese Begebenheit in der Apostelgeschichte ansehen, um die Antwort darauf zu bekommen.
Der Bericht von diesem Ereignis zeigt, dass Saulus unmittelbar nach seiner Bekehrung „sogleich in den Synagogen Jesus predigte, dass dieser der Sohn Gottes ist. Alle aber, die es hörten, gerieten außer sich und sagten: Ist dieser nicht der, welcher in Jerusalem die zugrunde richtete, die diesen Namen anrufen?…Saulus aber erstarkte noch mehr im Wort und brachte die Juden, die in Damaskus wohnten, in Verwirrung, indem er bewies, dass dieser der Christus ist.“7
Ist das ein Fehler, fragen wir? Er überzeugte und verwirrte seine Gegner! Er konnte den Juden beweisen, dass Jesus der Christus ist. Das klingt nach Erfolg! Der nächste Vers erklärt es: „Als aber viele Tage verflossen waren, ratschlagten die Juden miteinander, ihn umzubringen…. Die Jünger aber nahmen ihn bei Nacht und ließen ihn durch die Mauer hinab, indem sie ihn in einem Korb hinunterließen.“8 Es geht nicht darum, ein Streitgespräch zu gewinnen. Es geht darum, den Menschen zu helfen, dass sie Jesus sehen können. Anstatt die Menschen durch seine mächtig Überzeugungskraft für Christus zu gewinnen, musste er um sein Leben rennen – in einem Korb, der normalerweise für Abfall benutzt wurde.
Von Damaskus ging Paulus nach Jerusalem, wo er dasselbe wieder versuchte: „… und sprach freimütig im Namen des Herrn. Und er redete und stritt mit den Hellenisten (den griechischen Juden),“ und das Gleiche geschah. Der Text fährt fort: „sie aber trachteten, ihn umzubringen.“ Dieser Neubekehrte machte mehr Schwierigkeiten, als er wert war. „Als die Brüder (in Jerusalem) es aber erfuhren … sandten sie ihn weg nach Tarsus.“9 Sie mussten ihn wegbringen. Paulus lebte die nächsten Jahre in Tarsus und Arabien, bis Barnabas ihn aufsuchte und ihn nach Antiochia brachte, damit er dort in der Gemeinde mithalf.
Diese ersten Versuche des Apostels Paulus, die in Fehlschlägen endeten, waren für ihn sehr ernüchternd. Ist es nicht interessant, dass er aus seiner reichen Erfahrung, die er während all dieser Jahre sammeln konnte, bei seinem Rückblick ausgerechnet das Versagen in Damaskus hervorhebt, als ob es in seinem Leben das wichtigste Ereignis gewesen wäre? Es war deshalb wichtig, weil es ihn eine wichtige Lektion lehrte.
Betrachten Sie den Unterschied zwischen dem ungestümen aggressiven Mann, der die Juden in Damaskus mit seiner Botschaft konfrontierte, und demjenigen, der das Evangelium den Menschen in Korinth verkündete. Paulus schreibt: „Und ich war bei euch in Schwachheit und mit Furcht und in vielem Zittern; und meine Rede und meine Predigt bestand nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft.“ Diesmal kam Paulus in Schwachheit! Er hätte sicherlich auch bestimmter auftreten können. Er hatte mit großer Eindringlichkeit begonnen – und er hatte feststellen müssen, dass es nichts brachte. Er hatte diesen Versuch aufgegeben und hatte einen anderen, wirksameren Weg eingeschlagen. Er hatte sich dafür entschieden, sich dem Heiligen Geist zu unterwerfen. Warum dieses? „Damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe.“10 Er trachtete nach bleibenden Resultaten, für die Ewigkeit.
Wenn wir unseren täglichen Aufgaben nachgehen, werden wir entweder auf uns selbst vertrauen, oder auf Gott. Irgendwie ist es einfacher und weniger anstrengend, das Leben nach unserer eigenen Vorstellung zu führen und nur auf uns selbst zu vertrauen. Es gibt uns die Illusion, dass wir alles unter Kontrolle haben. Wir wissen, was uns erwartet. Wir sind darauf vorbereitet und können so in der Welt bestehen.
