Gemeinde & Mission

Warum diese Verschwendung?

von Fleming Kenneth C.

60 Jahre nach dem Auca-Massaker an Jim Elliot und seinen vier Missionarskollegen am 8. Januar 1956

Wenige Tage vor seiner Kreuzigung waren Jesus und seine Jünger zu einem Mahl im Haus Simons, des Aussätzigen, in Bethanien eingeladen. Eine Frau, vermutlich Maria, überraschte die Jünger dort, als sie mit einem Alabasterfläschchen voll sehr kostbaren Salböls zu Jesus kam und dieses auf sein Haupt goss, während er zu Tisch lag (Matthäus 26,6-13). Für Jesus spiegelte der Preis des Öls ihre Verehrung und Hingabe wider. Aber für die Jünger war ihr Opfer eine Verschwendung von sehr teurem Parfum. Sie beschwerten sich bei Jesus und fragten: „Wozu diese Verschwendung?“ (Matthäus 26,8). Jesus aber verteidigte Maria, die ihn auf so kostbare Weise verehrt hatte: „Wo dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem geredet werden, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.“ (Matthäus 26,13)

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Das Opfer der Missionare

Vor sechzig Jahren, am 8. Januar 1956, brachten fünf junge Missionare ihre Leben als eine Opfergabe dar. Sie versuchten, das Evangelium zu einem unerreichten Stamm im östlichen Dschungel Ecuadors zu bringen, der damals als „Aucas“ bekannt war (heute „Waorani“ genannt). Die Missionare waren Jim Elliot, Peter Fleming, Ed McCully, Nate Saint und Roger Youderian. Sie hatten gebetet, geplant und sich monatelang vorbereitet ein freundliches Verhältnis zu den Aucas aufzubauen. Sie suchten den Dschungel aus der Luft ab und entdeckten schließlich ein kleines Dorf. Mithilfe einer einzigartigen Eimer-Schnur-Konstruktion tauschten sie Geschenke mit den Eingeborenen aus. Nach ungefähr drei Monaten fanden sie eine Sandbank an einem nahegelegenen Fluss, wo sie ihr kleines Flugzeug landen und einen Zeltplatz errichten konnten. Drei Tage später, am 6. Januar 1956, besuchten drei Waorani, zwei Frauen und ein Mann, die Missionare ganz freundlich. Es war ein langer, wunderbarer Nachmittag. Sie nutzten die wenigen Sätze, die sie in Wao kannten und nahmen sogar den Mann auf einen Flug über sein Dorf mit.

Aber am Sonntag, den 8. Januar, griff eine Gruppe Waorani überraschend an, tötete alle fünf Missionare mit ihren Speeren und zerstörte das Flugzeug. Pete stand auf einem Baumstamm am Flussufer. Als er Jim, Nate, Ed und Roger aufgespießt sah, rief er auf Wao: „Wir sind eure Freunde. Warum tötet ihr uns?“ Dann wandte sich Kimo zu Pete. Sein Speer durchbohrte Petes Herz. Fünf Leben waren wie Marias Salböl als ein Opfer für Gott ausgeschüttet. Ihr Opfer ist seit 60 Jahren in Erinnerung und hat das Leben von Zehntausenden von Menschen verändert.

Genau wie die Jünger Marias Opfergabe als eine Verschwendung kritisiert haben (Matthäus 26,8), so haben manche das Opfer der fünf Missionare kritisiert. Fünf herausragende Missionare waren tot. Fünf Ehefrauen verloren ihre Männer und neun Kinder ihre Väter. Aber es ist wahr, dass eine aufrichtige Opfergabe für Gott nie eine Verschwendung ist. Jesus antwortete, dass Marias Opfer sogar ein „gutes Werk“ an ihm war. Er sagte: „Sie tat es zu meinem Begräbnis.“ Jesus fuhr fort und sagte, dass man sich überall in der ganzen Welt an Marias Opfer erinnern werde, wo das Evangelium gepredigt werden wird (Matthäus 26,10.13). Das ist wahr. Sogar nach 2000 Jahren erinnern wir uns immer noch an ihr Opfer, das ein Beispiel wahrer Anbetung ist, wenn wir uns zur Erinnerung an den Herrn versammeln. Es ist ebenso wahr, dass die Tat der Missionare in Ecuador im Jahre 1956 noch immer als ein mächtiges Zeugnis im Gedächtnis ist, wo irgend das Evangelium gepredigt wird. Betrachtet mit mir einen Überblick über den Einfluss ihres Opfers auf die Weltmission.

