Warum hast Du mich verlassen?
Gottesdienst in Erfurt, am Freitag, dem 26.4.2002, nachdem 16 Menschen von einem Schüler in einem Gymnasium erschossen worden waren: Ein Mitglied der Pfarrgemeinde spricht zu Beginn die Worte: „Fassungslos, Gott, sind wir, wo warst Du heute? … Wo geht es hin mit dieser verkehrten Welt? …“ Dann spricht die Gemeinde den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen …“
Die Welle der Gewalttat an Schulen breitet sich aus. Nach den Morden an Schulen in Schottland, in den USA, und in Japan geschieht das Unfassbare auch in unseren Schulen: Meißen 9.11.1999, Brannenburg bei Rosenheim 16.3.2000, Freising 19.2.2002 und jetzt Erfurt.
Mit dieser Welle der Gewalt beobachte ich ein zweites Phänomen: Gleichgültigkeit gegenüber Gott und moralischen Maßstäben.Eine Schwester wurde gefragt, warum Gott das alles zulässt. Hier ein Teil ihrer Antwort: „Ich bin überzeugt, dass Gott traurig ist über das, was an unseren Schulen geschieht. Aber wir haben ihn gebeten, dass er aus unseren Schulen und aus unserem Leben verschwinden soll, und weil er höflich ist, ist er gegangen. Wie können wir Hilfe und Schutz von ihm erwarten?
Das Schulgebet wurde abgeschafft. Das war uns egal. Dann sollte man besser nicht mehr die Bibel in der Schule vorlesen. Wir waren einverstanden. Dann sollten die Kinder nicht mehr von Eltern oder Lehrern bestraft werden, damit ihr Selbstwertgefühl nicht verletzt wird. Wir waren einverstanden. Dann meinte man, unsere Töchter dürfen abtreiben, sie haben ein Recht, über ihren Körper zu bestimmen. Wir waren damit einverstanden. Täglich werden fast 140.000 Kinder abgetrieben. Aber das macht uns nichts aus. Dann sagte die Unterhaltungsindustrie: Machen wir Filme, die Gewalt verherrlichen und Unzucht fördern. Und Musik, wo Drogen, Mord, Selbstmord und Okkultismus besungen werden. Wir waren damit einverstanden. Jetzt fragen wir uns, warum unsere Kinder kein Gewissen mehr haben und warum es sie nicht stört, ihre Mitschüler, Lehrer oder sich selbst zu töten. Wir säen, was wir ernten.“
Lieber Gott, warum hast Du das kleine Mädchen nicht beschützt, das in seiner Schulklasse erschossen wurde?
Mit freundlichen Grüßen
Ein trauriger Schüler
Lieber Schüler,
ich habe in Schulen Hausverbot bekommen.
Mit freundlichen Grüßen
Gott
Es sieht so aus, als ob nicht Gott uns verlassen hat, sondern als ob wir Gott verlassen haben. Noch schlimmer: Wir sind gegenüber Gott und seinen Geboten gleichgültig geworden und auch unseren Mitmenschen gegenüber.
Die Finsternis
Unsere Gesellschaft ist geprägt von Gewalttat und Gleichgültigkeit. Das ist ein Zeichen, dass der Herr bald kommt. Der Herr sagt: „Gleichwie die Tage Noahs waren, also wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein“ (Mt. 24,37). Wie war es in den Tagen Noahs? „Sie aßen und tranken, heirateten …“ (Mt. 24,38). Aber was ist denn daran falsch? Folgendes: Die Erde war voller Gewalttat (1. Mo. 6,13), Noah predigte das Wort Gottes und die Leute waren unberührt davon. Sie lebten einfach genauso weiter, voller Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort und gegen ihre Mitmenschen. Es war ihnen egal. Sie reagierten nicht. So ist es auch heute. Wie sollen wir reagieren?
Was tun?
„Erschreckt nicht, wacht“ fasst den Befehl des Herrn zusammen (Mt. 24,6.42). Dazu gehört: Wie Noah (2. Petr. 2,5) und die Geschwister in der Drangsal (Mt. 24,14) sollen wir das Wort verkünden. Noah rettete seine ganze Familie (Heb. 11,7), weil sein Verhalten von Gottes Wort geprägt war. Besonders in der Familie ist es nicht angebracht, viel zu predigen, denn einige müssen ohne das Wort gewonnen werden (1. Petr. 3,1). Zum Wachen gehört, dass wir diese furchtbare Entwicklung bedauern, aber nicht erschrecken (Mt. 24,6), weil wir davon wissen und Halt und Trost beim Herrn finden.
Und die Kraft dazu?
In Mt 24 wird die Zeit der großen Drangsal beschrieben (Mt. 24,21), in der wir uns jetzt nicht befinden. Es wird eine furchtbare Zeit sein, wie sie es noch nie gab, und nie wird es danach wieder so schlimm werden. Und doch werden Leute überleben und werden dem Herrn in dieser Zeit treu sein. Ich sage mir: Wenn die Kraft des Herrn groß genug ist für diese riesigen Versuchungen, so reicht sie auch für meine kleinen Versuchungen. Wenn der Trost des Herrn genug ist für die schlimmsten Tage der Erde, so reicht er auch für meine schlimmen Erlebnisse. Wenn die Bewahrung des Herrn groß genug ist für die größten Katastrophen, um hindurch zu retten, so kann er uns auch jetzt bewahren oder, wenn er möchte, zu sich nehmen. Wenn seine Kraft und sein Trost groß genug ist, dass Gläubige in der schlimmsten Zeit das Evangelium verbreiten, so reicht es auch für unser Zeugnis heute aus. Die Menschen haben Gott verlassen. Unsere Zeit ist eine finstere Zeit: Leben ohne Gott, voller Gewalt und Gleichgültigkeit. Sterne sind dazu da, um in der Finsternis zu leuchten (Phil. 2,15). Mögen die Artikel und Berichte dieser Ausgabe euch dazu ermuntern. Betet und leuchtet!