Wird das Evangelium wirklich durch Geld verbreitet?
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“ von Jonathan Martin, mit Genehmigung des Autors, Fortsetzung aus dem vorletzten Heft.)
„Einige Menschen beten Erfolg an, einige beten Helden an, einige Macht, einige beten Gott an, und sie streiten über diese Ideale. Aber alle beten Geld an.“ (Mark Twain)
„Umsonst seid ihr verkauft worden und nicht um Geld sollt ihr erlöst werden.“ (Jes 52,3)
Der Apostel Paulus verbreitete mit einigen anderen das Evangelium im ganzen römischen Reich. Sie gingen von Stadt zu Stadt und die wenigen, die er zu Christus führte, haben viele andere zum Glauben geführt. Das Evangelium hat sich wie ein Steppenbrand verbreitet. Dieser Teil der Welt war die Wiege der Christenheit.
Oft frage ich mich, was wir als moderne Amerikaner denken würden, wenn wir in die Welt des ersten Jahrhunderts eintreten würden.
Zuerst würden wir wahrscheinlich von all dem Gestank einen Brechreiz verspüren. Obwohl die Stadt Rom eines der fortschrittlichsten Abwassersysteme der Zeit besaß, war es doch weit von dem entfernt, was wir heute haben. Sogar die besten Städte würden mehr nach dem riechen, was wir mit der Dritten Welt verbinden.
Die meisten Menschen im römischen Reich lebten in kleinen Dörfern, in kleinen Häusern zusammengedrängt. Ihre Notdurft verrichteten sie irgendwo hinten und es stank. In den Städten zogen Tiere die Wagen und verrichteten überall ihr Geschäft. Die meisten Städte waren total schmutzig, und nach unseren Vorstellungen zurückgeblieben und arm.
Reisen war langsam, einfach und sehr gefährlich. Sogar die Reichen lebten in Häusern, die man im Winter gar nicht oder bestenfalls schlecht heizen konnte. Sie mussten ihre Abende ohne Strom im Dunkeln verbringen, schwach beleuchtet von kleinen Öllampen, in der Helligkeit etwa mit Drei-Watt-Birnen vergleichbar.
Die meisten Häuser im Reich waren einfach aus Stein und Lehm. Der Fußboden war meist aus Erde, bei Reichen aus Stein. Es gab keine Kühlung. Zubereitetes Essen musste gleich aufgegessen werden.
Auch in den saubersten Städten waren die Straßen nach unserem westlichen Standard staubig und schmutzig. In Filmen sehen die berühmten römischen Bäder sehr einladend aus. Aber sie hätten jeden Menschen aus dem Westen abgestoßen. Stell dir vor, dass Hunderte den ganzen Tag lang in demselben unbehandelten Wasser baden. Das Wasser wurde sicher tagelang nicht gewechselt. Eklig! Das Gesundheitsamt würde solche Bäder heute sofort schließen.
Viele von denen, denen es in der Antike recht gut ging, würden wir heute als sehr arm ansehen. Ich hätte tiefes Mitgefühl mit den Leuten von damals. Stell dir vor, es ist ein total heißer Tag und es gibt keine Klimaanlage, nicht mal einen Ventilator.
Wir würden zwar die großartigen Gebäude der Griechen und Römer bewundern, aber alles andere würde für uns extrem nach Dritter Welt aussehen. Wir modernen Amerikaner würden fast alle aus dieser Zeit als arm betrachten.
Jedoch genau da, in dieser Armut, wurde der christliche Glaube geboren und ist gewachsen. Er war nicht aufzuhalten.
Jetzt kommt die Frage: War unser amerikanisches Geld nötig, um das Evangelium zu verbreiten?
Noch eine Frage: Braucht jemand unser Geld, der ohne Elektrizität lebt, ohne Kühlschrank, ohne Pizza, ohne Fernseher, um modern zu werden und glücklich zu sein?
Die Antwort in den Gemeinden im Westen ist ein ausdrückliches „Ja!“ auf beide Fragen. Oft haben wir unbewusst eine herablassende Haltung gegenüber Menschen aus der Dritten Welt. Diese Einstellung kommt auch in dem Gedanken zum Ausdruck: „Diese Leute sind auf mein Geld angewiesen, um das Evangelium zu verbreiten.“ Es ist aber eine Tatsache, dass die Christen im ersten Jahrhundert das Evangelium verbreitet haben und es auch heute noch schaffen. Sie sind sehr intelligent, fleißig, begabt und ihr Wunsch dem Herrn zu gefallen ist oft größer als unserer.
