Wie unser Herr sein Reich aufrichtet
aus „Kommentar zur Apostelgeschichte“ (Seite 381 – 388, Auszug), CLV
Als Paulus in die Synagoge von Thessalonich ging, um Jesus als den Messias zu verkündigen, musste er angesichts der unterschiedlichen Auslegungen der damaligen messianischen Verheißungen nicht nur eine Sache nachweisen, sondern zwei. Zunächst musste er zeigen, dass der Messias nach dem Heilszeitplan des Alten Testaments leiden und dann von den Toten auferstehen musste. Und dann musste er die mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung des Herrn Jesus zusammenhängenden Tatsachen nehmen und zeigen, dass der darin verheißene Messias tatsächlich der von ihm verkündigte Jesus war (Apg 17,1-3).
Viele, darunter auch die Apostel selbst, stellten sich zunächst vor, dass unser Herr sich als diese Art von Messias erweisen würde (d.h. als Feldherr oder Revolutionär). Sie hielten seine Ankündigung, dass »das Reich Gottes … nahe gekommen « sei, für ein politisches Manifest. Sie glaubten, dass er selbst bald die höchste politische Macht im Land beanspruchen, die politischen Strukturen reformieren und die römische Herrschaft stürzen würde. Die Apostel unterließen es, ihre eigene Annahme zu hinterfragen.
Das Reich wird nicht durch politische oder militärische Macht aufgerichtet
Infolgedessen fiel es ihnen sehr schwer, das wiederholte Beharren Christi darauf zu verstehen, dass er als Messias leiden müsse, wie es in der Heiligen Schrift hieß. Weil Christus nachdrücklich darauf beharrte, kam eine politische Deutung seiner Stellung als Messias seitens der Jünger in keiner Beziehung infrage. Sehr zu ihrer Bestürzung und Enttäuschung verbot er ihnen außerdem das Schwert zu gebrauchen, um ihn zu schützen oder sein Reich zu errichten. »Mein Reich«, so erklärte er dem römischen Statthalter, »ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde; jetzt aber ist mein Reich nicht von hier.« (Joh 18,36).
Außerdem bedeutete sein Beharren auf den Leiden des Messias nicht einfach, dass er sich für den Augenblick seinen Feinden unterwerfen, leiden und sterben würde, um dann wiederaufzuerstehen und Israel sofort in einen politischen und militärischen Kampf gegen den römischen Kaiser Tiberius und seine Nachfolger zu führen. Vielmehr lehrte er ausdrücklich, dass sein Reich in seiner ersten Phase durch die Verkündigung des Wortes in dieser Welt errichtet werden würde. Was das Unkraut, die Saat des Bösen, betraf, so hatte er nicht die Absicht, seine Macht als Vollstrecker des göttlichen Gerichts einzusetzen, um es vor dem Ende des Zeitalters auszureißen und zu vernichten (Mt 13,24-29.37-43). Mehr noch: Der Apostel Petrus, der nach seinen früheren Fehlern auf diesem Gebiet seine Lektion gelernt hatte, ermahnte später seine Mitchristen ebenfalls:
„Unterwerft euch jeder menschlichen Einrichtung um des Herrn willen: es sei dem König als Oberherrn oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt werden zur Bestrafung der Übeltäter, aber zum Lob derer, die Gutes tun. Denn so ist es der Wille Gottes, dass ihr dadurch, dass ihr Gutes tut, die Unwissenheit der unverständigen Menschen zum Schweigen bringt …wenn ihr ausharrt, indem ihr Gutes tut und leidet, das ist wohlgefällig bei Gott. Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt; der keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden, der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der gerecht richtet.“ (1. Petr 2,13-15.20-23).
Das ist also das Erste, was Paulus deutlich gemacht hatte, als er in der Synagoge von Thessalonich predigte. Einige unter den Juden in der Gemeinde ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, ebenso wie eine große Zahl gottesfürchtiger Griechen und nicht wenige vornehme Frauen (Apg 17,4). Sie bildeten später die Keimzelle der christlichen Gemeinde in der Stadt.
Das Reich wird nicht durch einen Umsturz aufgerichtet
Aber viele der Juden, so berichtet Lukas, reagierten ganz anders. Sie versammelten einen Mob und zettelten einen Aufruhr an. Da sie Paulus und Silas entgegen ihren Erwartungen nicht im Haus eines gewissen Jason fanden, schleppten sie Jason und einige andere Brüder vor die Obersten der Stadt und riefen: »… Diese Leute, die die ganze Welt in Aufruhr versetzen, sind jetzt auch hier; Jason hat sie aufgenommen! Und doch handeln sie alle gegen die Verordnungen des Kaisers, indem sie sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus!« (Apg 17,5-7 [Schlachter 2000]).