Die andere Alternative ist es, sich auf den Heiligen Geist zu verlassen, und das kann beunruhigend sein. Wenn wir Ihn als Führer haben, wissen wir nie, wie etwas, das wir tun, ausgehen wird. Wir werden uns immer noch darauf vorbereiten, unsere Aufgaben zu erfüllen, aber wir wissen, dass Seine Absichten manchmal ganz anders sein können als unsere eigenen. Manchmal wird Er sogar entscheiden, dass wir eine Niederlage einstecken müssen. Wir wollen nicht so leben, und wir werden es auch nicht tun, bis wir nicht auch einige Male mit dem Abfallkorb hinunter gelassen wurden.
Darum brauchen wir unsere Unzulänglichkeiten. Ohne sie werden wir unser Bedürfnis nach wahrer Stärke nie verstehen. Für uns ist es schwer, mit dem Widerspruch umzugehen: dass wir in Christus schwach sind, wenn wir meinen, stark zu sein, und stark, wenn wir wissen, dass wir schwach sind. Geistliche Frucht entsteht nicht aus einem Gefühl der Stärke und der Selbstsicherheit. Geistliche Frucht entsteht nur durch den Heiligen Geist.
Unsere Mühsal, Schwächen und Schwierigkeiten annehmen
„…das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen…. dass es nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind; sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit Er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, damit Er das Starke zuschanden mache.“11
Es ist für uns nicht leicht, unseren Unzulänglichkeiten ins Auge zu sehen, aber unser Leben wird in den wichtigsten Bereichen stagnieren, bis wir das nicht getan haben. Oft verstehen wir diese Tatsache nicht. Wir meinen, alleine zurecht zu kommen und dabei auch eine gute Figur zu machen, aber wir werden keine bleibende Frucht bringen, bis wir uns unserer wahren Schwäche gestellt haben.
Mike fährt fort…
Audrey und ich haben die letzten dreißig Jahre mehr oder weniger in der Schule des Glaubens verbracht. Der Stundenplan scheint hauptsächlich aus Erfahrungen zu bestehen, die uns unsere Schwächen und unsere Abhängigkeit von Gott aufzeigten. Die erste Lektion, die wir lernten, ist unvergesslich. Sie dauerte drei Jahre, von Oktober 1975 bis Mai 1978.
Innerhalb dieser Zeitspanne starb mein Vater im Alter von 94 Jahren, und meine Mutter, die von Trauer überwältigt war, verfiel in eine schwere Depression. Sie wurde auf alles zornig und verlangte unmögliches von uns. Im Februar des Jahres 1976 wurde unser erstes Kind geboren. Am Ende dieses Jahres übersiedelten wir in eine andere Stadt, wo ich eine Stelle als Lehrer bekommen hatte. 1977 wurde unsere zweite Tochter geboren, die fünf Monate später beinahe starb. Wir hatten wenig Geld. Ich merkte, dass ich die Situation nicht unter Kontrolle hatte, wie sehr ich mich auch darum bemühte. Als ich nicht mehr alleine zurecht kam, überkam mich die Verzweiflung. Wir begannen, auf Gott zu vertrauen, und Er wartete schon auf uns.
Wenn wir nun Jahre später zurückschauen, sind wir dankbar für die kostbaren Lektionen, die wir in dieser Zeit zu lernen begannen. Sie haben uns seither durchs Leben begleitet. Wir erkannten, dass es nicht die Schwierigkeiten selbst sind, die uns helfen, Gott besser kennen zu lernen. Nur wenn wir die Schwierigkeiten im Glauben annehmen und sie als eine Möglichkeit erkennen, durch die wir Gottes Macht erfahren können, dann befinden wir uns auf dem Weg zur Reife.
