Gemeinde & Mission

Versagende Nachfolger (Joh 13,36-38)

von Gooding David

Auszug aus dem Buch „In der Schule Christi“ von David Gooding. Es handelt sich um eine Auslegung zu Johannes 13 bis 17, und soll 2013 beim CLV erscheinen.

Wir behandeln nun eine Lektion, der man in der Theorie relativ leicht zustimmt. Wenn wir ihr in der Praxis gegenüberstehen, ist das viel schwieriger. Es geht darum: Wie dankbar wir dem Herrn auch dafür sind, was er für uns getan hat, und wie entschlossen wir auch sind ihn zu lieben, ihm zu gehorchen und zu folgen – unsere Liebe und Entschlossenheit sind in sich selbst nicht ausreichend, um uns so in der Nachfolge zu halten wie es sein sollte. In Wahrheit haben wir verborgene Schwachheiten in uns, die den gesamten Vorgang leicht völlig zunichtemachen würden, wenn wir einzig auf unsere eigenen Mittel angewiesen wären.

Natürlich wird jeder Gläubige ohne Zögern zustimmen, dass er immer noch unvollkommen ist und immer wieder mal sündigt. Aber viele von uns nehmen geradezu ohne es zu merken an, dass wir mit genügend Entschlossenheit, Sorgfalt und Anstrengung unsere Sünden selbst überwinden oder unterdrücken und den gewünschten Maßstab der Heiligkeit erreichen können. Das ist einfach nicht wahr. Sünde hat uns mehr geschwächt und unsere Charakterstärke mehr beschädigt als wir meinen. Es kann auch eine herbe Erfahrung sein, wenn wir aufgrund wiederholten Versagens mit dieser unerfreulichen und beunruhigenden Tatsache konfrontiert werden.

Der bedeutende Apostel Paulus gibt offen das Gefühl äußerster Erbärmlichkeit zu, das über ihn kam, als er dies erkannte. Er sagt: „Also nun diene ich selbst mit dem Sinn dem Gesetz Gottes“, denn er erkannte klar, dass die einzig vernünftige Lebensweise die ist, Gott zu dienen. Er fügt hinzu: „Denn ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“. Gott wohlgefällig zu leben war für ihn nicht bloß eine kühle, rein verstandesmäßige Handlung. Er hatte Wohlgefallen daran, es bewegte ihn innerlich. Außerdem sagt er: „..denn das Wollen ist bei mir vorhanden“. Seine Entschlossenheit ein heiliges Leben zu leben, wurde durch einen eisernen Willen bedingt, aber vergeblich! Allzu oft stellt sich heraus, dass in der Praxis das genaue Gegenteil dieses Vorsatzes passiert. „Nicht das, was ich will, tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus“, klagt Paulus (Römer 7,15-25). Wenn man Verstand, Gefühl und Wollen vereint und durch sie ein heiliges, christusähnliches Leben führen möchte, wird man erkennen, dass sie völlig ungeeignet sind. Das war eine herbe Erfahrung für Paulus.

Gott wusste das jedoch von Anfang an. Als Paulus seine Unfähigkeit erkannte, zeigte Gott ihm die Vorkehrung, die er selbst getroffen hatte, damit selbst ein unfähiger Paulus dem Herrn Jesus nachfolgen, ihn lieben und ihm gehorchen kann, wie er soll (Römer 8). So wird es auch bei uns sein. Christus will uns durch Petrus unsere Unfähigkeit aufzeigen. Nur wenn wir bereit sind, Christus ernst zu nehmen und zu glauben, was er über uns sagt, werden wir bereit sein seine Vorsorge zu erkennen und zu ergreifen; dadurch rückt Heiligkeit dann tatsächlich in unsere Reichweite.

Petrus: ein Fallbeispiel für uns

„Simon Petrus spricht zu ihm: Herr, wohin gehst du? Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen. Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen. Jesus antwortet: Dein Leben willst du für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast.“  (Joh 13,36-38)

Als der Herr äußerte, dass er weggehen würde und seine Jünger nicht dorthin kommen könnten, dachte Petrus ein paar Augenblicke darüber nach und entschied, dass unser Herr die Dinge unnötig übertrieb. Petrus fragte: „Herr, wohin gehst du?“. Unser Herr antwortete: „Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen“.

Petrus war damit nicht zufrieden, denn er erkannte, dass die Antwort des Herrn auf eine Schwäche bezüglich seines Mutes hinwies. Er fragte: „Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen?“ Er meinte jedes Wort ehrlich, denn in den vergangenen Jahren war im Herzen des Petrus eine tiefe und herzliche Hingabe an den Herrn Jesus gewachsen. Soweit er es selbst wusste war er völlig bereit sein Leben für Jesus zu geben, wenn es notwendig sein sollte. Zweifellos war er kein Judas. Vielleicht war sich Petrus aufgrund der Offenbarung von Judas‘ Unaufrichtigkeit und Verrat umso sicherer, dass er den Herrn niemals so abscheulich behandeln würde. Er wollte dem Herrn folgen, seiner Meinung nach bis ins Gefängnis oder in den Tod, wenn notwendig. Denn seine Hingabe an Christus wurde bisher noch nicht angezweifelt. Das Problem war, dass er sich selbst nicht gut genug kannte. In Wirklichkeit gab es in Petrus‘ Persönlichkeit eine verborgene Schwäche. In wenigen Stunden würden durch die bösen Machenschaften des Teufels die Umstände unerträglichen Druck auf diese Schwachstelle ausüben. Petrus’ Hingabe würde völlig zusammenbrechen und er würde den Herrn verleugnen und verfluchen. Das musste der Herr ihm nun sagen und seine Schwachheit ebenso aufdecken wie vorher den Verrat des Judas.