Paulus hatte keine Gelegenheit, auf diese Anschuldigung zu antworten. Die Richter ließen sich von Jason versichern, dass Paulus die Stadt sofort verlassen würde, was dieser auch tat. Wir brauchen uns ebenfalls nicht die Mühe zu machen, die Anschuldigung zu widerlegen; es war ganz offensichtlich, dass sie das christliche Evangelium im Allgemeinen und die diesbezügliche Lehre des Paulus im Besonderen falsch darstellte. Aber natürlich haben auch wir selbst eine Pflicht gegenüber dem Evangelium, dem Beispiel des Paulus zu folgen und es in unserer modernen Welt niemals so auszulegen, dass gegen uns eine derartige Anschuldigung berechtigterweise vorgebracht wird. Das bedeutet nicht, dass wir in einem atheistischen Staat aufhören sollten das Evangelium zu verkündigen, weil das Evangelium als solches den ideologischen Grundlagen des Staates widerspricht. Aber es bedeutet, dass die Botschaft des Evangeliums selbst immer noch keine Aufforderung zum politischen Umsturz oder zum bewaffneten Aufstand gegen die Regierung sein kann. Es war nicht bloße Klugheit, die die Verkündiger und Schreiber des Neuen Testaments davon abhielt, die Gläubigen zur Teilnahme an Aufständen gegen den grausamen und auf Verfolgung der Christen bedachten Kaiser Nero aufzurufen, als sich die Juden insbesondere in Judäa und Galiläa im Jahr 66 n. Chr. gegen ihn erhoben. Es war vielmehr die Überlegung, dass es beim Inhalt und Geist des Evangeliums um etwas ganz anderes ging.
Das Reich wird durch Tod und Auferstehung aufgerichtet
Nach Paulus beinhaltet der Heilsplan der Schrift für die Errichtung des messianischen Reiches nicht nur den Tod des Messias, sondern auch seine Auferstehung von den Toten; und wir können uns kurz an einige der Auswirkungen dieser leibhaftigen Auferstehung für das hier behandelte Thema erinnern.
Erstens wird damit gezeigt, dass unser Herr die Erde nicht verlassen hat, um als körperloser Geist in einen rein geistlichen Himmel zu gehen. Vielmehr hat er jetzt einen verklärten Leib, einen Herrlichkeitsleib. In ihm hat die Wiederherstellung aller Dinge bereits begonnen.
Christen mögen sich darüber streiten, wie viele Phasen diese Wiederherstellung haben wird, und das erleben wir auch, aber wir können mit voller Gewissheit bekräftigen, dass Gottes Heilsplan für die Errichtung der messianischen Herrschaft unseres Herrn die Erde einschließt. Die Schöpfung selbst, die jetzt noch seufzt, wird von ihrer „Knechtschaft des Verderbens“ befreit werden. Ihr Seufzen wird aufhören, ihre Nichtigkeit und Vergänglichkeit werden beendet sein (Röm 8,20-22). Auch in der Ewigkeit wird es den biblischen Aussagen zufolge Erde und Himmel geben – sie werden durch eine Neuschöpfung ins Dasein gerufen. Gott ist darauf bedacht, dass seine Ratschlüsse in allen Bereichen verwirklicht werden – auch auf materiellem Gebiet: Damit ist verbürgt, dass unser Herr auf ewig der Menschensohn sein wird, der Verherrlichte im Himmel, der für immer die Merkmale seines Menschseins behält. Wir tun gut daran, uns an Folgendes zu erinnern: Der letzte Blick, der Johannes hinsichtlich der ewigen Stadt gewährt wurde, bestand darin, dass sich diese Stadt nicht in atemberaubender Geschwindigkeit von der Erde entfernte und auf einen rein geistlichen Himmel zubewegte, sondern dass sie aus dem Himmel auf die Erde herabkam (Offb 21,2).
Das Reich wird durch die Wiederkunft des Herrn aufgerichtet
Zweitens folgt auf die leibhaftige Auferstehung und Himmelfahrt Christi seine Wiederkunft im wörtlichen Sinne, woran uns die Apostelgeschichte schon gleich zu Beginn erinnert hat. Ja, im Neuen Testament wird überall betont, dass der Herr Jesus wiederkommenwird: Es geht nicht nur darum, dass Männer und Frauen eines Tages zu ihm in einen fernen Himmel gerufen werden, sondern vor allem auch darum, dass er selbst wiederkommen wird. Wir berauben die Sprache des Neuen Testaments ihrer klaren Bedeutung, wenn wir die ganzen Aussagen über seine Wiederkunft auf nichts anderes reduzieren, als dass er dort bleibt, wo er jetzt ist, und wir zu ihm gehen. Auf der Erde, auf der er gekreuzigt wurde, wird er von allen gesehen werden (Offb 1,7).