Wir erwidern: „Ja, aber sie sind so arm. Sie brauchen meine Hilfe.“ Aber in Wirklichkeit haben sie etwas zu essen, genug Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Außerdem haben sie Zeit für das Wichtige, wie Beziehungen innerhalb der Familie oder zu Freunden und Zeit für die Verbreitung des Evangeliums. Innerlich geht es ihnen dabei meist viel besser als jemand von uns, der dort lebt. Niemand ist arm nur weil er einfach lebt.
Wie viel kostet ein Abend mit geistlicher Wirkung?
Vor einigen Tagen saß ich in einem Wohnzimmer voller junger Paare und Studenten. Sie hatten mich um einen Abend zum Thema dieses Buches gebeten. Im Laufe des Abends fragte ich sie: „Ist dieses wöchentliche Treffen ein wichtiger Bestandteil von eurem geistlichen Leben?“ Ich kannte die Antwort schon. Die Leute waren eng befreundet. Sie hatten viel miteinander durchgemacht. Sie liebten einander. Und sie liebten Jesus und sein Wort.
„Sehr wichtig, der Abend bedeutet uns viel“, gaben sie zur Antwort.
Meine nächste Frage war: „Wie viel hat es gekostet diesen Abend zu veranstalten?“
„Bree und ihre Eltern haben für uns gekocht, die haben was ausgegeben.“
Ich fragte: „Und wer wird nächste Woche für euch kochen?“ – „Jemand anderer. Wir wechseln uns ab.“ „Wenn ihr euch abwechselt, dann gebt ihr nicht mehr für Essen aus, als wenn ihr für euch kocht. Es ist halt praktischer, wenn man sich abwechselt und für alle kocht.“ – „Genau!“, sagten sie. „Ihr habt also kein zusätzliches Geld gebraucht um einen bedeutungsvollen Abend miteinander zu verbringen. Stimmt das?“ Alle stimmten zu.
Dieser Punkt kann nicht genügend betont werden. Die wichtigsten Arten des christlichen Dienstes können ohne zusätzliches Geld ausgeführt werden. Die christliche Mission, die im ersten Jahrhundert das römische Reich veränderte, wurde so durchgeführt. Heute findet ohne Frage die größte Erweckung in der Weltgeschichte statt, in der Hausgemeindebewegung in China. Die Leiter der meisten dieser Gemeinden arbeiten den ganzen Tag, die Leute treffen sich in Privathäusern und die Kosten für das Essen werden geteilt. Außer für den Kauf von Bibeln gibt es kaum weitere Ausgaben. Was die Christen zusammenlegen wird zum Großteil nicht dafür verwendet vollzeitliche Pastoren zu bezahlen, sondern um Leute aus ihrer Mitte zu unterstützen das Evangelium in die Nachbarstadt zu bringen und andere zu erreichen.
Darüber sprach ich mit einer Gruppe junger Christen und einer fragte: „Warum ist die Gemeindearbeit in Amerika ganz anders und warum hängt alles vom Geld ab?“
Ohne eigentlich darüber nachzudenken, antwortete ich: „Was steht uns Amerikanern für Gemeindebau reichlich zur Verfügung?“ – „Geld!“, riefen sie.
Dann erklärte ich: „In einer Kultur, wo wir unglaubliche Summen für alles Mögliche ausgeben, hat diese Einstellung auch die Gemeinden beeinflusst. Es ist Teil unserer Kultur. Es macht einer Familie nichts aus, 200 Dollar für eine Wochenendfreizeit für die Teenager auszugeben. Die Freizeit ist super, aber wir erhalten den Eindruck, dass Leute auf diese Weise mit dem Evangelium erreicht werden. So haben wir es erlebt und beobachtet und es hat funktioniert. Deswegen exportieren wir dieses Vorgehen in Kulturen, wo nicht so viel Geld zur Verfügung steht. Was passiert dort eurer Meinung nach?“
Sie wussten es: „Wir stören ihre Gewohnheiten und ihre Gemeindearbeit.“
Gemeindebau hätte dort auch ohne Geld aus Amerika funktionieren können, aber wir bringen ihnen bei, wie es nur mit Geld aus Amerika geht. Aber dazu brauchen sie eben Geld aus Amerika, denn sie haben nicht so viel Geld und sind nicht von unserer Kultur geprägt.