Einfluss auf die Waorani

Die erste Gläubige unter den Waorani war ein Mädchen, Dayuma, die von ihrer Gruppe wegen verschiedener Gewalttaten davongelaufen war und eine Arbeit als Landarbeiterin in der Nähe von Shell gefunden hatte. Eine Wycliffe-Übersetzerin, Rachel Saint, kam aus Peru nach Shell um ihren Bruder Nate zu besuchen, der ein MAF-Pilot war. Rachel erfuhr von Dayuma und ging zurück nach Ecuador um Dayumas Sprache zu lernen. Dayuma wurde gläubig. Sie wurde getauft, als sie und Rachel Amerika besuchten.

In der Zwischenzeit verließen zwei Frauen der Waorani ihr Gebiet um Dayuma zu finden. Durch Gottes Vorsehung trafen sie Elisabeth Elliot. Sie lud die Frauen ein bei ihr zu wohnen, bis Rachel und Dayuma aus Amerika zurückkehren würden. Als sie zurückkamen, gingen die drei Frauen der Waorani zu ihrem Zuhause im Dschungel. Schon bald kehrten sie zurück und luden Rachel, Elisabeth Elliot und ihre Tochter Valerie ein, mitzukommen und in ihrem Dschungeldorf Tewaeno zu wohnen. Die Missionarinnen lernten die Sprache der Waorani, während Dayuma die Geschichten aus der Bibel erzählte, die sie gelernt hatte. Das Evangelium begann in einige Herzen der Waorani einzudringen. Dawa war die erste. Dann rettete Gott ihren Mann Kimo, der Pete getötet hatte. Dann kamen auch andere der Mörder zum Glauben: Gikita, Minkaye und Dyuwi. Versammlungen begannen in Kimos Haus. Als sie einen weiteren Raum benötigten, bauten sie das „God’s Speaking House“. 1963 war Rachels Übersetzung des Markusevangeliums verfügbar und die Waorani-Christen fingen an die anderen Dörfer ihres eigenen Stammes zu erreichen.

Der Fortschritt wurde durch einen Stammeskrieg, eine Kinderlähmungsepidemie und einen Konflikt mit einer Ölfirma unterbrochen. Lloyd und Linda Rogers kamen 1965 nach Arajuno und zogen später nach Shell um die Reichweite ihrer Arbeit zu vergrößern. Lloyd wurde der Koordinator verschiedener Missionsgesellschaften, die bei der Arbeit unter den Waorani geholfen haben. Wycliffe-Übersetzer spielten für die Übersetzung des Neuen Testaments eine ausschlaggebende Rolle. Im Jahr 1992 wurde sie von Catherine Peeke und Rosi Jung abgeschlossen. Compassion International half wesentlich bei den Kosten für Bildung. Die Missionary Aviation Fellowship verwendete die Landebahn. In Shell wurde eine Außenstelle des Krankenhauses „Stimme der Anden“ in Quito errichtet. Gesundheitskliniken begannen, sich um die Nöte der Dörfer zu kümmern. Lloyd Rogers baute an der Küste einen Zeltplatz auf, wo viele Waorani zum Glauben an Jesus kamen.

Als einige Waorani gerettet wurden, gab es weniger Kriege im Dschungel und neue Dörfer wurden errichtet. Tonampare wurde zum dauerhaften Zuhause von Rachel Saint und Dayuma, bis der Herr sie nach Hause nahm. Jetzt gibt es fast 300 Gläubige bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 1800 Waorani, die in 15 Dschungeldörfern wohnen. In acht Dschungeldörfern gibt es regelmäßige Versammlungen der Gemeinden. In Damointaro gibt es eine kleine Bibelschule um junge Gläubige auszubilden. Andere Waorani haben an der größeren Bibelschule in Pomaski in der Nähe von Quito studiert, wo die Rogers jetzt leben. All das ist eine Bestätigung, dass das Blut der Missionare, der fünf Märtyrer, der Same der Waorani-Gemeinde wurde. Sie „gaben hin, was sie nicht behalten konnten, um zu gewinnen, was sie nicht verlieren können.“