Petrus‘ grundlegender Fehler

Natürlich dürfen wir Petrus‘ Schwachheit nicht mit Judas‘ Verrat verwechseln. Die Schwachheit des Petrus war die Schwachheit eines Menschen, der gebadet war, die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist erfahren hatte und völlig rein war (13,10.11). Der Verrat durch Judas war der Verrat eines Menschen, der nicht nur unbekehrt war, sondern unter der Führung des Teufels handelte und letztlich von ihm besessen war (13,2.10.11.18.27). Die Schwachheit des Petrus wird eines Tages überwunden sein, der Verrat durch Judas wird niemals aufgehoben.

Auf der anderen Seite wird Petrus‘ Schwachheit nicht automatisch überwunden. Es gibt nur einen einzigen Weg für uns Gläubige unsere Schwachheiten zu überwinden: Zuerst müssen wir an den Punkt kommen, dass wir ihnen ins Auge sehen und sie zugeben. Dann müssen wir über sie Buße tun und den Herrn um Gnade und um die Kraft des Heiligen Geistes bitten um sie zu überwinden. Wäre Petrus bereit gewesen dem Herrn Jesus zuzuhören und zu akzeptieren, dass er die Wahrheit sagte, hätte er sich ungeheuren Schmerz und Kummer ersparen können. Wir wundern uns vielleicht, wenn wir die Uneinsichtigkeit unseres eigenen Herzens nicht kennen, warum Petrus dem Herrn Jesus nicht in folgender Weise geantwortet hat: „Herr, ich kann es nicht glauben. Ich bin nicht diese Art Mensch. Ich glaube nicht, dass ich diese Schwachheit besitze, von der du sprichst. Aber wenn ich sie habe – und das weißt du am besten – dann sag mir bitte, wie ich sie überwinden kann. Du sagst, dass ich so etwas Abscheuliches tun werde. Wie kann ich davor bewahrt werden?“ Wenn er das gesagt hätte, hätte der Herr Jesus ihm ziemlich sicher gezeigt, wie er den bevorstehenden Fall vermeiden hätte können.

Aber nein, Petrus konnte das nicht von sich glauben, obwohl der Herr es ihm gesagt hatte. Er dachte, er hätte genügend Mut und Entschlossenheit, um jedes notwendige Opfer im Rahmen seiner Hingabe an den Herrn zu bringen. Tatsächlich hatte er das aber nicht. Deshalb musste er auf harte und bittere Weise lernen, dass der Herr ihn und seinen Charakter besser kennt als er selbst. Die Schwachheit, die der Herr an ihm gesehen und ihm gesagt hatte, war wirklich da. Sie musste an die Oberfläche kommen, bevor sie geheilt werden konnte. Wenn Petrus der Schwachheit nur dann ins Auge schauen und lernen könnte sie zu überwinden, indem er in Umstände kam, in denen er versagen und den Herrn verleugnen würde, ließ die Liebe des Herrn zu, dass Petrus in diese Umstände kam und diese entsetzliche Entdeckung machte. Kapitel 13 erinnert uns daran: „…da er die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende“. Seine Liebe war entschlossen, Petrus letztlich vollkommen zu machen, was es auch kosten möge.

Die Gewissheit von Petrus‘ Wiederherstellung

Aber Christus war sich natürlich sicher, dass Petrus letztlich wiederhergestellt und siegen würde. Er sagte zu Petrus: „Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst [mir] aber später folgen“. Und so geschah es auch. Der Mut verließ Petrus und er verleugnete und verließ Christus, um den Leiden im Hof des Hohepriesters und am Kreuz zu entgehen. Trotzdem wurde er später wiederhergestellt und diente Christus und folgte ihm auf großartige Weise für viele Jahre. Schließlich ging er durch den Märtyrertod heim in die Herrlichkeit, ebenso wie der Herr Jesus.

Wir sollten Folgendes nicht übersehen: Als der vorhergesagte Zusammenbruch kam, Petrus versagte und dem Herrn nicht, wie er sollte, in sein Leiden folgte, muss es eine gewaltige Ermutigung und neue Hoffnung für Petrus gewesen sein sich daran zu erinnern, was der Herr vor all diesem sagte: „Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen“. In den Höhen und Tiefen seines restlichen Lebens wird Petrus für sich selbst immer wieder die Worte des Herrn wiederholt haben und ihnen die volle Bedeutung gegeben haben. Er durfte dem aufgefahrenen Herrn noch nicht körperlich in die Herrlichkeit der Gegenwart des Vaters im Himmel folgen. Aber eines Tages würde er es zweifellos tun, denn Christus hatte es gesagt und seine Verheißung würde eintreffen. Außerdem würde der Zugang zur Herrlichkeit des Vaters im Himmel und der unmittelbare Blick auf den gesegneten Herrn Jesus sofort Petrus‘ Heiligung abschließen und die Gefahr weiteren Versagens wäre damit für immer gebannt. Dies ließ unser Herr den Petrus vor seinem Fall wissen. Die Gewissheit dieser Verheißung und die Ermutigung dadurch befähigten ihn, seinem Versagen ins Auge zu schauen, zurückzukommen und dem Herrn für den Rest seines Lebens hingegeben zu dienen. Da Christus niemanden bevorzugt dürfen alle, die ihm vertrauen, dieselbe Verheißung für sich in Anspruch nehmen.