Wir sehen auch, dass diese drei Jahre eine der fruchtbarsten Perioden in unserem Leben war. Einige Freunde, die wir während dieser Zeit gewannen, sahen das Wirken Christi inmitten all unserer Kämpfe. Sie wurden dazu motiviert, sich auch auf diese Reise einzulassen, um Ihn kennen zu lernen und Ihm zu folgen. Heute ernten ihre Familien und ihre Freunde die Früchte ihres Glaubens.
Schwachheit für Stärke eintauschen
Stellen wir uns vor, der Chef bringt dieses Wochenende einige Kunden mit, um mit ihnen über ein Produkt zu sprechen, das wir für sie herstellen sollen. Er übergibt mir die Verantwortung, um dieses Geschäft mit ihnen abzuschließen. Ich hatte vorher noch nie diesen Teil der Abwicklung übernommen, und bin schrecklich nervös, aber ich möchte diese Lektion der Abhängigkeit üben. In meiner Schwachheit muss ich mich auf Gott verlassen. Also benutze ich diese Gelegenheit, um Sein Eingreifen zu erleben.
Die Gäste kommen an. Ich unterhalte mich mit ihnen, spreche über das Produkt – und ich schaue auf Gott. Ich bitte Ihn, mir die Weisheit und die Worte zu schenken, die ich brauche. Und wissen Sie was? Es wird ein Erfolg. Den Kunden gefällt die Firma, und sie kaufen das Produkt. Der Chef ist zufrieden. Jeder sagt mir, was für gute Arbeit ich geleistet habe. Und ich glaube es. Ich bin selbst überrascht. Ich bin sogar besser, als ich es von mir jemals erwartet hätte! Nun habe ich einen besseren Ausgangspunkt auf der Karriereleiter.
So geht das immer. Gott wirkt – und wir stecken das Lob ein. Und jedes Mal, wenn wir das tun, verzerren wir das Bild. Wir rauben den Ruhm, der dem Herrn allein gehört.
Gottes Stärke in unserer Schwachheit ist eine Wahrheit, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen. Wir denken, wir haben das endlich verstanden und geschafft. Dann vergessen wir es und fallen zurück in Selbstvertrauen. Gott gab Paulus ein Leiden, das ihn dauernd daran erinnerte, damit er nicht in Versuchung kam, dasselbe zu tun. Er schreibt: „…Darum, damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, dass er mich mit Fäusten schlage.“12
Paulus litt an einer körperlichen Behinderung, die ihn andauernd quälte. Zunächst erschien sie ihm sinnlos. Er wollte doch seine ganze Energie einsetzen, um das Evangelium zu verbreiten, aber dann schlug ihn seine Krankheit. Er stellte sich vor, wie viel mehr er tun könnte, wenn er nur seine Gesundheit wieder hätte. Er dachte an eine einfache Lösung: Er würde um Heilung beten. Für ihn war es normal, für andere Menschen zu beten, und er hatte auch schon viele Heilungen erlebt. So betete er also für seine Heilung. Aber nichts geschah. Er versuchte es wieder. Es geschah immer noch nichts. Dann, als er zum dritten Mal betete, sprach Christus. Er sagte: „Paulus, für dich ist es besser so, wie du jetzt bist – schwach. Dann kommst du nicht in Versuchung, auf deine eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Und jeder, der dich sieht, wird auch wissen, dass ein Mensch wie du die Dinge, die du tust, gar nicht tun kann. Gott wird mehr verherrlicht, wenn du dich auf diese Weise durchkämpfst, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung.“13
Die Antwort, die Paulus gab, zeigt, welch tiefe Beziehung er zu Gott hatte. Da gab es keine Fragen, keine Klagen oder Selbstmitleid. Er sagte einfach nur: „Sehr gerne will ich mich nun meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“14
Nur irdene Gefäße sind brauchbar
„Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit das Übermaß der Kraft von Gott sei und nicht aus uns.“15
Darum ist es am besten, wenn ein Gefäß aus Ton angefertigt ist. Irdene Gefäße können Schätze, die sie beinhalten, besser herausbringen als Töpfe, die aus feinerem Material gemacht sind. Tontöpfe sind ganz einfach. Sie ziehen die Aufmerksamkeit nicht vom Inhalt ab. Es gibt keine Unklarheit über die Quelle der Kraft. Wir enthüllen die Wahrheit über die verwandelnde Kraft des Evangeliums am besten, wenn wir authentisch und ehrlich sind und unsere Schwächen zugeben.