Dank-Konferenz

Einer der Höhepunkte in meinem Leben war, einer Konferenz des Dankes und Lobpreises beizuwohnen, die von Gläubigen der Waorani veranstaltet wurde. Sie fand im Januar 2006 in Tonampare statt und wurde anlässlich des 50. Jahrestags der Märtyrertode ausgerichtet. Der Ort, wo die Männer starben, ist nur eine kurze Strecke vom Dorf entfernt. Von einem Dutzend Dörfer gingen 200 gläubige Waorani tagelang durch den Dschungel, um drei Tage mit Danksagung und Lobpreis Gottes verbringen zu können. Auch andere Gläubige von benachbarten Stammesgruppen, z.B. der Quichua, Shwar, Ashwar und Cofani, schlossen sich ihnen an. Etliche Missionare und Vertreter von Missionsgesellschaften, die den Waorani gedient hatten, unter anderem Wycliffe Bible Translators, Compassion International, Missionary Aviation Fellowship und das Vos Andes Krankenhaus, waren ebenso anwesend. Es war ein wunderbares Vorrecht, mit ihnen gemeinsam Gott für das zu loben, was er getan hat. Ich war begeistert, meinen Arm um Kimo legen zu können, der meinen Bruder Pete getötet hatte und jetzt gläubig und ein Leiter in der Gemeinde ist. Ich freute mich, Diyuwi zu sehen, der jetzt gläubig ist und lesen kann, wie er Schriftstellen in einem vollständigen Neuen Testament auf Waorani nachschlug und mit zehn jungen Gläubigen teilte. Diese jungen Menschen sollten an diesem Tag genau an der Stelle getauft werden, wo die fünf Missionare vor 50 Jahren am 8. Januar starben. Nach der Taufe brachen wir mit allen gemeinsam an dieser Sandbank das Brot, voller Anbetung und Lobpreis im Gedächtnis an den Herrn Jesus – was für eine Freude!

Einfluss auf die Weltmission

Durch Gottes Güte hat das Opfer der Missionare zur Errettung von 300 Waorani geführt. Das Leben im Dschungel, früher von Gewalt und Mord geprägt, hat sich bedeutend geändert. Es hat mich auch persönlich beeinflusst, da ich einige der Menschen kenne, die an der andauernden Arbeit unter den Waorani beteiligt sind. Meine guten Freunde, im Besonderen Lloyd und Linda Rogers, haben sich in den letzten 60 Jahren in diese Arbeit gestürzt, seit die fünf Männer gestorben sind. Die Vorträge, Schriften und Radiosendungen von Elisabeth Elliot waren ein anderer wichtiger Faktor. Durch seine Reisen dorthin, seine Reden und Schriften, hat Nate Saints Sohn Steve seit kurzer Zeit die Aufmerksamkeit Vieler auf sich gezogen. Er leitete den Dokumentarfilm Beyond the Gates of Splendor und den Spielfilm Die Spitze des Speers. Durch das Zusammenwirken dieser Ereignisse hatte diese Geschichte aus Ecuador einen größeren Einfluss auf die Weltmission als jeder andere Missionsbericht im vergangenen Jahrhundert! Weniger bekannt ist der Einfluss, den das Opfer dieser Männer in verschiedenen Teilen der Welt hatte. Ein paar kurze Darstellungen mögen uns helfen, das anzuerkennen.

