Unterschiede in den Evangelien[1]
Wer die Evangelien studiert und miteinander vergleicht, stellt fest, dass sich viele Abschnitte wiederholen – besonders bei Matthäus, Markus und Lukas. Man liest dieselben Wunder, Gleichnisse und Botschaften vom Herrn. Trotzdem ist keiner dieser Berichte überflüssig – der Heilige Geist wiederholt sich nie ohne Grund.
Wenn man die Schriftstellen genauer untersucht, dann zeigt sich, dass nicht die Ähnlichkeiten, sondern die Unterschiede wichtig sind. Was nach bloßen Wiederholungen aussieht, enthält geringfügige Unterschiede, die höchst bedeutsam sind.
Es gibt viele Bücher, in denen die Gemeinsamkeiten in den Evangelien aufgelistet werden. Aber das ist nicht das Entscheidende. Nicht die Gemeinsamkeiten sind bedeutsam, sondern die unterschiedlichen Wahrheiten, die in den Texten aufleuchten, die auf den ersten Blick gleich zu sein scheinen. Das wird deutlich, wenn wir einige ähnliche Abschnitte miteinander vergleichen.
In allen vier Evangelien sagt Johannes der Täufer seinen Zuhörern, dass der Herr sie taufen wird. Als er sich nur an Gläubige richtete, sagte er: „Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit Heiligem Geist taufen.“ (Mk 1,8; Joh 1,33). Als sich aber Ungläubige unter seinen Zuhörern befanden, sagte er: „Er wird euch mit Heiligem Geist und Feuer taufen.“ (Mt 3,11; Lk 3,16). Johannes sprach von zwei verschiedenen Taufen: Die erste ist eine Taufe der Segnung, die zweite eine des Gerichts. Die Evangelien berichten also über zwei verschiedene Predigten und nicht über dieselbe.
Die Bergpredigt finden wir in Matthäus 5-7. Passagen daraus scheinen in Lukas 6,17ff wiederholt zu werden. Doch tatsächlich handelt es sich um zwei verschiedene Predigten, die zu unterschiedlichen Anlässen gehalten wurden. Im Matthäusevangelium spricht Jesus auf einem Berg, bei Lukas in einer Ebene. Er war mit seinen Jüngern herabgestiegen und stand auf einem ebenen Platz (Lk 6,17). Matthäus beschreibt den idealen Bürger des Reiches Gottes, wohingegen Lukas den Lebensstil der Jünger beschreibt, die das Evangelium verkündigen. Im Matthäusevangelium werden die „Armen im Geist“ glückselig gepriesen (Mt 5,3), bei Lukas nennt der Herr die „Armen“ glückselig (Lk 6,20). Es gibt keine Wehe-Rufe bei Matthäus, dafür aber vier „Wehe“ bei Lukas (Lk 6,24-26). Diese Unterschiede sollten nicht schnell und gedankenlos übergangen werden.
Matthäus und Lukas enthalten beide die Aussage: „Die Lampe des Leibes ist das Auge.“ Der Zusammenhang im Matthäusevangelium macht deutlich, dass Geldliebe die geistliche Wahrnehmung beeinträchtigt. Bei Lukas hingegen wird Geld in diesem Abschnitt überhaupt nicht erwähnt (Lk 11,33-36). Der Gedanke dort ist, dass der Segen aus dem Aufnehmen der Lehren Jesu und deren Weitergabe an andere kommt.
Dreimal finden wir in den Evangelien die Formulierung: „… mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“ In Matthäus 7,2 ist es eine Warnung vor einem Richtgeist gegenüber anderen. Dagegen ist es in Markus 4,24 eine Ermutigung, sich das Wort Gottes anzueignen und es anzuwenden. Lukas gebraucht diese Aussage, um zur Freigebigkeit unter den Gläubigen zu ermutigen (Lk 6,38).
In Matthäus 10,24 sagt Jesus: „Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer und ein Sklave nicht über seinem Herrn.“ Dann sagt er in Lukas 6,40: „Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer; jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer.“ Beide Aussagen scheinen das Gleiche zu sagen, sind aber ziemlich verschieden. Der Herr sagt bei Matthäus, dass der Jünger nicht erwarten kann, weniger Verfolgung erleiden zu müssen als sein Meister. Der Gedanke bei Lukas ist dagegen, dass ein Gläubiger einen Jünger geistlich nicht über das Maß hinausführen kann, das er selbst erreicht hat.
Die Neunundneunzig
Die Geschichte von den 99 Schafen ist sehr bekannt. In Matthäus 18,12-13 veranschaulicht sie die Liebe des Herrn zu kleinen Kindern (siehe V. 14). In Lukas 15,4-7 ist sie an die Pharisäer gerichtet und beschreibt diejenigen, die nicht anerkennen, dass sie der Buße bedürfen (V. 2.7). Das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30) darf nicht mit dem von den Pfunden verwechselt werden (Lk 19,12-27). Im Falle von den Talenten bekamen drei Männer unterschiedliche Geldbeträge entsprechend ihren Fähigkeiten. Die beiden Ersten empfingen trotz unterschiedlicher Fähigkeiten dieselbe Belohnung, denn sie waren treu. Der Dritte wurde verurteilt, weil er es versäumt hatte, das anvertraute Gut einzusetzen.
Im Gleichnis von den Pfunden bekommen drei Männer denselben Geldbetrag anvertraut. Alle drei haben dieselben Möglichkeiten. Einer vermehrte das Geld zehnfach, ein anderer fünffach und der Dritte überhaupt nicht. Die Belohnung der beiden Ersten unterschied sich je nach ihrer Treue, mit der sie das Geld vermehrt hatten. Der Dritte verlor, was ihm einmal anvertraut worden war.
Wie oft verleugnet?
Möglicherweise hat Petrus den Herrn mindestens sechs Mal verleugnet! Wenn wir die Evangelien genauestens studieren, dann stellen wir fest, dass Petrus Christus vor folgenden Personen verleugnet hat: 1. vor einer jungen Frau (Mt 26,69-70; Mk 14,66-68); 2. vor einer weiteren jungen Frau (Mt 26,71-72; Mk 14,69-70); 3. vor den Menschen, die im Hof waren (Mt 26,73-74; Mk 14,70-71); 4. vor einem Mann (Lk 22,58); 5. vor einem weiteren Mann (Lk 22,59-60); 6. vor einem Knecht des Hohenpriesters (Joh 18,26-27). Dieser letzte Mann unterscheidet sich von den vorhergehenden, denn er sagte: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ Es wird nicht erwähnt, dass die anderen dies gesagt hätten.
Am Ende jedes Evangeliums gibt der Herr Jesus seinen Jüngern einen Auftrag. Dabei sollte man besonders auf die jeweils unterschiedlichen Betonungen achten:
Matthäus – „macht zu Jüngern, predigt, lehrt“ (28,19f)
Markus – „predigt das Evangelium“ (16,15)
Lukas – „seid Zeugen“ (24,48)
Johannes – „folge mir“ (21,19-22)
Es ist offensichtlich geworden, dass scheinbar gleiche Abschnitte nicht bloße Wiederholungen sind. Wenn wir die Unterschiede sorgfältig untersuchen, anstatt nur darauf bedacht zu sein sie zu harmonisieren, finden wir tiefe geistliche Wahrheiten. Dadurch werden einige scheinbare Widersprüche aufgelöst, und wir bekommen eine neue Wertschätzung der Wunder des inspirierten Wortes Gottes.
[1] Auszug aus dem Buch „Achte auf den Unterschied“, CV Dillenburg