Als wohlmeinende und großzügige Amerikaner haben wir damit die Grundlage für eine Abhängigkeit gelegt. Wir haben damit der Gemeindearbeit eine Grenze gesteckt, denn sie kann nur so weit wachsen, wie sie mit Geld aus dem Ausland gefördert wird.
So sollte es eigentlich nicht sein, Geschwister.
Sage ich damit, dass es nicht notwendig ist zu geben? Als Antwort borge ich mir die Worte von Paulus: „Das sei ferne.“ Der Herr Jesus ordnete an, dass wir geben sollen. Es gibt viele in großer Not, die nichts zum Leben haben. Es ist auch möglich, die Verlorenen durch den weisen Einsatz von finanziellen Mitteln zu erreichen. Manche von ihnen hätten sonst keine Möglichkeit das Evangelium zu hören und zu glauben. Aber es ist ein schlechter Anfang, wenn wir denken, dass wir wegen unserer „höheren Kultur“ und unseren „besseren Methoden“ überlegen sind. Diese „Armen“ haben uns genauso viel zu geben wie wir ihnen, vielleicht sogar mehr. Die Vorstellung, dass das Evangelium nur durch Geld verbreitet werden kann ist lächerlich und zerstörerisch.
Segen und Gefahr von Geld
Höre bitte gut zu: Das Evangelium wird durch Menschen zu anderen gebracht, zu denen sie eine Beziehung haben. Und es wird durch die Kraft des Heiligen Geistes wirksam. So war es schon immer und so wird es bleiben bis der Herr Jesus wiederkommt.
Im Geld liegt eine große Macht, die helfen oder hindern, aufbauen oder zerstören kann. Unsere Einstellung und die damit verbundene Art und Weise, wie wir geben, hat auch Macht aufzubauen oder abzureißen.
Geld kann man in vielem mit Feuer vergleichen. Wenn es unter Kontrolle ist und weise benutzt wird, hat es enormes Potential zum Guten. Aber wenn es außerhalb gewisser Grenzen brennt, kann es alles zerstören. Wir Christen im Westen lassen das Geld auf die los, denen wir helfen sollten und überschreiten die Grenzen, die dafür gesetzt sind. Dadurch wird oft mehr Schaden angerichtet als geholfen wird. Wir müssen das Feuer im Ofen lassen.
Die Gemeinde im ersten Jahrhundert hat das Evangelium verbreitet. Hat sie dazu jemand aus einem reichen Land gebraucht, der ihnen Geld schickte? Hat die Gemeinde damals jemand gebraucht, der anreist und ihnen ein schönes Gemeindegebäude hinstellt, damit sie andere zu Jüngern machen konnte?
Natürlich nicht. Bevor wir also hineinrennen und genau das machen, müssen wir anhalten und überlegen: „Ist das die beste Art, wie wir unser Geld und unsere Zeit verwenden können? Werden durch diese Verwendung des Geldes die Beziehungen am besten gefördert, durch die das Evangelium verbreitet wird?“ Vielleicht ist die Errichtung eines Gemeindegebäudes in manchen Situationen die beste Möglichkeit Geld einzusetzen. Aber es könnte noch etwas viel Besseres geben. Worauf ich hinaus will: Wir sollen nicht einfach annehmen, dass unsere westlichen Methoden die besten sind!