Boyuibe, Bolivien 1977

1977 besuchte ich Mark und Carol Mattix, Missionare in Bolivien. Sie nahmen uns mit, als sie Gläubige in einem abgeschiedenen Bergdorf namens Boyuibe besuchten. Ein örtlicher Ältester stellte mir einige Fragen über meine Familie, bis er sich plötzlich für einen Moment entschuldigte und mit einer zerknitterten spanischen Ausgabe von Elisabeth Elliots Buch Durchs Tor der Herrlichkeit zurückkam. Sein Gesicht leuchtete auf, als er zu mir sagte: „Dann muss dein Bruder einer dieser Männer gewesen sein.“ Er fuhr fort: „Diese Geschichte führte dazu, dass ich mein Leben hingegeben habe Gott zu dienen.“

Timbuktu, Mali 1986

Steve Saint erzählt in seinem Buch Walking His Trail von einer Zeit, als er auf einer Erkundungsreise in der Stadt Timbuktu in der Sahara festsaß. Obwohl er kein Französisch konnte, traf er einen jungen Mann namens Nouh, der ihn zu einem Missionar am Stadtrand brachte. Als sie miteinander redeten, erzählte Nouh, dass er durch einen früheren Missionar zum Glauben gekommen war. Seine Eltern wurden darüber sehr zornig. Er musste die Schule verlassen und seine Mutter versuchte ihn zu töten, indem sie sein Essen vergiftete. Das Gift zeigte bei ihm keine Wirkung. Sein Bruder hingegen, der etwas von dem Essen gestohlen hatte, wurde krank und dauerhaft gelähmt. Nouhs Eltern verfolgten ihn weiter. Steve Saint fragte ihn, wie er seinen Glauben bewahren konnte. Er sagte, dass ihm der frühere Missionar französische Bücher gegeben hatte. Seine Lieblingsgeschichte war die von den fünf Männern, die in Ecuador gestorben waren. Der dortige Missionar sagte dann, dass er sich erinnere, dass einer der Gestorbenen den gleichen Nachnamen wie Steve hatte. „Ja“, antwortete Steve, „der Pilot war mein Vater.“ Nouh schrie laut auf: „Dann ist die Geschichte wahr!“ Die zwei Männer umarmten sich. Beide waren dankbar, dass Gott ein Treffen der beiden an einem Ort wie Timbuktu veranlasst hatte.

St. Louis, Missouri, 1951

Dr. Dan Smith, ein langjähriger Präsident der Emmaus Bibelschule, wuchs in Missouri auf. Er übergab sein Leben Christus, während er in einer Eliteeinheit, den Marines, diente. Er kam nach Missouri zurück, um sich vorzubereiten Gott zu dienen. Jim Elliot und Ed McCully kamen für ihren Dienst in die Gegend von St. Louis. In ihrer wöchentlichen Radiosendung half Dan bei der Musik. Er spielte Trompeten-Posaunen-Duette mit Ed. Fünf Jahre später hörte Dan, dass Jim und Ed in Ecuador getötet worden waren. Dans Reaktion war, ihren Platz einzunehmen. Er erzählte mir von seinem geistlichen Aufschwung, den ihm das gab. Er sagte: „Für mein geistliches Leben war das als ob ich den Nachbrenner aufdrehte.“ Dan dient dem Herrn bis zum heutigen Tage treu an der Emmaus-Bibelschule.

Amsterdam, Niederlande, 2000

Im Jahr 2000 fand eine von Billy Grahams Organisation gesponserte weltweite Konferenz für Evangelisation statt. Steve Saint und der Mörder seines Vaters, Minkaye, waren unter den 12.000 Delegierten aus der ganzen Welt. Während sie dort waren, konnten Steve und Minkaye die Menge fragen, wie viele Menschen aufgrund des Todes der fünf Missionare 1956 lebensverändernde Entscheidungen getroffen haben. Sie konnten es kaum glauben, als mindestens 3.000 Delegierte aufstanden.

Unsere Antwort im Jahr 2016

Diese fünf Männer sind nicht umsonst gestorben. Ihr Opfer war keine Verschwendung in Gottes Augen, sondern eine ihm wohlgefällige Handlung der Anbetung. Was ist nun die Auswirkung ihres Opfers für uns? Dieses Lied sollte unsere Antwort zusammenfassen:

 Nimm mein Leben, Jesus dir,

übergeb´ ich´s für und für.

… Nimm mich selbst und lass mich sein,

ewig, einzig, völlig Dein!

 Ken Fleming hat dem Herrn als Missionar, Bibellehrer und Autor gedient.

 Die einflussreiche Biographie über Jim Elliot sollte jeder von euch lesen. Sie heißt „Im Schatten des Allmächtigen.“