Alle Gläubigen werden das Reich erleben
Drittens teilte Paulus den Thessalonichern später in einem Brief, den er nach seiner Abreise verfasste, diesbezüglich Wichtiges mit: Ihm zufolge bieten der Tod unseres Herrn und seine leibhaftige Auferstehung die Garantie dafür, dass denjenigen Gläubigen, die vor seiner Wiederkunft starben, die Freude über die Teilhabe an seiner künftigen messianischen Herrschaft nicht entgehen wird. Daher schrieb Paulus:
„Wir wollen aber nicht, Brüder, dass ihr, was die Entschlafenen betrifft, unwissend seid, damit ihr nicht betrübt seid wie auch die Übrigen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird auch Gott die durch Jesus Entschlafenen mit ihm bringen. … Denn der Herr selbst wird … vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein.“ (1. Thes 4,13-17).
Und das, so scheint mir, ist für jeden von uns von immenser persönlicher Bedeutung. Der glühende Marxist – ob Mann oder Frau – wird aufgefordert zu kämpfen und (wenn nötig) sogar das Leben hinzugeben, um ein goldenes Zeitalter herbeizuführen, das er per definitionem nicht mehr erleben wird. Was ist ein glühender Marxist dann mehr als ein entbehrliches Wesen, das die Evolution, an die er glaubt, für ihren Zweck benutzt und dann wegwirft? Ähnlich verhält es sich mit den liberalen Juden, von denen viele unsicher oder sogar skeptisch sind, was die geistliche Unsterblichkeit und ein Leben nach dem Tod angeht. Wie wir gesehen haben, ist ihre Vision von einem eventuellen messianischen Zeitalter auf Erden in der Tat edel. Allerdings ist sie auch weit genug entfernt, wie die Geschichte nahelegt, denn um sie zu verwirklichen, hängt alles von den Bemühungen der Menschen und Nationen ab. Und dann gibt es diejenigen, die daran glauben, die dafür arbeiten, beten und Opfer bringen: Wenn sie dazu bestimmt sind, die Verwirklichung dieser Vision selbst nie zu erleben, was sind sie dann? Sind sie nicht winzigen Kreaturen vergleichbar, die leben und sterben, sodass eine Koralleninsel entsteht, die sie nie sehen werden und auf der sich eine begünstigte Generation in Tausenden von Jahren erholen kann? Das Christentum hat eine bessere Hoffnung für den Einzelnen als diese Trugbilder!
Im Reich wird das Böse endgültig besiegt
Schließlich gab es einen Punkt im biblischen Heilszeitplan für die Errichtung der messianischen Herrschaft, der von den Juden in Thessalonich als verräterischer, wenn auch verschleierter Angriff auf den römischen Kaiser missverstanden worden sein könnte. Als er bei ihnen war (2. Thes 2,5), wies Paulus darauf hin, dass der Herr Jesus, wenn er im Glanz seiner majestätischen Herrlichkeit wiederkommt, zunächst die Welt in Gerechtigkeit richten wird, und zwar im unmittelbaren und engen Sinne des Wortes »richten«. Das Böse wird beseitigt, und das „Unkraut“ wird ausgerottet und vernichtet werden. Der »Mensch der Sünde«, diese ihresgleichen suchende Verkörperung menschlicher Arroganz und dieser Führer, der die Rebellion gegen Gott auf die Spitze treiben wird, wird gestürzt werden. Zusammen mit ihm werden alle ins Verderben gehen, die Gott nicht kennen und dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen (2. Thes 1,7-10; 2,8-12).
Aber selbst wenn sich das, wovon Paulus sprach, auf den gegenwärtigen Kaiser bezogen hätte, gilt: Es wäre für niemanden – auch nicht für die Christen – eine Aufforderung gewesen, sich gegen ihn aufzulehnen, geschweige denn zu versuchen, an seiner Stelle einen anderen auf den Thron zu bringen. Wenn der Messias kommt, um das Böse auszurotten und sein Reich zu errichten, wird er nicht als eine Art übernatürlicher Bar Kochba oder Che Guevara oder gar als himmlischer Alexander der Große kommen und den dann im Amt befindlichen Machthabern ihre Stellung streitig machen. Er wird vielmehr als der menschgewordene Herr kommen, als Sohn dessen, dem das Universum gehört. Er wird mit jeder Obrigkeit der Welt tun, was er für richtig hält; und es ist kein Verrat an irgendeiner Obrigkeit in der Gegenwart, wenn Christen sagen, dass er dies tun wird.