Haben die Pastoren im ersten Jahrhundert Autos gebraucht um von Ort zu Ort zu fahren und das Evangelium zu verbreiten? Natürlich nicht. Sie sind so gereist wie die anderen Leute in der Gegend. Stell dir vor: Das Evangelium kann zu Fuß verbreitet werden! Das ist für uns Amerikaner schwer vorzustellen, weil wir 200 Meter mit dem Auto zum Geschäft fahren, um Milch zu kaufen. Deswegen kaufen wir die ganze Zeit Autos für die Brüder und Pastoren in der Dritten Welt. Damit erheben wir sie in ihrer Kultur auf die Stufe „total reich“. Und das alles für das Evangelium, das sie viel besser zu Fuß verbreiten könnten. Gibt es darüber nicht sogar einen Bibelvers? Jetzt fällt er mir ein: „Wie lieblich sind die Füße derer, die das Evangelium verkünden“ (Römer 10,15). Stell dir das vor: liebliche Füße! Ein nettes Auto, darunter kann ich mir was vorstellen. Aber das ist wieder ein kulturelles Missverständnis von uns: „Wir brauchen Autos, sie also auch.“
Waren die Pastoren im ersten Jahrhundert auf finanzielle Hilfe aus Amerika angewiesen um überleben zu können? Nein. Sollen wir einem Pastor irgendwo auf einem Dorf in der Dritten Welt weitere 300 Dollar im Monat in die Tasche stecken? Vielleicht brauchen wir das zur Beruhigung unseres Gewissens, weil unser Haus sechs Mal so groß ist wie seins. Aber durch solche „großzügigen“ Gaben erheben wir den Pastor hoch über seine Gemeinde. Wir ruinieren seinen Ruf und seine Beziehungen zu den Geschwistern und sorgen mit ziemlicher Sicherheit dafür, dass sie nie mehr etwas in die Gemeindekasse einlegen werden. Übrigens ist ein Haus mit ein oder zwei Räumen nichts Schlimmes. Man ist vor Regen und Kälte geschützt und die Menschen haben jahrhundertelang gerne in solchen Häusern gelebt. Anstatt unser Gewissen durch so großzügige Gaben zu beruhigen, sollten wir uns vielleicht lieber fragen, ob wir für eine vierköpfige Familie wirklich ein Haus mit zehn Zimmern brauchen. In unserer Kultur wäre das eine herausfordernde Frage.
Was ist eigentlich Armut?
Wir müssen erkennen, dass Armut nicht darin besteht, dass man kein riesiges Haus und kein Super-Auto hat. Ein einfacher Lebensstil ohne Autos, Fernseher, Medien und Fertigmahlzeiten bedeutet nicht, dass die Leute arm sind.
Die Bibel fordert uns nicht dazu auf Leuten ein größeres Haus zu verschaffen oder mehr Sachen, wenn sie schon das Notwendige besitzen, aber einen einfachen Lebensstil haben. Die Bibel redet jedoch davon, dass wir uns um Witwen, Waisen und Flüchtlinge kümmern sollen. Wir sollen uns für die Rechte der Unterdrückten einsetzen. Sie alle haben echte Not und können sie nicht stillen. Wir sollen uns um die kümmern, die sich selbst nicht versorgen können, die Hungrigen, die Durstigen, die Kranken, die Sterbenden, die Einsamen.
Die ganze Bibel betont, dass die Menschen einen Retter brauchen. Wir müssen uns auch um die kümmern, die in geistlicher Not sind, die in ihrem Ego gefangen sind und um alle, die die Botschaft des Herrn Jesus nie gehört haben.
Unser Geben kann wirklich etwas bewirken. Es kann dazu beitragen das Evangelium zu verbreiten. Aber das geschieht nicht nur, weil Geld da ist, oder weil wir großzügig geben.
Geistliche und materielle Armut wird nicht durch das Überreichen eines Schecks gelindert, sondern durch eine Beziehung voller Liebe, Geduld, Weisheit und Verständnis. Das Ziel sollte eine bleibende Veränderung sein, nicht nur für einen Tag, ein Jahr, ein Leben, sondern für die Ewigkeit. Wir selbst müssen direkt in solche Beziehungen einbezogen sein.
Geld darf nie als Ersatz dafür gesehen werden, dass wir uns selbst in Beziehungen engagieren, die Leben verändern. Unser Geld muss auf eine Weise fließen, dass solche Beziehungen gefördert werden, mit Liebe, Geduld, Weisheit und Verständnis, mit dem ewigen Ziel im Blick. Wenn nicht, können wir genauso gut über arme Länder fliegen, die das Evangelium nicht kennen und unser ganzes Geld aus dem Flugzeug abwerfen.