Eine Freundin aus Beckys Studienzeit kam zu Besuch. Sie lehnte das Evangelium ab, das Becky und ihr Mann Don ihr während ihrem Besuch mitgeteilt hatten. Dann, am Vorabend ihrer Abreise, gab es Spannungen zwischen Don und Becky wegen eines Vorfalles zwischen ihnen beiden. Sie waren entmutigt, als sie die Freundin verabschiedeten. Sie fühlten, dass sie die Chance verspielt hätten. Ihre Worte schienen kein Gehör gefunden zu haben, und dann hatten sie den Besuch noch mit einer Unstimmigkeit zwischen ihnen beiden beendet.
Zu ihrer großen Überraschung rief die Freundin eine Woche später an, um ihnen mitzuteilen, dass sie Christ geworden sei. Sie erklärte, dass es die Art und Weise der Auseinandersetzung gewesen war, die ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Sie hatte gesehen, wie schmerzlich es für beide war, anstatt dass sie wegen ihrer Meinungsverschiedenheit übereinander herfielen. Was für eine Art der Beziehung ist das? fragte sie sich selbst. Wie funktioniert das? „Dann“ sagte sie, „verstand ich den Zusammenhang zwischen den Dingen, die ihr mir gesagt habt, und der Art, wie ihr lebt.“
Sie hatten ihr Christus durch ihre Schwäche gezeigt. Damit konnte sie sich identifizieren. Dass sie aus Ton gemacht war, wusste sie. Sie schöpfte Hoffnung, als sie entdeckte, dass Don und Becky aus dem selben Material geformt waren.
Die Wahrheit ist, dass wir alle schwach sind. Niemand von uns muss daran arbeiten, dass er ein irdenes Gefäß wird, denn das sind wir schon. Wir alle kämpfen mit vielen Unzulänglichkeiten. Aber das ist kein Grund, von sich zu glauben, in seinem Bemühen um andere als Insider ungeeignet zu sein. Wir neigen dazu, zu denken, dass wir nur noch ein wenig länger warten müssen, bis wir ein paar Dinge bereinigt haben, bis wir uns ein wenig kompetenter fühlen, bevor wir tatsächlich etwas tun. Die Wahrheit ist, dass dieser Tag niemals kommen wird. Der Feind wird es nie zulassen, dass wir von unseren Schuldgefühlen weit genug weg kommen. Weiterer Fortschritt in unserem geistlichen Leben wird minimal sein, bis wir nicht auf diese Art und Weise ins Licht treten. Wir müssen uns auf andere Menschen einlassen, so wie wir sind, mit all unseren Schwächen. Wenn wir das tun, dann werden wir entdecken, dass wir auf einem neuen Weg in die Freiheit sind, einem Weg, der uns befreit von der Herrschaft, die unsere Schwachheiten über uns hatten. Wir müssen als Insider leben, um selbst weiter geistlich zu wachsen!
Fußnoten
1. Röm 2,24
2. Hebr 11,1
3. 2. Kor 3,2-3; 4
4. 2. Kor 11,21-28
5. 2. Kor 11,30
6. 2. Kor 11,32-33
7. Apg 9,20-22
8. Apg 9,23,25
9. Apg 9,28-30
10. 1. Kor 2,3-5
11. 1. Kor 1,25-27
12. 2. Kor 12,7
13. 2. Kor 12,9
14. 2. Kor 12,9-10
15. 2. Kor 4,7.